Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. April 1910 (Charlottenburg 2, Kantstr. 140)


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Charlotteburg 2, Kantstraße 140.
Den 10. April 1910.
Liebe Freundin!
Sie werden längst ein Lebenszeichen von mir erwartet haben. Mir ist es selbst unnatürlich, daß alle meine Gedanken bei Ihnen sind, und doch zum Schreiben einfach die Kraft fehlt. Ich erhielt Ihre beiden lieben Grüße und nehme im Geiste teil an Ihrer Fahrt. Tausendmal glaubte ich Sie auf der Straße zu sehen, und immer wieder dachte ich, über das Erlebte am nächsten Tage mit Ihnen sprechen zu können.
Ich bin innig dankbar für diese schönen Tage; vor allem Ihnen, dann dem X., das unsre Würfel wirft. Es war mir doch wie eine gähnende Leere, als Sie fortwaren. Dazu kommt eine physische Schwäche, die wirklich unbeschreiblich ist. Ich habe 4 jammervolle Stunden gegeben und wie ein Träumender die zahllosen Briefe, Korrekturen, Besprechungen erledigt, die
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| mir aufgenötigt wurden.
Gleich am Tage Ihrer Abreise kam es wieder zu einem Konflikt. Ich erklärte, daß ich jetzt eine Nachmittagsbedienung annehmen würde. Darauf war die Antwort meines Vaters: er würde dann aus dem Hause gehen u. sich der Altersversorgung des kaufmännischen Vereins anvertrauen. Da ich sehr entschieden blieb, kam die Unterredung allmählich auf vernünftigere Bahnen. Wie praktisch m. Vater ist, sehen Sie aus folgender Absicht für den Fall meines Verreisens: er will sich dann in 1 Vorort ein Zimmer mieten, für den Tag 2 M!! - Es muß hier durchgegriffen werden. Ich leide entsetzlich unter diesem Zustand, und wenn ich weiter unter diesem seelischen Druck arbeiten muß, gehe ich zugrunde.
Zu diesen Aufregungen kommen nun Anstrengungen: die Fahrt zu Riehl nach Neubabelsberg, wo es sonst sehr nett war, dauerte von 5-1.! Ich bin heut noch wie zerschlagen. Dabei ist dies der 9. Brief,
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| den ich heute schreibe. Für die Schule habe ich viel zu präparieren. Gertrud Bäumer bot mir 2 Stunden im Grunewald Pädagogik an, die wahrscheinlich dasselbe einbrächten, wie bei Böhm 8! Aber es geht nicht. - Der Mann mit dem Pulver hat sich recht pastoral benommen, indem er mir erklärte, daß er in seinem Bericht für die Christl. Welt für m. Vorträge leider auch fast keinen Raum mehr gehabt hätte. Rade soll selbst auf diese Ungehörigkeit hingewiesen haben. Hingegen hat Elsenhans in der Theol. Literaturzeit (Her. Harnack) m. Humboldt glänzend recensiert: "eine d. hervorragendsten phil. Erscheinungen".
Ich erzähle so viel von mir, weil ich noch so in der Gewohnheit bin. Die Platzkarten verwahre ich bei anderen in der Brieftasche. Könnte ich nur auch einmal solche Karten lösen! Aber daß wir uns nahe sind, auch ohne räumliche Nähe, das fühle ich stündlich, u. das gibt mir Kraft, im sinnlosen Treiben des Tags mir den Glauben
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| zu bewahren. Wenn ich nur gesund und arbeitsfähig bin: glücklich werde ich schon sein im Gedenken an Sie u. in der Gemeinschaft mit Ihnen!
Es ist so häßlich, ein Semester lahm anzufangen. Die Stunden waren wirklich sauschlecht. Hulda Maurer ist plötzlich abgegangen. Das Mädchen war mir seltsam interessant; ich fürchte, dahinter steckt ein ganzer Roman.
Heute waren Ludwig u. d. Registrator hier, gestern mein Hörer Dr. Hofmann, vorgestern ein Client auf 3½ Stunden - ich komme in der Arbeit überhaupt nicht mehr vorwärts.
Riehl sagte: "Wir müssen Sie zu unserm Pädagogen machen. Lassen Sie sich nur nicht wegrufen, halten Sie nur ein paar Semester aus." Stumpf hat an Frau Prof. Paulsen geschrieben, die [über der Zeile] Stipend. Sache wäre so gut wie perfekt. Nun aber Schluß, meine teure, liebe Schwester. Haben Sie Nachsicht mit diesen flüchtigen Zeilen, die nicht entfernt ausdrücken, was in meiner Seele wogt. Viele herzliche Grüße an Frl. Knaps, der Sie bitte auch einstweilen für Ihre liebe Karte <li. Rand> danken. Schreiben Sie recht bald, wie es Ihnen beiden geht. Ihr dankbarer Bruder Eduard.
[re. Rand] Freitag besuchte mich Priv. Doc. Günther Jacoby aus Greifswald, ohne mich zu treffen.