Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. August 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 19. August 10.
Liebe Freundin!
Hier kommt endlich meine Aufstellung; es hätte längst geschehen sollen. Aber es ist gerade kein angenehmes Gefühl, in seinem Minus herumzumanschen, und so verschob ist es von Tag zu Tag. Sollten Sie Fehler drin finden, so entschuldigen Sie es bitte mit der wenig übersichtlichen Buchführung. Vielleicht schreiben Sie dazu, was Sie in Charlottenburg und Ilmenau für mich ausgegeben haben. Auf diese Weise kommt heraus, was ich Ihnen schuldig bleibe. Leider hat ja die Rechnung nur eine theoretische Bedeutung. Wollten wir sie ganz aufmachen, bliebe ich wohl mit einem – ∞ drin. Lassen Sie uns aber wenigstens in ungefähren Zahlen festhalten, was ich Ihnen rein materiell betrachtet schulde. Ich lege das kl. Notizbuch zur Kontrole bei.
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Ihr lieber Brief sagt mir, daß die schwebenden Fragen eigentlich noch nicht gerregelt sind. Ich würde es nicht gern sehen, wenn Sie mir darüber etwas verschwiegen. Daß eine Einigung nicht erzielt ist, sehe ich nur zu deutlich. "Stünd' ich vor dir, o "Welt", ein Mann allein, dann wär's der Mühe wert ein Mensch zu sein." So aber kann einem "der Mut, der früher oder später den Widerstand der stumpfen Welt besiegt", wirklich sinken, und ich habe in dieser Sache nur noch den einen Wunsch, daß sie in einer Form geregelt werden möge, unter der Sie nicht leiden. Bitte lassen Sie sich nicht in ein Märtyrertum für Dinge ein, die wir nicht ändern werden. Seien Sie einmal ganz passiv in dieser Sache, wenn sich dadurch erreichen läßt, daß Sie zur Ruhe kommen. Freilich, indem ich dies "Wenn" schreibe, sehe ich wieder, wie problematisch das ist. Neh
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|men Sie's meinem armen Kopf nicht übel, wenn er in dieser Frage nicht weiterweiß. Mit einem Gegner, den man sehen und fassen kann, nähme ich's gern auf, nicht mit diesem ungreifbaren Etwas. Aber darum bitte ich Sie bei meiner Freundschaft: berichten Sie mir auch das Kleinste, was in dieser Hinsicht vorgeht oder zu Ihren Ohren gelangt. Ich nehme dies als versprochen an.
Was ist unsre Menschenkenntnis! Das Fall Riehl hat es mir wieder gezeigt. Der Brief brachte mich für Tage um alles Selbstgefühl; es war mir, als hätte mir jemand gesagt: Du gehört nicht in die Kreise, in denen Du dich bewegst. Zwischen Tegel und Hermsdorf las ich Ludwig den Brief vor. Und während er sonst meine Sensibilität verspottet, meinte er: da hast Du allerdings Recht, daß Du Dich darüber geärgert hast. Diesmal hat Dich Deine Menschenkenntnis irregeführt. So schreibt
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| eine gebildete Frau nicht. Ich würde überhaupt nicht wieder rausgehen." Befriedigt fand ich mein Urteil bestätigt und fühlte mich hoch über Frau R. Ich schreibe ein paar Worte, sehr kurz und bitter - daß mir das Leben nicht erlaubt habe, ritterliche Turniere aufzusuchen, sondern mich gleich in den eigentlichen Kampf gestellt habe - u. melde mich für Dienstag an. - Feindselig betrete ich das Haus - Karten, Glace's, strengste Form. Aber da höre ich schon von der Treppe einen Klang in den Worten beider, der so sehr Herz und Innigkeit und Freude ist, daß ich mich frage, was denn eigentlich los ist. In jeder Äußerung begegnet mir das feinste Verständnis und Mitgefühl. Ich fange an mich zu hassen. Zwei fremde Damen stören jede Aussprache; doch projizieren ihre Äußerungen die gleiche Schätzung. Beim Abschied endlich sage ich, daß ich etwas fragen wollte. Frau R. geht sofort mit mir allein in den Garten, u. nun stellt sich heraus, daß sie zu viel Form in mir findet;
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| sie ist erstaunt, daß ich mich unsicher fühle, noch erstaunter über meine Verletztheit. Sie verspricht, daß sie mir helfen will, alles in der Form, die eben den Anstoß gab, daß ich eine - relativ - denn ich kenne die Grenzen- nähere Fühlung mit ihr suchte.
Nun kommt Ihr Brief, und ich halte Ihr Urteil neben Ludwigs. Wie viel feiner lesen und verstehen Sie! Aber muß man nicht sagen, daß eben die Art der Äußerung etwas verworren und irreführend war? Gottlob, daß dies beigelegt ist. Denn ich war realiter entschlossen, übhpt nicht mehr in Gesellschaften zu gehen.
Und nun, mein geliebtes Wesen, kommt die Nutzanwendung für uns beide. Wir gehören beide zu den Naturen, die die Welt krankhaft nennt - Hölderlinnaturen, die am Schicksal leiden, weil sie zu fein besaitet sind, um nicht alles tief und heftig zu fühlen. Wir haben eine glückliche Zeit hinter uns.
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| Und doch gingen Sie eigentlich krank und elend fort. Und doch bin ich hier so reizbar, daß ich - die Erfahrungen von Schwarzburg hinzugenommen - meinen Charakter selbst für krankhaft verändert halte. Mit dieser Anfechtbarkeit kommen wir nicht vorwärts. Wir müssen - und wann hätten wir nicht immer wieder nach dem Tiefsten und Höchsten noch eine neue Stufe erlebt? - wir müssen einen neuen Bund schließen dahin, daß wir uns auch das imaginärste Leid nicht verbergen wollen, daß wir aber dann auch fröhlich darüber fortkommen wollen, so sehr uns die Kräfte gestatten. Mein geliebtes Kind: Ihr Bild aus Ilmenau sieht mich an wie ein stiller Vorwurf. Sind das doch Schmerzen, die Sie um mich gelitten haben! Und wenn wir in Ilmenau nicht glücklich waren - wo wollen wir es sein? Wir beide, die wir doch nichts andres haben als einander, wir wollen doch nun von diesem Besitz uns tragen lassen und innere Ruhe finden. Mein treues Wesen: der Übel größtes ist die Schuld.
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| Nie hat Freund Ludwig in seinem Hum. etwas Schöneres erfunden als die Sache von Iphigenie und Orestes. Sie haben von mir das quälende Schuldgefühl genommen, als hätte ich all diese trostlosen Zustände allein herbeigeführt. Meine Krankheit hat gezeigt, daß ich bis zum letzten Blutstropfen gekämpft habe; und dann kamen Sie und führten für mich den Kampf fort. Glauben Sie nicht, daß das vor Gott und den Menschen das Höchste ist, was Menschen können? Glauben Sie nicht, daß Frauen wie Frau Riehl, Frau Paulsen, Männer wie Borchardt, Nieschling das tief empfinden? Und wenn auch das letzte uns allein angehört, so muß eben dies unser ganzes Herz wie Eisen und Erz durchwachsen. Also dies sei unser Bund: wir wollen fest und ohne Selbstquälerei in der Gegenwart stehen. Und Sie lassen sich nicht mehr von dunklen Gedanken quälen? Sehen Sie, ich kann das so selten aussprechen; es ist für den Mann wie eine
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| Entweihung, von seinen tiefsten Gefühlen zu reden ; der Jüngling kann es. Aber Sie glauben mir, daß ich an Ihrem Leiden nicht weniger leide, wie Sie an meinem.
Ganz das zeigen nun auch unsre Bilder. Ich leugne es nicht, daß ich an Ihrem mich nicht freuen kann. Meines findet mein Vater erstaunlich ähnlich und gut. Ich sehe darin die Ausdruckslosigkeit des Stoicismus, und das sind weiß Gott nicht meine besten Momente. Ästhetisch am besten sind wohl die Mühlenbilder, denen man freilich das trübe Wetter etwas ansieht. Aber die Phantasie hilft nach. Die Veranden sind ein Scherz. Von Paulinzella gefallen mir die am besten, wo meine Hinterfront und das fremde Paar zu sehen sind. Am liebsten hätte ich von allen Abzüge, wenn das nicht zu mühsam und teuer wird. Soll man vielleicht der Frau Rose die beiden Veranden schicken?
Mein Dasein hier ist noch sehr unstät. Der Furor des Dampferfahrens hat mich gefaßt. Nach Kochberg gehe ich nicht
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| vor allem aus gesundheitlichen Gründen. Denn leider liegt mir die andauernde Gewitterschwüle sehr auf den Nerven. Eigentliche Störungen bereitet mir das nicht; aber ich mute mir auch nichts zu, um nicht vorzeitig Kräfte auszugeben. Alle sagen mir, auch heute noch Frau Paulsen, daß ich sehr gut aussehe. Eilen Sie, daß man das von Ihnen auch sagen kann!!
Ich arbeite am Schleiermacher. Heute erkundigt sich Dilthey unter der Anrede "Lieber Freund!" nach meinem Ergehen. Es ist doch ein hohes Glück, so viele echte Teilnahmen unter den hervorragendsten Menschen zu finden. - Frau Paulsen hat viel Kummer; in ihrer eigentümlichen Härte liegt viel warmes Verständnis. Der Sohn hat wieder ihren Willen geheiratet. Ich habe heute wieder an den Aufsätzen herumgezetert; die Sache liegt nun glücklich auch in meiner Hand. - Bei "Mädi" ist am 15.VIII. ein Kleiner angekommen, natürlich auch mit der Paulsenschen Locke.
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Es ist sehr fatal, daß die Antwort wegen des Stipendiums nicht kommt. Ich habe 830 M auf der Sparkasse. Wenn 300 dazu kommen, läßt sich eine neue Einrichtung mit Leichtigkeit treffen und damit eine ruhige Existenz gründen. Vorläufig kann ich ja nun auch mit Böhm nichts für den Winter abmachen. Die Kurse sollen durch eine Intrigue Engwers, des Decernenten im Provinzialschulkollegium, abgeändert sein. Insofern tut's mir leid, daß ich so schnell nachgegeben habe. Knauer hat eine grimme Fehde mit ihm.
Eine Probe meines Könnens: Um 11 Depesche der Turnlehrerin: Fuß verstaucht. Vertretung nicht zu haben. Ich erbiete mich. Kl. I. u. II. kombiniert im Turnsaal: eine heulende u. tobende Rotte. Ich komme rein u. habe keine Idee, was ich treiben soll. 10 stürzen über mich her u. versichern, sie müßten um
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| ½ 12 zum Prediger. Ich beginne, den Gedankengang des "Faust" zu entwickeln, stehe an eine dreckige Säule gelehnt und spreche 50 Minuten ohne Pause. 5 Min vor 12 reißt sich endlich die erste Konfirmandin los. Ich hatte das Gefühl einer unvergleichlich tiefen Wirkung.
Heute schreibt mir die Tante aus Finsterbergen einen sehr, sehr lieben Brief; ich kann sagen: einen prinzipiellen. Sie schreibt ganz herrlich schön, und ich habe sehr viel Sympathie für sie. Über Ihr Verhältnis zu *** schreibt sie fast wörtlich dasselbe, was Sie; dabei mit dem milden Verständnis des reifen Alters.
Daß Hermann ohne Sie Hochzeit feiert, kann ich mir nicht denken. Ungern freilich sähe ich es auch, daß Sie im Winter so weit u. dann doch auf so kurze Zeit reisten. Aber es wird jetzt so Mode, daß man bei Nacht u. Nebel heiratet, u. das widerstrebt dann doch der Teilnahme, die die Nächststehenden geben: das ist ehrlich; denn Sie
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| kennen meine Neigung für Hochzeiten. Aber wenn ich gesund gewesen wäre, so wäre ich zur Feier meiner Cousine doch gegangen. Für uns ist Cassel doch wohl ein geeigneterer Boden. Die Tante schreibt von Ostern; doch ist da - + + + - abgesehen vom Dunkel der Zukunft, mindestens Umzug. Dies müssen wir bedenken.
Oesterreich u. Ludwig lassen grüßen. Der Registrator kam am Montag [über der Zeile] Sonntag totkrank; wollte nur noch zum Barbier gehen, "damit die Leiche nachher nicht so stachlig aussieht." Nachher waren wir in der Jungfernheide - soziale Studien!
Was ist der Tegeler See doch herrlich! Riehl zeigt viel Verständnis. Er erzählte noch einmal, wie er der Völkerwanderung beim Umzug ins Aud. maximum begegnet sei. Auf s. Frage, was denn los sei: "Herr Dr. Spranger liest über Kant u. hat keinen Platz." Er meinte, ich hätte diesen Schlag wirklich herrisch überwunden. Hätte er gewußt, was mir dies zur süßesten Wendung meines Schicksals verklärt hat!!
Aber ich muß mich losreißen. Innigste Grüße. Auch Frl. Knaps m. Dank für Karte u. Gruß. Stets Ihr Bruder Eduard.

[re. Rand,S.11] Der Brief soll Sonntag in Ihrer Hand sein; ich habe keine Zeit, die Addition nachzuprüfen. Wenn ein Fehler drin ist - ist es Eile. Denn auch im Nichtstun ist die Zeit knapp.