Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. August 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 28. August 1910.
Goethes Geburtstag.
Wenige Tage vor dem 7 jähr. Jubil.
Liebe Freundin!
Eigentlich hoffe ich zwar, daß Sie noch auf dem H. H. sind; denn ein gesundheitlich günstiger Aufenthalt, wie dieser zu meiner Freude ist, kann garnicht lange genug ausgedehnt werden. Trotzdem schreibe ich nach Heidelberg, weil ich "offiziell" keine andere Weisung erhalten habe.
Heute habe ich sehr gute Nachrichten: der Staat wird mir das zurückgezahlte Honorar ersetzen. Riehl, Erdmann, Dilthey, Münch haben diesen Antrag wiederholt im Ministerium gestellt, mit Rücksicht auf m. großen Erfolg. Die Bewilligung (durch Naumann) ist erfolgt, und nur die Ausfertigung fehlt noch - die vielleicht absichtlich bis zum Jubiläum hinausgeschoben wird, so daß es also mit dem "Professor"
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| oder dem RA IV. nichts wird, geliebte Freundin. Dies wäre dann doch mit dem Vorhandenen Fonds, dem Stipendium - das ja nicht ganz verloren gehen kann - und weiteren zu erweckenden Revenüen eine ganz anständige Basis. Aber noch größer fast ist die Ehrung, die darin liegt, und ich bin tief gerührt durch so viel menschliche Teilnahme und Bestätigung. Natürlich liegt darin die Verpflichtung, alle im Winter angekündigten Vorlesungen zu halten.
Nun kommt gestern von Herrn Kölle der beiliegende Brief. Das betr. Frl. ist in Oeynhausen bei einer alten, ganz gelähmten Dame in Stellung, 36 Jahre alt, immer in Dienst, sucht aber mehr Ruhe. Ich habe das Gefühl, daß sie eine Nüance zu vornehm ist; kennt aber Berliner Verhältnisse u. will alle Arbeiten außer großer Wäsche machen. Bleibt freilich die Wohnfrage. Wenn Sie gegen
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| beiliegenden Entwurf m. Briefes keine erheblichen Bedenken haben, schicken Sie ihn bitte gleich an die Zwischenadresse (Mutter der Frau Kölle.) Endet dies negativ, so beschaffe ich hier vielleicht ein Mädchen durch Stellenvermittlungsbureau für ½ Jahr. Ist ja nicht viel zu riskieren, da kaum Wertsachen offen daliegen.
Die Sache ist um so dringender, als ich wirklich nicht mehr im Restaurant essen kann: ich werde selten satt, u. mein Darm ist chronisch in Verdauung. Frl. König muß allerdings 6 Wochen Kündigung innehalten, [über der Zeile] so daß sie frühestens 1.XI. antreten könnte. Dies ist wegen Semesteranfang von Übel. - Bitte Ihre Ansicht über mögliche Zimmerverteilung (Patentsofa?) Bettstellen, Betten etc. mehrfach vorhanden.)
Ich schreibe heute sehr geschäftlich, u. Sie werden das verzeihen. Es liegt nämlich schon wieder unglaublich viel vor, u. trotz garantiert vollständiger Gesundheit fühle ich mich doch recht
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| schonungsbedürftig. - Die Bilder sind meine stete Freude. Wenn es nicht zu mühsam u. teuer ist, schicken Sie doch bitte auf anderem Papier nochmal Abzüge. Auch mit m. Bild beginne ich mich zu befreunden; ich würde es gern der Schwester meiner Mutter schicken, die mich im Leben noch nicht gesehen hat, vielleicht auch Budenbender; alles vorbehaltlich Ihrer Zustimmung. Ihr Bild gebe ich nicht heraus; denn ich liebe es, auch wenn es als Bild nicht gut ist. - Die Sache mit der Frau Rose wollen wir doch so machen.
Wie ist es nun in Heidelberg geworden? Bitte volle Orientierung. Aber Sie werden jetzt alle Hände voll zu tun haben. Die Fortbildungsschule kostet viel Zeit, aber höchst lohnend. Paulsenaufsätze im Gang. Riehl begeistert v. d. Einl. zu den Univ. schriften. (!!) Gestern wundervoller Nachm. u. Abend solo in Neubabelsberg. Sehr herzlich u. intim. Bei Böhm Jubiläumsstimmung. 5.IX. Examen d. Seminaristinnen. Pauke, aber beste Harmonie. Schule tadellos. Jeanette Steinitz empörenden, jüdisch-frivolen Aufsatz. Vielleicht heute Nachm. mit Registrator Schönhausen - Park.
Herzliche Grüße in Eile an Sie u. Frl. Knaps.
Stets Ihr treuer u. dankbarer Bruder Eduard.

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Verzeihung für dies Blatt: die billigen aber schlechten Briefbogen sind nämlich alle.
Also: Sie haben in der Elfriedenhütte entschieden geträumt: ich habe Ihnen nichts zurückgegeben. Wenn Sie nun nicht "liquidieren" wollen, so nehme ich an, daß die Summe nicht 380, sondern 450 beträgt, was Sie an Ihrem Bestand leicht werden konstatieren können.
Ich habe von Ihnen hier mit Fl. Eau de Cologne u. 2 oder 3 Gläser Gelee, darunter 1 von Dilthey. Leider vertragen weder Zähne noch Magen die süße Speise. Glauben Sie, daß es lohnt, dies nach Heidelberg zu schicken, oder wie verfügen Sie sonst darüber?
Die Oeynhäuser Sache ist etwas problematisch. Ich habe den Eindruck, daß die Ansprüche ev. zu hoch sein könnten. Aber man kann ja wohl die Rückäu
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|ßerung abwarten.
Will sie durchaus mein Zimmer, das ich eigentlich ungern gäbe, so müßte die Chaiselongue durch "Schlafepatent" ersetzt werden, Waschtoilette zum Zuklappen in dies Zimmer, und das Bücherregal vor die Tür vom Korridor zur Balkonstube, die dann also abgesperrt würde. Auf den sog. Salon kann ich nicht verzichten, weil doch viele Studenten zu mir kommen.
Schreiben Sie mir bitte Gutes über Ihr Ergehen!