Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. April 1909 (Kassel)


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Ostersonntag. 11.4.09.
Cassel.
Lieber Freund.
Den Wunsch zu schreiben habe ich immer. Trotzdem sitze ich jetzt vor dem Bogen u. weiß nicht, ob ich nicht besser schweige. Ich weiß ja, daß Sie Interesse für mein Dasein haben, aber es ist wirklich eben nicht sehr interessant. Die Hauptzeit ist von dem Modellierkurs in Anspruch genommen u. außerdem wurde das schöne Wetter zu Ausflügen benutzt. Das Zusammensein in der Familie beschränkt sich auf Geselligkeit im größeren Kreise. So gehen die Tage rasch vorüber u. man kommt nicht viel zur Besinnung.
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Ich habe mich lange mit dem Gedanken nicht abfinden können, daß ich Sie nun wirklich nicht wiedersehen werde. Es war so viel, was mir Sorge machte u. was ich zu besprechen hoffte.
Müde u. verstimmt ging ich am Montag in der Kurs, nur weil ich mich einmal dazu gemeldet hatte. Aber der Segen der Arbeit bewährte sich u. ich fand wirkliche Freude daran. Nun will ich diese Woche noch recht fleißig sein, um möglichst viel dabei zu lernen. Es ist doch auf alle Fälle eine nette, berufliche Anregung.
Ich habe, wenn ich still zu Haus u. Tante beschäftigt war, viel durcheinander gelesen, Romane, Novellen, was ich gerade fand. Zu etwas Ernstem war ich zu müde u. zerstreut u. mit mir allein
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| sein, wollte ich erst recht nicht. So wird ja die Woche auch noch hingehen u. dann bin ich wieder in Heidelberg.
Mit Tante lebe ich sehr gemütlich zusammen. Von Aenne habe ich häufig Nachricht u. in Frankfurt geht es jetzt endlich besser. Also was will ich mehr? Ich wüßte es auch wirklich nicht, u. darum - Schweigen.
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Cassel. abends.
Hier bin ich bei herrlichem Sonnenschein angekommen u. morgen nachmittag fahre ich weiter. In meinem Hals ist nichts mehr zu sehen, er tut nicht weh, also - lassen wir ihn in Frieden. In Frkft. bleibe ich nicht.
Ich schicke Ihnen diesen angefangenen Brief mit zum Zeichen, wie desperat ich war, daß sie mich nicht wollten kommen lassen. Ein andermal macht mein liebster Bruder nicht wieder solche Dummheiten, nicht wahr? Er weiß doch, daß mir kein Opfer ist, was ihm eine Freude sein kann. - Bleiben Sie mir gesund, sorgen Sie für sich, so gut es eben geht. Ob nah ob fern in gleicher Liebe
Ihre Schwester.