Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Mai 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 24. Mai 1910.
Liebe Freundin!
Ob hieraus ein eigentlicher "Brief" wird, ist mir fraglich; aber ich will es versuchen. Ich habe tatsächlich so etwas wie Pfingstferien gehabt, wenn auch immer nur Nachmittags. Das Wetter war seit den Feiertagen wundervoll. Es war sonnig, aber bei dauerndem Ostwind nicht zu warm. Beides wirkte so günstig auf mich, daß ich mich seit langer Zeit einmal wieder völlig gesund und entsprechend froh fühlte. Heute liegt es dafür schwer über meinem Kopf. Manchmal kann ich meine verschiedenen Ämter garnicht sortieren.
Aber ich habe mancherlei Berichte, wenn auch nur kurz, nachzuholen. Meine Rede vor den Gymnasiallehrern bei 25° Hitze
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| machte bedeutenden Eindruck, obwohl nach meinem sachverständigen Urteil der 1. Teil völlig mißlang. Nachher war eine Mißhelligkeit: der 2. Redner hatte selbst auf das Wort verzichtet, benahm sich dann aber sehr ungeschickt und sprach immer "von einem jungen Menschen", der nicht an 1. Stelle hätte sprechen dürfen. Münch u. Imelmann vertraten die geheimrätliche Klasse. Der erste sprach in der Diskussion mit mehr Lob als ich verdient hatte. Im ganzen fühlte ich mich in dem Kreise wenig wohl; es fehlte an Frische, z. T. an Takt, und unter Volksschullehrern hat es mir eigentlich besser gefallen. Bei dieser Gelegenheit trug mir Prof. Löschhorn im Auftrage d. Ministeriums an, pädagogische Fortbildungskurse für im Amt befindliche Lehrerinnen zu halten: 18 Wochen à 300–350 M. Wenig u. nicht gerade verlockend. Ich schwanke sehr, ob ich es annehme; muß übhpt an den Winter u. die Stoffverteilung jetzt denken.
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| Am nächsten Tag machte m. Frack in der Schule großes Aufsehen. Von Roosevelt ist wenig zu sagen; verstanden habe ich kein Wort. Das Ganze hatte nur dekorative Bedeutung. Abends m. Vorlesung mit Erfolg. Freitag früh mies präpariert; dann Schlaf. Bhf., dann Charl. Rathaus, 1½ Konferenz mit Erdmann u. den Kollegen. 4 Uhr Neubabelsberg. Das ist ein Leben, nicht wahr? NB. Erdmanns Herrschsucht ist ganz gefährlich; es scheint, daß er die Wissenschaftliche Freiheit nicht hoch genug schätzt, und ich fürchte spätere Zusammenstöße. Darüber ließe sich viel sagen; aber schreiben?
Am 1. Feiertag war ich mit Registrator bei Gewitter in Frohnau, Bergfelde, Briese, Birkenwerder. 2. Feiertag Lichterfelde.
Die Schulpartie hat mich tatsächlich seelisch wieder erfrischt. Es ist doch einmal mein Element, und daß es mir gelang, den Kindern einen wirklich glücklichen Tag zu machen, hat auch mich glücklich gemacht. Freilich die Poesie, wie in den
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| allerersten Jahren hat es auch nicht mehr; aber der Eindruck der Jugend bleibt immer frisch. Sie benehmen sich auch alle tadellos, und ich selbst war in der miesten Laune. Daß Elisabeth Borries anfängt, mich besonders zu interessieren, wird Ihnen der beiliegende Brief sagen, der mich 3 Tage lang glücklich gemacht hat. Sie ist garkeine große Leuchte; aber absolute Natur; dabei herb nach außen und voll Ironie und Bosheit, alles aber auf dem Grunde der aufrichtigsten Seele; sie hat eine Ehrlichkeit des Gefühlslebens, die geradezu verblüfft; keine Spur von Schwärmerei; also ganz der Gegensatz zu Elisabeth Lüpke. - (die Bilder muß ich Ihnen später einmal schicken. Sie sind nämlich unförmlich groß.) - Daß die Partie ohne Zwischenfall (abgesehen v. meinem Verlaufen) verlief, schrieb ich Ihnen schon. Allerdings war El. Borries am Abend ernstlich in Gefahr, vor Lachen zu sticken. Auf dem Rückweg sangen die Mädels ganz wundervoll. Um ½ 10 Lehrter Bhf. Und am nächsten Morgen alle - selbst die Bernauer - tapfer zur Stelle!
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Freitag bei Riehl, wie immer sehr genußreich. Sonnabend mit Coss und Chifu (Rumänier) Saatwinkel - Spandau. Sonntag mit Registrator Pichelsberge - Spandau. Nun aber hat es vorläufig ein Ende. Denn heute habe ich die Vorlesungen wieder aufgenommen, u. zwar mit hörbarem (!) Erfolg. Bis jetzt haben 63 belegt. Aber ich muß nun viel arbeiten. Die Universitätsschriften müßte ich der 300 M wegen gern in 8 Tagen fertig machen. Für den Berliner Kalender habe ich in 2 Std. einen 6 Folios. Aufsatz über Schleiermacher geliefert.
Ihr Buch ist, was m. Mitarbeit betrifft, ganz fertig, und wird am 1. Juni ausgegeben. Bis dahin (oder zum 2.) ist es in Ihrer Hand.
Böhm Seminar möchte ich im Winter aufgeben, Schule behalten. Angekündigt habe ich Religionsphilos. Di Fr. 9-10. Phil. d. Gesch. Mo. Do. 4-5 Übungen
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| auf dem Gebiet d. wiss. Pädag. Do 6. - 8.
Das ist mehr ein Notizenkram, als ein Brief. Nur noch Antwort auf 2 Fragen: Frau Prof. Paulsen weiß alles u. hat mir in der edelsten Form jede Hilfe angeboten. Freilich nimmt sie mich jetzt durch die Aufsatzgeschichte auch noch in Anspruch, u. ich kann tatsächlich nicht mehr leisten.
Die Idee mit dem Messer ist ausgezeichnet. Anbei mein Beitrag.
Wie geht es der hochverehrten Tante? Gefällt es ihr im sonnigen Heidelberg? Ich habe jetzt oft Stunden, in denen ich zufrieden bin; aber daß ich den Neckar nicht einmal sehen kann und "was so drum - u. dranhängt", das geht mir wie eine stille Sehnsucht nach. Wann, ja wann?
Aber nun leider Schluß. Ich muß zu Löschhorn u. noch tausenderlei prä
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|parieren. Jedoch begleiten mich überall hin die Gedanken an Sie.
Ich grüße Sie alle und bin in treuer Liebe
Ihr Bruder
Eduard.

" Bauch" Titularprofessor.
Eben sehe ich, daß die Skizze in das Couvert, das ich habe, nicht paßt. Darf ich sie mit der großen Bilderpost schicken?