Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. April 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 24. April 1910.
Liebe Freundin!
Ihr lieber, herrlicher Brief ist unversehrt mit all seinem schönen Inhalt in meine Hand gelangt. Wie glücklich bin ich über diese Bilder: die zeigen doch einmal ein wirkliches Wunder festgehalten: das volle, lachende Glück in unsern Augen, trotz allem Kampf und Druck. Ich kannte mich selbst kaum, als ich mich so wirklich fröhlich sah. Und Sie ebenso zu sehen, im Bewußtsein, daß wir uns nahe sind, das ist doch etwas, was man nicht vernichtet, sondern bei den heiligsten Dingen aufbewahrt. Ich habe mich gefreut wie ein Kind über die Bilder. In der Skizze freilich zeigt der Hintergrund den alten Stil; aber im Vordergrund ist's farbenfroher Frühling, und an den halte ich mich. - Ist nicht auch das Charlottenburger Schloß sehr fein geworden?
Nun zum Inhalt Ihres lieben Briefes, den ich mit allen Fasern meines Wesens
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| gefühlt und genossen habe. Bin ich auch würdig, so viel Treue und Liebe zu erfahren? - Glauben Sie nicht, daß ich im Verhältnis zu meinem Vater der leidende Engel bin. Leider kann ich mich dieser Unschuld nicht rühmen. Es sind in den letztenWochen alle paar Tage schreckliche Aussprachen gewesen, und der Kampf ist bis aufs Herzblut gegangen. Es tut mir leid, aber ich war physisch und moralisch nicht mehr Herr meiner selbst, und wo liegt hier überhaupt das moralische Recht?
Ich bitte Sie, liebe Schwester, zu glauben, was ich selbst leider so oft vergesse: an dem guten Willen meines Vaters ist garnicht zu zweifeln; sehr an seinem Verständnis und an seinem praktischen Sinn. Daher eben der Konflikt. Er ist doch nun alt und weiß in der Welt nicht mehr Bescheid; die Disposition will er in den Händen behalten. Ich kann sie nicht übernehmen, weil ich keine gesicherte Zahl ausweisen kann. Daher das Verworrene und Quälende der Lage. Die Frage für mich ist: setze ich meinen Willen durch, so geht er an dem Kampf
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| zugrunde; umgekehrt muß ich dasselbe für mich befürchten.
Daß ich sachlich Recht habe, beweißt jeder neue Tag. Seit ein paar Tagen kränkelt er, liegt zeitweise im Bett; heute ist höheres Fieber. Nun denken Sie meine Lage: der völlig ungeordnete Haushalt, Freitag u. Sonnabend Einladungen, die man doch nicht um ein bißchen Husten mit 37,5 Fieber ablehnen kann; aber ein alter Mann brauche dabei Pflege. Heute koche und brodle ich nun bald dies bald das, komme nicht aus dem Haus, schon weil der Arzt erwartet wird, komme aber auch nicht zum Sammeln der lumpigsten Gedanken, die ich für die - am Donnerstag 28.IV NB erst beginnenden - Vorlesungen brauche.
Das geht nicht. Soviel ist klar. Ich bin selbst so am Rande meiner Kräfte, daß ich am liebsten die Vorlesungen absagte. Der stockende Druck macht - wie das immer ist - doppelt nervös. Anderes, z. B. die halb konzipierte Universitätseinleitung bleibt liegen. Sie sprechen von ruhiger Entschlossenheit und Durchsetzen.
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| Ja, ich kann nur noch eine gereizte Opposition aufbringen.
Eben erwarte ich den Arzt. Dem will ich sagen, daß entweder meinerseits eine Pflege dringend gefordert werden soll, oder ich die Vorlesungen abgsagen muß. Aber ich zittere schon vor den neuen Konflikten, die das gibt. Mit gemeinsamer Überlegung ließe die Änderung sich in Ruhe machen; so natürlich bringt der Wechsel mir mehr Unruhe als Segen. Aber ich fordre das ja nicht allein für mich , sondern für uns beide, damit wir leben können. - -
Eben ergibt die Messung eine Temperatur von 39,1. Danach sind also mehrere Krankheitstage zu erwarten. Es scheint mir Unrecht, wenn ich daneben denke, daß ich noch nicht 1 Strich für meine Vorlesungen tun konnte. Aber davon hängt doch nach Lage der Dinge einmal die Existenzmöglichkeit ab.
Was nun Ihre so lieben, positiven Vorschläge betrifft, so bin ich leider nicht in der Lage, der eignen Kraft ganz vertrauen zu dürfen. Wenn Sie mir also in diesen kritischen Tagen helfen, so
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| wäre es mir eine große Beruhigung. Auf dem Sparkassenbuch stehen noch 380 M. Ich bekomme aber bis zum 4. Mai ohne umständliche Bemühungen aber nichts heraus. Wenn Sie mir also 100 M eingeschrieben schicken könnten, so wäre mir das insofern eine wirkliche Erleichterung, als ich dann die Zeit für die Gänge sparte. Ob ich noch mehr brauche, hängt ab 1) von meiner Gesundheit 2) von der Hörerzahl, 3) von der Realisierung des Stipendiums, über die ich nichts weiß. Mitte Mai erhalte ich außer den Schülereinkünften 300 M; es ist also vorläufig keine Not. Aber die 30 M für die letzte Klasse der Lose muß ich, nach langen, harten Auseinandersetzungen, doch noch geben. Erstens der häuslichen Ruhe wegen; und 2) hat es ja in der Tat keinen Sinn, 4 Klassen zu bezahlen u. dann bei der letzten, wichtigsten die Lose fallen zu lassen. Daß die Sache nicht fortgesetzt wird, werde ich mit aller Kraft bewirken.
Wenn hier nun eine Änderung eintritt, so denke ich natürlich an eine
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| Sommerreise. Wäre sie auch nur 14 Tage lang und billiger als 500 M (es reichen auch 200), so wäre doch für die Gesundheit etwas geschehen, und der Dienst im September ist leicht, da ich Neues nicht übernehme. Tritt keine Änderung ein, so müßte mein Vater ev. mitreisen, was ihm zwar sicher schadet. Aber es gibt in dieser Zwickmühle nun einmal keinen Ausweg, bei dem die Seele frei und rein herauskäme.
Was Sie vom Verdecken und Scheinen sagen, ist leider sehr, sehr wahr. Wegen dieses selbstständig - sein - Wollens fehlt es eben jetzt auch ganz an wirklich teilnehmender Freundschaft. Daß das Alter furchtbar traurig ist, sehe ich nur zu deutlich.
Über dieses Thema also bald wieder. Jetzt noch die Maße und den Stundenplan. Aber die Maße nur, weil Sie dran erinnern; denn Sie tun so viel für mich, daß ich mich unbescheiden fühlen muß, wenn ich zu immer neuen Gaben die Hand biete. 13 ist mindestens 1 cm zuviel.
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| 122 ca. 15 cm zuviel.
MontagDiMiDoFr.Sa.
9-10Pädagogik I. Univers. Deutsch. Päd.I. Univ. Deutsch.
10-11  Deutsch. Psychol.II. Deutsch. Psych.II.
11-12Sprechst.
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5-6
6-7.Dsch.
Idealismus
Dsch.
Idealismus
Alle 14 Tage Diskussionsabend bei Riehl in Neubabelsberg. Sie sehen, für die Vorbereitung der 3 Vorlesungen bleibt wenig Zeit.
Pädagogik Univers. 25 Stunden:
1 - 5Philosophische Grundlag. (eigenes, Neues)
6 - 10. die herrschenden Richtung d. 19. Jhrhdts.
11 - 20. Kinderpsychologie.
20 - 25. Anwendung auf die tats. Verhältnisse.
1 - 5 spezifiziert:
I. der pädagogische Grundvorgang.
II. Lehre v. Bildungsideal.
III.   "     "   pädag. Genie.
IV.   "     "   d. päd. Gemeinschaft.
V.   "     "   der Kinderseele.
Idealismus 12 Stunden. (Gott sei Dank gleich in d. 2. Stde Himmelfahrt.)
Mit der Preisgekrönten - ich las es auch - soll Sie weiß Gott keiner
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| verwechseln. Der Unterschied ist so groß wie von der Li zum Z.
Erst als die beiden Sträußchen abgeblüht waren, fand ich die kleinen Zettel mit den Namen. Sie hatten sich ganz verborgen. Sagen Sie doch unsrer Freundin, deren Ahnungsvermögen wirklich unheimlich ist, meinen innigsten Dank und, bis ich selbst schreibe, viele Grüße.
Riehl sagte mir: wenn ich ein paar Semester Pädag. läse, wollte er ein Extraordinariat beantragen. Er u. sie waren wieder begeistert von einem schändlich extemporierten Vortrag in Neubabelsberg. Gottlob: es fällt mir im Augenblick immer was ein. Aber das Gefühl des schlecht Präpariertseins bei einer Vorlesung ist doch fatal.
Nun nochmals innigen Dank, Liebste Schwester, füre Ihre treue, mutige Teilnahme. Ihre moralische Unterstützung ist mir das Höchste. Denn weiß Gott, ich bin oft in Gefahr, trotz Ethik u. Philosophie zu versinken.
In inniger Liebe
Ihr Bruder
Eduard.
[li. Rand] Von Hulda Maurer nichts gehört. Ein paar andre haben dumme Streiche gemacht.
[re.Rand] Der Druck ist bis Bogen 17. Es stehen im Satz ca 82. Das Ganze wird 15.
[Kopf] Die Skizze folgt im nächsten Brief.
[re.Rand,S.5] Frau Paulsen, eine meiner treuesten Freundinnen, quält mich zur Taufe d. Enkels.

Nachtrag. (Bitte erst den Brief zu lesen.)
Eben war der Arzt hier. Es bestätigte mir die dringende Notwendigkeit der Maßregel für mich. Morgen will er darüber reden. Es soll zunächst provisorisch eine Nachmittagshilfe genommen werden; dann aber definitiv ein Mädchen für alles. Ich habe ihm erklärt, daß die Geldfrage kein Hindernis sein könnte und sollte. Ihre treue Bereitschaft, mir die Lage zu erleichtern, fasse ich nun also in dem Sinn auf, daß Sie mir für den Krankheitsfall meinerseits versprechen, mir zu helfen - es handelt sich um eine Mehrausgabe von monatlich etwa 30 M - Lumperei gegen die Lotterie - Wenn dann die Sache sich reputiert, werde ich Ruhe u. Kraft zur Arbeit finden.
Herzlichst Ihr Ed.