Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. August 1910 (Charlottenburg 2)


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Charlottenburg 2, den 14. August 10.
Liebe Freundin!
Eben habe ich den neuen Schrank (6 M) eingeräumt und dadurch ringsum so viel Raum gewonnen, um Ihnen schreiben zu können. Unseren gestrigen eiligen Gruß werden Sie erhalten haben. Valentinswerder hat bei solchem Regensturm eine poetische Melancholie; es gibt hier eben manches Fleckchen, mit dem Thüringen - von außen gesehen - nicht mitkommt.
Über den Verlust der Rechnungen hätten Sie sich keine schlaflosen Nächte machen sollen. Wenn Sie mir versprechen, das Pauschalquantum vom 15.VI. bis 10.VII. einigermaßen ehrlich umzusetzen, so kann ich mich leicht darüber trösten. Das einzige Malheur ist wohl, daß Frau Rose uns unsre Ausgaben ev. sehr genau nachrechnen kann. Mag sie's. Leider lag nun auch die Gesamtaufstellung mit
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| drin. Da ich gern mit dem Registrator heut Nachmittag fortmöchte, so werde ich sie wohl heute noch nicht erneuern können. Auch Sie werden fürs erste viel andere Gedanken haben - von denen ich hoffentlich bald höre - aber wir wollen doch die Sache noch ab H. H. erledigen. In einigen Tagen schicke ich Ihnen mein Material, mit der Bitte um Prüfung und Ergänzung Ihrerseits.
Seit meiner Rückkehr trage ich die Uhrkette meiner Mutter. Ich würde darauf als Schmucksache gewiß keinen Wert legen; aber es war einer Ihrer entschieden ausgesprochenen Wünsche, als sie den Tod nahen fühlte. Deshalb erinnert mich diese Kette an einen heiligen Augenblick. Als Berlock ist ein Zehnmarkstück von 1888 (Kaiser Friedrich) daran befestigt. Dies werde ich wohl abnehmen lassen; denn einmal entspricht dieses Aushängeschild des Reichtums leider nicht den Tatsachen, und außerdem hat meine Mutter gewollt, daß diese Zehnmarkstücke
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| anders verwendet würden.
Mit der Schule bin ich wieder gut im Gange. Die Mädchen der II. Kl. sind sichtlich sehr glücklich, daß ich wieder da bin. Auch das Seminar zeigt das alte Vertrauen. Leider habe ich mich in I. gleich zu Beginn mit ganz einfachen Dingen so verheddert, wie es mir noch nie begegnet ist.
Ich beabsichtige, bis Anfang Oktober hier noch ein möglichst ruhiges und nahrhaftes Leben bei mäßiger Arbeit zu führen, um den Winter mit einem Plus anzufangen. Es wird nicht ganz leicht sein: Freitag Mittag kam der stud. Günther, Sonnabend Dr. Hofmann, u. so sehr mich jeder einzelne Besuch freute, konnte ich doch die wenigen notwendigen Sachen nun nur in Hast erledigen.
Sehr angegriffen aber hat mich der beifolgende Brief von Frau Riehl. Ich schicke ihn ohne weiteren Kommentar mit der Bitte um [über der Zeile] bitte recht bald Ihre Ansicht. Nur so viel füge ich hinzu: dieser Brief ist die Antwort auf eine innerliche Konfession;
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| lange hat mich nichts so tief verstimmt. Und das läßt die Nerven doppelt fühlen.
Sonst gibt es hier kaum etwas Erwähnenswertes; noch immer bin ich in Gedanken ganz mit Ihnen beschäftigt; bald hoffe ich von Ihnen zu hören, wie meine Wünsche u. stillen Hoffnungen in Erfüllung gegangen sind.
Mit Herrn Kölle habe ich über den bewußten Fall gesprochen; er will sehen. Es muß sein, und was ich dabei fürchte, ist nur diese übermäßige Reizbarkeit in mir, die Sie von Schwarzetal her kennen, die aber doch nur so groß geworden ist, weil eben Ruhe und behagliche Verhältnisse bisher gefehlt haben.
Knauer läßt Sie sehr herzlich grüßen. Es ist bei ihm auch wieder viel Trauriges. Schubert ist zurück; die 2. Karte an ihn kam gestern zurück. Alle Welt schreibt mir jetzt aus aller Welt. Man fängt eben erst an zu reisen. Das Wetter ist hier genau so wie in I.
Und was ich sonst noch denke, das fühlen Sie, mein Teures, Geliebtes, und denken an Ihren treuen Bruder Eduard.
[li. Rand] Herzliche Grüße an Frl. Knaps. Auch m. Vater läßt herzlich grüßen.
[re. Rand,S.1] Diesem Moment war Herr Benary hier; er läßt Sie vielmals grüßen.