Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Februar 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, Kantstr. 140.
Den 24. Februar 1910.
Liebe Freundin!
Die Sonne strahlte eben so hell ins Fenster hinein, daß ich mich in die echte Feststimmung für den morgigen Feiertag versetzt fühlte. Und wenn es auch solcher Anlässe unter uns nicht bedarf, so bringt mir doch dieser Tag besonders lebhaft ins Bewußtsein, wie meine Seele mit der Ihren verwachsen ist und alles, was ich vom Leben habe und hoffe, damit zusammenhängt, daß Sie glücklich sind und daß Ihr Dasein in meines hineinstrahlt. Nehmen Sie also in schlichten Worten die Wiederholung dieser innigen Wünsche. Und wie das unscheinbare Skizzenbuch, das ich Ihnen sandte, unter Ihrer Hand sich mit reichem, schönem Inhalt füllen wird, so werden Sie auch den Sinn und Gehalt dieser Wünsche aus dem deuten, was wir uns sind und in welchem Glauben wir es sind.
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Die Einfachheit meiner Geburtstagssendung bittet um Ihre Nachsicht. Aber es schwebte mir dabei ein Gedanke vor, der mich vielleicht entschuldigt. Vor sieben Jahren - eine heilige Zahl - bot ich Ihnen so die Blätter meiner Seele dar. Sie haben im Lauf der Zeit so manches hineingezeichnet, was mir erst Richtung und Bestimmtheit gab. In gedruckten Blättern gab ich es Ihnen zurück, ein schwacher Abglanz des Empfangenen. Vieles hat sich seitdem geändert. Vielleicht war meine Seele 1903 kindlicher und heiterer, als sie es heut noch sein kann. Aber heut wie damals liegt sie offen und klar vor Ihnen. Die tiefe Gemeinschaft unsres Lebens hat bewirkt, daß ich nie einen anderen mich zu erschließen Sehnsucht hatte. Denn bei Ihnen durfte ich es ganz. Und das ist eine so seltene Gabe unter den Menschen, daß ich sie wahrlich als die geheimnisvolle Fügung meines Schicksals wahre. - Sie haben viel Leid mit mir getragen, und ich habe oft bei Ihnen Trost suchen müssen. Aber Sie haben mich
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| immer wieder aufgerichtet. Stolz bekenne ich Ihnen heute, daß ich mich innerlich groß und mächtig fühle. An Gelehrsamkeit und Geschick mögen mich Tausende übertreffen. Aber ich fühle mich als ein Ganzes, und das Leben ist mir ein Ganzes. Darauf beruht meine Macht über die Menschen und meine Kraft, ihnen etwas zu geben. Nur flüchtig kann mich ein Zweifel berühren. Aber innerlich bin ich fertig; und was noch kommt, kann nur ein Ausgestalten der Skizze werden. Daß Sie die gezeichnet haben, war Ihre Mission für mich, und diese Gemeinschaft kann nimmer aufhören.
Ich danke Ihnen für Ihre letzten lieben Zeilen. Jetzt sind es nur noch 4 Wochen, bis wir uns sehen. Lassen Sie uns doch ja für ein Zusammensein Sorge tragen, das durch Experimente (Zusammensein mit Dritten) u. äußerliche Dinge möglichst wenig gestört wird. Im Grunde ist mir schon dieser Ferienkursus zu viel. Aber das ist nun nicht zu ändern. Ich bin heut besonders müde; leider nicht einmal ausschließlich von der Arbeit. Denn am Sonntag
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| habe ich mich mit dem Registrator im Wald zwischen Tegel u. Hermsdorf verlaufen, so daß wir 3 Stunden auf den Beinen sein mußten. Am Montag hatte ich die Teilnehmer m. Übungen zu einem Bierabend im Löwenbräu, der sehr harmonisch verlief u. entsprechend lange dauerte, da uns der Rumänier unter den Tisch trank. Und gestern nach der Vorlesung packte Ludwig u. mich eine so große beiderseitige Freude, nach Wochen wieder einmal ungestört zusammenzusein, daß wir uns garnicht trennen konnten.
Störend kommt in mein Programm eine Einladung zu Dilthey für Sonnabend. Sonst könnte ich in den nächsten Tagen die ersten 10 Bogen Humboldt vollenden. R. u. R. setzen Ministerium u. Stadt dafür bereits in Bewegung. Außerdem ist etwas im Gange (ob Bern, weiß ich nicht), da Erdmann biogr. Notizen u. Schriftenverzeichnis von mir einforderte. Der Pfarrer Köhler ließ mir heute (taktlos genug durch Dora Jürgens) sagen, daß der Billetverkauf ausgezeichnet wäre. Wir rechnen auf 400 Personen. Ich aber auf 401, u. dies ist jetzt mein liebster Gedanke.
Feiern Sie Ihren Festtag so froh, wie ich Ihrer gedenke, und grüßen Sie auch unsre Freundin herzlichst. Mit treuen innigen Wünschen
Ihr Bruder Eduard.