Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Mai 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 6. Mai 1910.
Ein Lustrum nach der Promotion.
Liebe Freundin!
Es geht jetzt wieder einmal aufwärts, nach langer Zeit, - Ihre treue Hilfe ist also doch nicht ohne Erfolg. Lassen Sie mich Ihnen vor allem noch einmal herzlich danken für die letzte Sendung. Ich glaube, in Ihren Krawatten steckt eine besondere Zugkraft. Ich kann sie jetzt ausgezeichnet binden und trage nur sie. Aussehen tadellos, besonders, wenn ich dann noch an Sie denke! Eben komme ich von der 3. Vorlesung. Bisher ist das Publikum mir treu geblieben, ja es kommen eher einige dazu, was insofern schlimm ist, als nur noch auf Treppe und Galerie Platz ist. Der Mann im Maximum hat schon mehr vergrault; es muß ihn frieren in dem großen Raum. Bis jetzt habe ich 33 Zettel in der Hand, von denen jeder ein 10 Markstück bedeutet. 50 -60 kommen wohl zusammen. Ein guter Erfolg.
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Diese Woche waren Aufsätze zu korrigieren (schwach!); in der Schule war in letzter Zeit gelegentlich etwas Ärger mit dummen - Gören, liegt aber mehr an meiner Reizbarkeit.
Nächste Woche ist ganz schlimm. Denn Mittwoch Abend spreche ich im Gymnasiallehrer - Verein über "Wilhelm v. Humboldt über Universität und Schule." Saal faßt 50 Personen; wird wohl nicht reichen. Nachher Essen u. Kneipe. Donnerstag 9 Uhr Schule. 11 ¼ spricht Roosevelt vor Majestät in der Aula (Amtskraft.) 6 Uhr Publikum. Freitag früh wieder Kolleg u. Sonnabend Abend Vortrag in Neubabelsberg.
Schön ist dieser Mai wirklich nicht. Daß Sie so nah bei Frl. Knaps leichtsinnig sein konnten, betrübt und wundert mich. Eigentlich sollte ich Ihnen da den Wintermantel noch lassen. Aber im Ernst: Wenn es Ihnen ohne große Unbequemlichkeit möglich ist, ihn bis zum Herbst zu behalten, so käme ich hier über das Staunen weg. Können Sie ihn nicht während des Besuchs verbergen? Geht es nicht, so schicken Sie ihn mir bitte.
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| Ich bin jetzt ganz passiv und lasse mich von Ihnen hegen und pflegen - ganz als ob ich es verdiente!!
Das Buch ist jetzt fertig gesetzt. Der Verleger ist über den Umfang fast trübsinnig geworden und schmeißt mir, um 6 Zeilen zu sparen, den Satz immer wieder um, so daß ich 4 Korrekturen statt 3 lesen muß. Doch kommt die Sache in der nächsten Woche zu Ende u. gleich nach Pfingsten heraus. Übrigens haben Sie mir mit der T - Eventualität einen solchen Schreck eingejagt, daß ich es für richtig gehalten habe, unter den Namen klein "Heidelberg" zu setzen. Mir ist es doppelt lieb so und Ihnen macht die kleine Änderung hoffentlich nichts aus?
Die Photographie von dem blühenden Eichbaum finde ich ganz entzückend. Darf ich sie behalten? Dann vielen Dank. Die Skizze schicke ich einmal mit den beiden Schulbildern (2. Kl. v. Winter und Kollegium.) NB am 18. Mai fahre ich mit der Klasse nach Potsdam. Schreiben Sie mir doch bitte, um welche Nachtstunde und wo man den Kometen beobachten kann.
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Die Konfirmandin *) [Fuß] *) Ich ärgere mich jetzt, daß ich mich um die Sache so aufgeregt habe; ich hätte es einfach so einrichten sollen, ohne lange Vorbesprechungen. Gestern traf ich im Charl. Schloßpark eine alte Bekannte, seit Jahrtausenden in uns. Geschäft, sieht m. Vater täglich. Die sagte mir, man könne nur mit Energie was bei ihm durchsetzen. Sie habe ihm dasselbe schon längst geraten, worauf er immer wütend geworden. Dieses Verständnis war mir ordentlich wohltuend. Es geht ihm jetzt wieder einigermaßen. Auch entdeckt er hin u. wieder einen Topf, der nicht ausgewischt ist. ist zwar noch sehr jung; aber bescheiden, sauber u. nicht ungeschickt. Da eigentlich nicht genug laufende Arbeit ist, so habe ich die ersten Tage mit ihr aufgeräumt. (NB. Sie kommt außer Sonnt. Mo. u. Do. täglich von ½ 4 bis - nominell - ½ 8) Ich komme dadurch allmählich wieder auf einen grünen Zweig. Das freudige Resultat sehen Sie schon in der Wiederentdeckung der sehr ordentlich aufgehobenen Blätter. Wenn ich aber das backsteinerte Buch lesen soll, müssen Sie's mir freundlich bis Juni lassen, oder geht das nicht?
Haben Sie Nachricht von Hermann, wie es ihm in Stettin gefällt? Und was macht der Neffe?
Was endlich die finanzielle Sache betrifft, so muß bei glattem Gang jetzt eine ausreichende Summe herauskommen, auch ohne das Stipendium, dessen Schicksal mir allerdings rätselhaft ist. Ich höre nicht einen Ton. <li. Rand> Wenn nun auch unsre 5 Lose alle herauskommen, fahren wir Oktober nach Italien, nicht? Genug von <Kopf> diesen Scherzen. Seien Sie vorsichtig im Freien. Herzlichste Grüße auch unsrer Freundin Ihr dankbarer Bruder Eduard.