Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. März 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 19.III.1910
Liebe Freundin!
Ihre eben erhaltenen lieben Zeilen beantworte ich umgehend, obwohl ich - wohl infolge des häufigen Gedenkens - fast das Gefühl habe, als wären Sie schon hier.
Das gute Wetter haben wir anscheinend leider verwirkt! Heute schneit es und ist so häßlich, daß ich nicht einmal auf den Kirchhof kann. Heut vor 8 Tagen, am Geburtstag, war draußen alles schon so frühlingshaft. - Wenn ich zurückblicke, so steht ein Jahr vor mir, in dem ich auch nicht die mindeste Ruhe zur Einkehr in mich gehabt habe.
Es freut mich, daß Sie so manchen frohen Eindruck hatten. Wie seltsam! Auch mich hat gestern in Treptow der Gesang von ein paar Schulmädchen tief ergriffen, obwohl ich die internationale Gelehrsamkeit
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| bei mir hatte: 2 Amerikaner, der eine aus meinen Übungen (Ihnen für Heidelberg zugedacht), und draußen trafen wir seltsamer Weise noch 2 andre Studenten: den Rumänen und den Historiker. Dies nebenbei. Daß die Kinderlieder auf Sie gewirkt haben, verstehe ich tief. Das geht mir noch über die photographierten Pilze. Möge doch nun auch in der Sache des jungen Patienten endlich einmal Sonnenschein eintreten!!
Von frohen Eindrücken kann ich nicht berichten. Ich war so unglücklich und mutlos, wie lange nicht. Mein Vater war wiederholt nicht gesund. Auch ich bin körperlich sehr angegriffen und halte mich nur durch das tägliche Muß. Aber hier gleich eine Bitte: Machen Sie mich nicht mit der Gesundheit ängstlich; sie kann nur standhalten bei völliger Energie und Selbstvertrauen, und es ist vorläufig garnichts zu ändern. Ein Teil des Ms ist am Mittwoch abgeliefert, und bis zu 4/5 des Ganzen
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| wird es am Montag noch geschehen. Dann kommt die Vorbereitung auf den Kursus. Die Beteiligung wird enorm. Weiß ist der Hauptmacher. Er bringt einen monistischen Opponenten aus Marburg, Jensen, mit. Ich möchte doch fragen, ob wir nicht diese Beleuchtung unsres alten Streitfalles gemeinsam mitmachen sollen, d. h. Donnerstag 2 Stdn Weiß hören und Abends die Diskussion, an der ich so wie so teilnehmen muß. Hinterher Essen; da sähen wir Scholz und könnten im übrigen unsern eigenen Kreis bilden. Dies meinerseits à propos!! Ihr Vorschlag vom Freitag ist in allen Teilen acceptiert. Ich bin 4.52 hüpfend am Bhf. Aber bitte fragen Sie in Cassel der Sicherheit wegen noch einmal, ob der Zug auch in Wannsee hält.
Was die Frage Ihres lieben Briefes (den ich im übrigen zu ruhigerer Stunde ebenso wie den vorigen großen mündlich beantworte) angeht, so ist es - dies eine allgemeine brüderliche Warnung - an sich falsch, mit Wertsachen
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| zu reisen. Aber ich brauche auch wirklich nichts. Denn Ihr Fonds ist noch nicht erschöpft. Freilich muß ich, der Miete wegen, mir 300 M Honorar von R. u. R. vorauszahlen lassen und gebe dagegen das Sparkassenbuch bis zur Vollendung des Ms in Verwahrung. Dann aber wird die Sache wohl in Ordnung und endlich etwas Licht in mein gequältes Herz kommen. Denn ich kann Ihnen eine gute Mitteilung wenigstens machen: Zwar nur privatim, aber in einer Form, die die Angelegenheit als perfekt erscheinen läßt, habe ich gehört, daß mir (ohne Bewerbung meinerseits) das Privatdocentenstipendium, das Ed. Beneke gestiftet hat (jährl. 1200 M.) auf einstimmigen Antrag von Stumpf! Erdmann! und Riehl verliehen werden wird. Außerdem habe ich ja gute Einkünfte zu erwarten, so daß bei guter Gesundheit sogar etwas übrig bleiben kann. Mehr mündlich. Alle meine Gedanken begleiten Sie auf der Reise. Freilich - glänzend werden Sie mich nicht finden, weder geistig noch körperlich.
Eben kommt Hermanns Verlobungsanzeige. Innigsten Glückwunsch auch Ihnen!! Ach, es gäbe noch tausenderlei zu schreiben! Aber die Hast! Vor allem unsrer Freundin Dank für das Los und viele herzliche Grüße. Mögen Sie in Cassel alles gesund finden. Die Briefe haben mich lebhaft dorthin versetzt. Strengen Sie sich <li. Rand> nicht zu sehr an vor der Reise. Nieschling ist 19.-24. in Cassel!! Eben Einladung zu <re. Rand> Glänzende Humboldtrecension!
[li. Rand,S.2] Notieren Sie bitte, was wir besprechen müssen, u. machen Sie einen Stundenplan fertig!
[Kopf,S.2] Dilthey noch hier!!
[Kopf,S.4] Lenz für 2. Ostertag abgelehnt. Heubaum ins Ministerium berufen.
[li. Rand,S.3] Speyer noch unentschieden. Innigste Grüße Ihr Sie in Ungeduld erwartender <Kopf> Bruder Eduard.