Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Februar 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 15.II.10.
Liebe Freundin!
Ich habe eine halbe Stunde disponibel, ehe ich bei Knauer den längst schuldigen Besuch mache und dann (6-7) in der Universität mein Handwerk treibe. Wie so oft in Gedanken, eile ich für diese Zeit nun brieflich zu Ihnen. Wenn ich Ihrer sonst sozusagen stündlich gedachte, geschieht es jetzt jede Minute. Wenn die heller glänzende Sonne die Straßen endlich wieder einmal fröhlicher erstrahlen läßt, so denke ich daran, daß wir dies nun bald zusammen sehen werden. Seit ich weiß, daß Sie kommen, ist Frühlingsahnung in mir. Die kurze Karte über unser Programm werden Sie erhalten haben. Die Schule stört wirklich garnicht. Kein Weiser kann hier den Termin sagen. Weiteres s. u. Das Vortragsprogramm liegt bei. Daß Sie mit der Frau Geheimrat kommen wollen, ist mir eine hohe Ehre. Aber lieber dächte ich mir noch, Sie kämen mit mir. Also bitte keinen Entschluß, ehe wir darüber gesprochen haben.
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| Bogen erhalten Sie nicht mehr, weil der schwierige Teil der Korrektur mit Fichte erledigt ist. Wenn es Sie interessiert, Schleiermacher u. Steffens schon jetzt damit zu vergleichen, so werde ich Ihnen die Bogen direkt schicken. Herzlichsten Dank noch einmal für Ihre treue und wertvolle Mithilfe. - Über den Satz (Buchstaben) stand mir keine Entscheidung zu, weil das ganze als Bd. 120 der Philos. Bibliothek in deren Ausstattung erscheint. - Reuther ist verreist. Daher über die Gingoleiste noch nichts Definitives.
Fichtes Stil ist doch von eigner Kraft. Nur gehört er nicht in die Abhandlung, sondern auf die Rednertribüne. Haben Sie nicht einmal die "Reden a. d. dtsch. Nation" gelesen? Das ist doch etwas "Ästhetisches" in seiner Art.
Neulich bei Roethe bevorzugter Platz neben ihm, der schrie und tobte. Herrengesellschaft, ca 20. Morgen bei Riehl philos. Kränzchen, wo ich reden soll (über Phantasie, denke ich.) Donnerstag R. M. Meyer, abgelehnt. Sonntag: Stumpf do.
Da Sie jetzt an Seelenwanderung denken, erinnern Sie mich doch zu Ostern an Träume. Ich habe darüber m. eignen Gedanken. Seit einiger Zeit erlebe ich nämlich, daß alle wichtigen
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| Entscheidungen sich bei mir im Halbschlummer bilden. Am Tage eben keine Zeit. Daß das Persönliche versinkt, sagen Sie; ich unterschreibe den Satz nicht. Und wenn sich Ihr Gemüt dagegen wehrt, warum glauben Sie daran??
Walthers Definition ist fein, wie viele seiner Gedanken: "Religion ist Innerlichkeit". Erklärt nichts, beschreibt aber meisterhaft.
Hatten Sie Hermann über die "Jungfrau v. Orleans" gelesen. Thema für Ostern: Weltanschauungsbildung in der Schule. (Vergessen sie das Merkbüchlein nicht!)
Bd. 4 habe ich nicht gelesen. Frau Lenz behält ihn, weil sie ihn ebenso liebt wie Sie.
Mit welchem Zug kommen Sie? Hält er in Gr. Lichterfelde Ost? oder Wannsee?
Das mit dem Herrn Budenbender müssen wir fein einfädeln (ebenso mit Ruska), damit sie uns nicht festlegen. Ich will schwindeln, was ich kann. Dort im Süden hat's ja leichter Absolution. Auch darüber mündlich!
Ich lege eine Karte bei, die mir, trotz ihres außeramtlichen Charakters, die Woche lieblich eingeläutet hat. Ich habe mich wirklich
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| darüber gefreut, daß die halbe Kraft noch so wirkt. Bitte lesen Sie mal erst die Karte. - -
Denn der hinkende Bote kommt nach. Die Mädchen sind diplomatischer als ich. Heute deutete mir Dr. Böhm in höflichst-bedauernder und durchaus freundschaftlicher Form an, daß er die neue 1. Kl. in Dtsch übernimmt. Fürtrefflich: es sind nur 20. Mir soll die II. bleiben, in die eine als bodenlos borniert verschrieene II. Abt. hineinkommt,. Ich könnte es wirklich ertragen, an 2. Stelle zu stehen. Ist doch heute meine Potenz über jeden Zweifel gesichert. Aber ich fürchte, mehr als 40 [über dem Gestrichenem] 38 Schülerinnen zu haben. Daher habe ich eben dem Direktor geschrieben, wenn dies der Fall wäre, müßte ich kündigen, weil dann d. Unterricht das nicht mehr enthält, was ich in ihm suche: individualisierendes Eingehen auf die einzelnen. (Die Schreiberinnen der Karte gehören der künftigen I. an.) Außerdem kann ich die Arbeit mit etwa 45 Aufsätzen im Sommer nicht leisten. Und dann bäumt sich auch etwas in mir. Ich bin wirklich ein so pflichttreuer Lehrer, warum läßt man mir nicht die erste Stelle für das billige Gehalt? Ich bin neugierig, was der olle Mann sagt. Etwas Angst haben wohl beide.
Die halbe Stunde ist um. Nicht mein Stoff. Aber Herzlichst und dankbar Ihr Bruder in Berlin.
[li. Rand] Herzliche Grüße an Frl. Knaps.