Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. April 1909 (Bahn Kassel-Heidelberg)


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In der Bahn Cassel - Heidelberg.
20.IV.09.
Mein lieber Freund.
Es ist jetzt ihr Schicksal, mit dem Stift geschmierte Briefe von mir zu bekommen. Mir ist es aber Bedürfnis, nach Möglichkeit die so schnell liebgewordene Gewohnheit der beständigen Mitteilung fortzusetzen. Sie wissen ja, daß in H. bald die Zeit dazu fehlen wird, also brauchen Sie keine Angst vor der zu eifrigen Fortsetzung zu haben.
Sie können sich denken, daß ich im Geist beständig in der Vergangenheit weile, in dankbarer Rückerinnerung. In Cassel mußte ich noch viel erzählen, jeder wollte natürlich alles wissen, u. schließlich konnte ich unser Programm so tadellos chronologisch aufzählen, daß es jetzt bei der Aenne brillant gehen wird!! - Meine Tante hatte leider einen Gichtanfall, während ich fort war, aber heute ist der Fuß wieder besser.
Gestern mußte ich nun meinen Kram noch packen u. es kam allerlei Besuch. In der Nacht schlief ich einmal wieder
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| ohne musikalische Genüsse, ganz ausgezeichnet, u. ohne strenge Hausordnung bis in den Tag hinein. Noch während des Anziehens hörte ich auf der Straße den Familienpfiff u. konnte gerade einen vergnüglichen Gruß mit Kurt tauschen, der zur Kaserne ging. - Später kam meine Cousine Maria H., genannt Ida, die uns über Studium, Aussichten der Oberlehrerinnen, Schulreform etc. tot und wieder lebendig redete. Endlich erklärte ich, fort zu müssen u. brachte sie so auch auf den Weg. Ich ging dann noch ½ Stunde zu Mutti, wo die "kleine" Aenne auch am Packen war. Mittwoch fährt sie. Von Schwester Lietz fand ich eine Karte vor, ebenso von Hanna Virchow, der Modellierklasse u. Aenne. - Kurt erkundigte sich sehr lieb nach Ihnen. Am verständnisvollsten ist wohl das "Thereschen", u. die müssen Sie ganz entschieden bald mal kennenlernen. Ich hoffe noch immer, daß es sich im Herbst für ein paar Tage machen läßt. Nehmen Sie das nur mal in den Voranschlag auf.
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Was mögen Sie heute treiben? Ob der Brief an Dilthey fort ist? Ich muß so viel daran denken. Wenn Sie ihm nur nicht die Möglichkeit einer Ablehnung garzu nahe gelegt haben. Er darf es nicht tun, es kann nicht sein! Bitte schreiben Sie mir immer gleich von allem, was sich ereignet u. was Sie planen. Und was wir auf dem Marienkirchhof besprachen, das behalten Sie auch in Ihren Gedanken. Ich könnte es nicht ertragen, wenn mein lieber Freund nicht stolz wäre, aber es giebt auch einen falschen Stolz. Denn hier handelte es sich ja nicht um ein Annehmen oder Schenken, sondern einfach um eine geschäftliche Ordnung der Verhältnisse, ein momentanes Flüssigmachen von Mitteln, die später leicht zurückzugeben sind. Ich will nicht wieder davon reden, aber dafür geben Sie mir auch die Versicherung, daß Sie die Sache nicht einfach so schroff ablehnen wollen, sondern ernstlich u. sachlich bedenken u. daß ich "die Nächste" dazu bin. Sie können glauben, daß ich nicht nur so rede, sondern daß ich weiß, was ich sage, u. daß ich es verantworten kann.
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| Es ist doch nicht nötig, die Schwierigkeiten noch zu häufen, wenn man sie auf vernünftige Weise verteilen kann. Es handelt sich doch wahrhaftig nicht um eine äußere Bequemlichkeit, sondern um die Möglichkeit, einen ohne dauernden Schaden durchgeführten Weg zu finden. Und wir werden schon durchkommen, nicht wahr? Sie glauben nicht mehr, daß Sie vergeblich kämpfen? Ich kann das garnicht hören, es tut mir so weh.
Und lassen Sie sich von diesen Vorschlägen nicht ärgern. Es soll doch bei uns nicht nur das Leben in der Idee sondern auch der Realismus zum Recht kommen. Jetzt sind nun einmal harte, realistische Zeiten.
Hier ist man dem Frühling doch um einen Schritt näher. Ich habe schon blühende Bäume gesehen. Da wird es auch bei Ihnen soweit sein. Mir geht es heute bedeutend besser. Könnten Sie mir doch auch Gutes berichten! Wollen wir nicht mal um die Wette <ein Wort unleserlich>nehmen? Ich möchte so gern, daß Sie etwas zur Kräftigung täten! Von H. schreibe ich bald wieder. Ich <li. Rand> könnte ja nur immer so weiterplaudern. Herzliche Grüße an Ihren <li. Rand,S.3> Vater u. alle, die mich kennen. In freundschaftlicher Treue Ihre Käthe.