Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Januar 1910 (Charlottenburg, Postkarte)


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<Poststempel: 12.1.10>
Liebe Freundin! Ich muß Ihnen doch mitteilen, daß ich heute meine 1. Zeichenstunde gegeben habe. Ich besprach mit dem Seminar die Entw. d. zeichn. Begabung und zeigte das Buch v. Kerschensteiner. Gleichzeitig hatte ich mir eine kleine Zeichenkünstlerin aus d. 6. Klasse, [über der Zeile] 11 Jahre, bestellt. Sie sollte eine Elektrische zeichnen. Da sie das nicht konnte, schlug ich ihr eine Eule vor. Die hat sie dann auch zu wege gebracht. Dann sollte sie einen Hund u. 1 Katze malen. Wir waren ganz in unsre Sachen vertieft, als wir merkten, daß sie tatenlos dasaß und trostlos weinte. Sofort wanden wir alle pädagog. Kunst an, um sie zu trösten. Wir zeigten ihr die schönen Bilder im K. u. die Eulen, die noch viel schlechter waren als ihre. So renkte sich die Tragik wieder ein. - Heute hat die Univ. wieder begonnen. Im Schleierm. hatte ich 2 veritable Prediger. Der eine war gekommen, um mich für 1 Theol. Ferienkursus zu gewinnen, am 30. 31.III. 1.IV. über Schleiermacher. (minimum 100 M) Darf ich
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| Sie dazu einladen??! Bedingung ist natürlich, daß ich diese enorme Arbeit bis dahin aushalte. Denn ohne mich zu rühmen: Mir scheint, daß ich die halbe Phil. v. Dtschld jetzt regiere. Die Leute reißen sich rein um mich. Es ist manchmal ein Wunderwerk, diese heterogenen Arbeiten über den Tag zu verteilen, u. mehr ließe sich einfach nicht schaffen. Am 15.II. bin ich über den Berg. Hoffen wir, daß es geht. Herzlichste Grüße Ihnen allen stets Ihr Ed.