Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Januar 1910 (Charlottenburg)


[1]
|
<hier fehlt mindestens 1 Seite nach S. 2>
Charlottenburg, den 20.I.1910.
Liebe Freundin!
Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe? - Wie lange wollte ich schon schreiben, wie viel hatte ich Ihnen zu sagen - aber nicht eine Minute fand sich! Nun aber begrüße ich Sie in Heidelberg durch einen Brief, anstelle der mir wenig genügenden Telegrammartigen Karten. Hoffentlich haben Sie die Heimat gesund und in guter Gemütsverfassung erreicht! Ich denke Sie mir so gern gerade in Heidelberg, weil ich dort auch zu Hause bin! Fanden Sie unsre Freundin wohl und den Kreis der kleinen Künstler vollzählig? Hier ist das ungesundeste, unbeständigste Wetter; für mich relativ gleichgiltig; denn ich gehe doch nur von einer Arbeitsstelle zur andern.
Für einen Menschen, der sein höchstes Glück in der Wirksamkeit sieht, könnte der Beginn dieses Jahres wohl glücklich heißen.
[2]
| Aber die Freude am Schaffen hört auf, wenn man unter der Fülle der Aufgaben versinkt und keine von ihnen mit der ganzen Kraft einer gesammelten Seele durchdringen kann. Manchmal kommt es mir vor, als wenn ich der berühmteste und beliebteste Mann in ganz Deutschland wäre. Sie müßten nur einmal einen Blick in mein Produktionsbureau tun können: am Morgen 3 verschiedene Einladungen, 3 Anfragen von Verlegern und 3 Mahnungen um Antwort - das ist so die Regel. Die Hälfte des Tages geht in Absagen und Arrangieren hin. Notdürftig präpariert komme ich in die Schule, mühsam lese ich zusammen, was ich am Mittwoch auskramen soll, und wenn sich eine freie Stunde zeigt, so skizziere ich etwas für das Buch, das ein schöner Schmarren werden wird.
Die Dinge liegen jetzt so: Reuther u. Reichard geben mir bis Ende Februar Frist. Ich biete alle Energie auf, um diesen Termin zu erreichen. ca 150 Spalten Folio sind geschrieben. Aber wenn man nun Druck - und
[?]
|
um dies nicht für ihr größtes Glück zu halten. Und Böhm sagt mit Recht: definitiv urteilen könne ich über den Fall erst, nachdem ich den Bräutigam gesehen. (Gemeindebauführer über 30 in Wittenau.) Aber die Halbheit aller direkten pädagogischen Leistungen bei Mädchen, besser die Ohnmacht des Pädagogen gegenüber d. höheren Bestimmung, tritt doch haarscharf zu Tage.
Sehr viel Ärger habe ich mit der Vorlesung: der Stoff wird immer langweiliger, ja er wird knapp, und die Zuhörer sind bis auf 10 gesunken.
Schule nach wie vor munter und nett. Fehlt aber das Ästhetische, im Raum und in den Mädchen. Philosyphische Exkurse (im Seminar I sehr beliebt) nehmen sie mir spröde auf. Schillers Gedankenlyrik kommt nicht recht zur Klarheit. Eben probiere ich wieder den Ludwig Richter aus, da sie aber in Geschichte gerade Kunstgeschichte treiben, habe ich ihnen freigestellt, einen anderen Maler zu wählen, wenn sie wollen. - Eine Revision der Schule findet demnächst statt. Revisor ist Professor Heubaum, der in
[?]
| wissenschaftlicher Hinsicht mein Kollege ist.
Am 27.I. Kaiserfeier in d. Universität, bei der Riehl redet u. ich infolgedessen zum ersten Mal im Frack und ohne Orden mit dem Zug gehen muß. Am 28.I. Gesellschaft bei Riehl. Bei Paulsens war ich auch; es ist doch sehr still; der Sohn attachiert sich etwas an mich.
Die Lexikonsache schwebt noch. Ich suche ein durchschlagendes Motiv, sie abzulehnen.
Die Gingoleiste für den Humboldt ist eine sehr feine Idee. Aber sit ut estant non sit! Ich werde mit Reuther darüber reden. Der Ausstattung fehlt gerade dies. Natürlich müßte sie dann über jedem Hauptkapitel stehen. Darüber nächstens mehr.
Mein treuester Student heißt - Pieper. Aber Dr. Coss aus New-York (er kennt Frau Ada Weinel) und besonders der junge Altphilologe Herr Heinrichs aus Stettin sind mir auch sehr lieb. Wir waren neulich im Grunewald, wo ich mir einen hübschen Schnupfen im Regen holte. Aber ich mußte die Herren doch einmal einladen.
Die Stelle von der Spiraltendenz muß im "Eckermann" stehen. Nur so ist das orphische Vorwort zu deuten: es ist ein Entwicklungsgesetz (eine Formtendenz), nach der
[?]
| der Mensch angetreten ist. Aus ihr kann er nicht heraus; und schließlich muß er drum auch so genommen werden, d. h. so ideal, wie seine Natur es gestattet. Ganz dasselbe sagen ja auch Sie: die alten Kämpfe liegen unter uns.
Jeden Angriff auf die Heidelberger Schloßbiskuits, auch nur in Gedanken, verbitte ich mir. Sie schmecken ausgezeichnet zum selbstgekochten Kaffee.
Über Kügelgen kann ich Ihnen nichts Näheres schreiben. Er schickt mir nur noch seltsame Gedichte, die voll von tiefer Depression sind. Was gäbe ich, wenn ich Zeit hätte, ihm zu helfen. Aber wir sind so weit auseinander!
Trägt Frl. stud. Hadlich eine Brille und ist sie klein?
Ich muß jetzt ganz ohne Übergang abbrechen, damit der Brief fortkommt. Also nur noch innige Grüße und die Bitte um Nachsicht, daß ich so selten u. so konfus schreibe. Meine hiesigen Freunde sehe ich noch seltener. Viele Grüße auch an Frl. Knaps. Stets Ihr treuer Bruder Eduard.