Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Januar 1910


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24.I.10.
Liebe Freundin, Rektorin und Korrektorin!
Nicht zur Beantwortung Ihres lieben Briefes, sondern nur zu einer kurzen Beruhigung Ihrer heutigen Korrekturzweifel ergreife ich in Eile die Feder.
Vorher bemerke ich, daß ich allerdings im Lokalanzeiger heute morgen einen Kometen gesehen habe; aber Zeit ihn zu lesen hatte ich nicht. Und heut Abend wölbt sich über mir kein Sternenhimmel, sondern ein Bibliotheksdach. Gestern war ich mit dem Registrator, aber noch bei Tage, auf dem Marienfriedhof. Ich mußte früh zu Hause sein, weil m. Cousine ihren Zukünftigen vorstellen wollte. Beide kamen nicht; sollten sie etwa als Kometen an den Sternenhimmel versetzt sein? Aber ich rede mit Ihnen über dies Thema nicht mehr, weil Sie mir bestritten haben, daß ein Planet die Bahn der Erde kreuzt. Und Sie glauben mir auch zu wenig an die Dinge,
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| die wir nicht sehen.
Nun aber zum Geschäft: vor allen Dingen nicht so hastig! Sie wissen wohl nicht, wie Korrekturenlesen angreift. Also nie mehr als ½ Bogen am Tage, aber verteilt auf Vor- u. Nachm., sonst ¼. Meine Maximen sind folgende:
1) Neue Orthographie: Adjektiva, als Substantiva gebraucht, schreibt man groß. Also das Befriedigende etc.
2) Interpunktion beibehalten, ausgenommen das Komma vor und, wenn es gleichartige (nicht entgegengesetzte Satzteile) verbindet und völlig unmotivierte Kommata mitten im Satz (wobei dann entw. d. Komma ganz fortfällt, oder ein zweites eingesetzt wird, so daß kein Einschiebsel entsteht. Doch darf hier kein Zwang entstehen, sondern im Zweifel entscheidet das Gefühl.
3) Titelblatt ist buchstäblich genau abzudrucken.
S. 7 Zeile 23 machen Sie mich auf etwas aufmerksam, das ich übersehen habe. Derartige "Entdeckungen" sind es, auf die es mir ankommt.
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| Ich lese sonst sehr genau. Geändert habe ich
S. 6 Z. 20 diesem seinem
S. 7 Z. 25 eigentümlicher
S. 8 Z. 7 dadurch alles Erlernte.
Sonst nur das, was Sie selbst monieren.
Wenn Sie mehrere Bogen ganz gemächlich fertig gemacht haben, schicken Sie sie bitte an mich, der Drucker muß doch wissen, was endgültig fest gesetzt ist.
War sehr fleißig am Humboldt. Vielleicht wird er doch noch fertig. - Heute dem Seminar Cariolan-Ouvertüre vorgespielt. Jetzt beginnt schauerliche Praeparation auf Mittwoch.
Anbei 2 Drucksachen, wobei ich die Kantstudien zurückerbitte. Walzel ist Prof. an der Techn. Hochschule in unserem Dresden.
Kürzlich und herzlich
Ihr
Eduard.

Die Wahl Quedlinburgs finde ich nicht falsch, wenn wissenschaftliche Tätigkeit nebenher läuft, entweder zur inneren Ausfüllung oder für Übergang an höhere Schulform.
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| Jetzt war es schlau, durch das offene Tor zu gehen.
d. O.