Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. Januar 1910 (Berlin)


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27.I.10.
Liebe Freundin!
Das Schicksal will uns zu Hilfe kommen. Beiliegende Aufforderung sagt Ihnen das Nähere; ich habe angenommen! Was das für mich für eine Freude ist, und weshalb, das ahnen die guten Pfälzer Lehrer nicht. Aber Sie wissen es, nicht wahr?
Heute bin ich unter Posaunen-, Trompeten- und Paukenschlag zum ersten Mal in die Aula mit der Docentenschaft eingezogen; freilich als einer der Letzten. Ob ich jemals an der Spitze marschiere? - Riehl hielt die Rede über die Schrift, die wir beide eben korrigieren. Mir ist sie, abgesehen von den ersten §§, unerträglich. R. forderte Mittel für das Professorenseminar. Der Minister sah nicht so aus, als wenn er sie geben würde.
Ihre letzte liebe Karte hatte ich beantwortet, ehe ich sie bekam. Die Kommata
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| revidiere (und streiche) ich selbst. Mir kommt es auf Notierung unverständlicher Stellen und auf eigentliche Druckfehler an. Aber bitte, strengen Sie sich ja nicht zu sehr dabei an. Es eilt garnicht. Wenn die erste Schrift vollständig ist, bleiben noch 4 Wochen für Ihre Arbeit Zeit.
Sehen Sie doch im Humboldt nach, was ich über Roethe gesagt habe. Dieser Mann, den ich nie persönlich besucht habe, ladet mich zum 6.II. ein, "in dem Wunsche, einen ihn wissenschaftlich interessierenden jüngeren Kollegen persönlich kennen zu lernen". Heute tat er bei meiner Vorstellung nach der Feier pikiert, daß ich ihn nicht besucht habe. Er ist zwar z. Z. Dekan; aber ich habe mich doch unter seinem Vorgänger habilitiert u. kann R. seit den "Kindern der Frau Helche" nicht verknusen.
Heutiges Programm: 10 Uhr Schule, 12 Uhr Universität, 1 ½ väterlicher Frühschoppen, 4 Uhr Verleger Voigtländer, Konferenz, 5 Uhr Paulsen Steglitz. - Morgen Diner bei Riehl. Hoffentlich haben Sie ruhigere Tage. Das Zurückgehen meiner Vorlesung (5 Zuhörer) bedrückt mich tief.
Kürzlich u. herzlich wie immer Ihr Eduard.