Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. April 1910 (Charlottenburg 2, Kantstr. 140)


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Charlottenburg 2, Kantstr. 140. Den 19.IV.1910.
Liebe Freundin!
Heute morgen erhielt ich Ihren lieben Brief. Meine Karte mit dem Dank für den vorigen und die Blütensendung werden Sie inzwischen erhalten haben. Ich verstehe, daß Sie ungeduldig werden. Aber wenn Sie meine Arbeit hier in den letzten 14 Tagen gesehen hätten, so würden Sie sich wundern, daß ich überhaupt noch schreiben kann. Heute schon habe ich 4 dringende Briefe geschrieben, und dabei stecke ich - geschäftlich betrachtet - noch immer in Briefschulden.
Ihr erster Brief hat sehr tiefen Eindruck auf mich gemacht. Wie viel Recht Ihre Art zu sehen hat, empfinde ich ja nur zu deutlich. Sie können mir auch glauben, daß ich dieses Aufbäumen gegen die seelische und leibliche Sklaverei schon so energisch in die Praxis umgesetzt habe, daß alles Be
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|stehende wankte. Aber wir kommen damit an eine moralische Grenze, die wir nicht überschreiten dürfen. Moralisch ist eben mein Leiden und mein Konflik; und wenn nicht auf dem Grunde eine tiefe Pflicht und eine verhaltene Liebe wirkte, so wäre es leicht, die Sache über den Haufen zu werfen.
Um also nun ganz kurz und klar zu sein: mit Aussprachen und Beratungen ist hier garnichts zu machen; auch ein Brief von Ihnen würde nur zwecklose Erregung schaffen. Selbst die Kündigung der Wohnung vor Ablauf des Kontraktes ist nicht durchzusetzen, und wenn ich an die Konfirmandin denke, ekelt mich schon. Es gibt also nur dies: ganz hart zu werden gegen diese Seite der Existenz und das Glück des Lebens in andern Beziehungen, bei Ihnen und im Schaffen, zu suchen. Außerdem muß ich mit aller Macht danach streben, mit einer größeren mir gehörigen Geldsumme auch die Macht über die Gestaltung der Verhältnisse zu erlangen. Dies ist nun sehr schwer, da
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| das tatsächliche Einkommen oft nicht einen halben Monat weit reicht. In diesem Jahr habe ich 950 M auf den Tisch gelegt; davon für mich nichts verbraucht, sondern meine Privatausgaben von Ihrem Gelde bestritten. Trotzdem war alles so knapp und mangelhaft, daß ich wirklich nicht weiß, wie andre auskommen. Die Gegenstände der Wirtschaft sind seit Jahren nicht ergänzt; ich weiß wirklich nicht, wie das alles zugeht. In diesem Monat sind 35 M Zinsen fällig. Diese muß ich aufbringen. Die 30 M für Erneuerung der noch nicht vollständig bezahlten Lose gebe ich nicht. Mein Vater bestreitet, zu Ihnen gesagt zu haben, daß ich die Lose für ihn erneuert hätte. Daß es nicht der Fall ist, brauche ich wohl nicht erst zu sagen.
Die ganze Sache ist mir so zuwider, daß ich am liebsten nicht mehr davon schreibe. In dieser Lage hilft nur Geld.
Was den Wintermantel betrifft, so danke ich Ihnen herzlich für Ihre treue Fürsorge. Wenn es ein Überzieher ist, der meiner Figur einigermaßen entspricht, so will ich nicht unvernünftig sein. Ich bitte Sie also, es damit zu halten, wie es Ihnen gut scheint; mir
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| schicken Sie ihn wohl jetzt noch nicht und wenden es auch so, daß der Dankbrief an unsre Freundin noch etwas hinausgeschoben werden kann. Daß für Neuanschaffungen tatsächlich kein Geld bleibt, sehe ich ja jetzt wieder zur Genüge.
Es ist ein bescheidenes Glück, aber immerhin eins, daß ich nun wenig das Ms des Buches fertig habe und da kein Zwischenfall mehr eintreten kann. Daß das Buch nicht so innerlich koncentriert und ausgereift ist, wie es in glücklichen Stunden hätte werden können, muß ich mir leider selbst gestehen.
Ob ich die Universitätsschriften vollenden kann, ist überfraglich. Denn am Donnerstag fange ich an zu lesen, und habe bisher noch keinen Strich getan.
Liebe Freundin! Ihr Hiersein war mir gewiß eine Zeit reinen Glückes, die noch verklärend nachwirkt. Aber wenn der Ton dieses Briefes trübe ist, so führen Sie das nicht auf die materielle Not zurück. Diese besteht tatsächlich kaum; solange ich gesund bin, wird es mir an reichlichen Einnahmequellen nicht fehlen. Ich leide nur unter dem zerstörten Zusammenleben und der Aussichtslosigkeit, jemals etwas für
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| meine Gesundheit tun zu können. Denn was ich für mich tue, ruiniert meinen Vater. Es ist, um rasend zu werden. Eine vernünftige Gestaltung des Daseins aus eigner Kraft ist ein Gedanke, den ich hohnlachend abweise. Ist das aber so, dann gibt es auch keine Moral. Wenn alles aus der Gnade kommt, so verlange ich, daß die Gottheit mein echtes, ernstes Streben nicht zu Schanden werden läßt. Oder ich weiß nicht, wo ein und wo aus.
Daß unser Sommerplan zerstört ist, sehen Sie aus den beiliegenden Briefen. Lassen Sie uns garnichts verabreden und hoffen; es ist doch alles sinnlos.
Die Maße füge ich nicht bei, weil ich auf dem historischen Seminar schreibe. Sie folgen per Karte.
Wenn Sie es für nötig halten, die eine Photographie zu vernichten, was ich NB. nicht verstehe, so halte ich es damit auch für nötig.
Den Brief von A. Weise habe ich mit Interesse gelesen. Viel Freundschaft und viel Tiefe, aber für das Ganze doch ohne Verständnis. Das verstehe ich nun einmal
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| allein.
Ich war in der vorigen Woche infolge der Anstrengungen und Erregungen ernstlich erschöpft. Jetzt geht es besser: es waren blütenreiche Tage. Sonntag mit Registrator in Sadowa, Hirschgarten (wo wir am 1.IV.) Ob es den Sommer geht, wer weiß?
In der Schule leiste ist jetzt etwas Besseres. Ich plane eine Schulpartie. Ich muß mir Quellen eigner Freuden verschaffen, sonst höhlt mich die Dunkelheit aus.
Genießen Sie den Frühling und seien Sie heiter, wie ich es bin im Bewußtsein unsrer Gemeinschaft. Ich muß abbrechen.
Innigste Grüße
Ihr Bruder
Eduard.

Der Tempelverlag will von mir eine Goethebiographie haben. Es ist unglaublich, was solche Absagekorrepsondenzen Zeit kosten.