Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. April 1909 (Bahn Berlin-Kassel)


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In der Eisenbahn
Berlin - Cassel,. 19. IV. 09.
Mein lieber, lieber Bruder.
Noch bin ich ganz betäubt von dem plötzlichen Abschied - es ist in solchen Stunden immer, als wenn alles Empfinden tief verschüttet läge u. nur gleichgültige Äußerungen treten in unser Bewußtsein. Aber da habe ich die schönen Blumen die mich so freundlich grüßen - u. dann, ach mein lieber Freund, dann etwas so unendlich Liebes u. Wertvolles, daß Ihnen Worte meinen Dank nicht ausdrücken können. Warum
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| aber haben Sie sich davon getrennt? Ich möchte doch so gern, daß Sie behalten, was Ihnen teuer ist. Sie wissen, wie heilig mir diese Gabe ist - u. was Sie mir dazu schreiben u. das kleine, so bedeutungsvolle Zettelchen. Ich sitze hier allein auf dem Eckplatz am Fenster, von keinem fremden Auge gestört u. betrachte wieder u. wieder diesen Gruß aus weiter Ferne, der mir die Seele tief bewegt. Wie unendlich danke ich Ihnen u. Ihrem Herrn Vater für dies Geschenk u. alles, was es mir sagt.
Grüßen Sie Ihren Vater vielmals, ich hoffe, Sie haben es schon getan, denn ich weiß nicht, ob ichs noch ausdrücklich sagte.
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Werden diese letzten Tage Wert u. neubelebende Kraft für Sie behalten? Das ist mein sehnlicher Wunsch u. ich denke an all diese inhaltsreichen gemeinsamen Stunden in Dankbarkeit u. stillem Frieden. Sie wissen, was der Wunsch meines Lebens ist, u. Sie haben Recht, daß das Schicksal ihn noch über meine Bitte hinaus erfüllt. Denn eine Schwester hat man wohl nicht nur für eine kurze Epoche, sondern für immer als treue Gefährtin, mag sich auch innen u. außen wandeln, was da will.
Dieser Wisch ist ja kein Brief! Also, bitte, verzeihen Sie dies
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| schmutzige Papier, das ich schon tagelang in der Handtasche trug. Es ist doch immer noch lesbar u. kann Ihnen also meine Grüße bringen. Die Fahrt war anfangs schrecklich, aber bald wurde das Coupee leerer u. nun ist ja schon bald die Hälfte vorbei. Bitte schicken Sie mir nach Heidelberg erst Nachricht, wenn ich meine Abreise von Cassel meldete. Sonst wird mirs am Ende noch nachgeschickt. - Wenn es Ihnen nur nicht schadet, daß Sie soviel Hetzerei rund um Berlin mit mir hatten! Ich hätte Ihnen so gern gestern abend noch gesagt, daß wir wenigstens Absolution bekommen.
Mit innigen Grüßen u. treuer schwesterlicher Liebe
Ihre Käthe.