Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. September 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 2. September 1910.
Liebe Freundin!
Auch ich habe, soweit ich jetzt "denken" kann, am 31.VIII ein stilles Gedenkfest gefeiert. Verzeihen Sie, wenn ich nicht schrieb. Mein Brief vom Sonntag galt schon diesem Tage; die nächsten waren unruhig, wie die meisten. Ich habe mich sehr gefreut, daß Sie selbst zu mir kamen, wenn ich auch auf die Nagelschuhe garkeinen Wert lege. Aber auf diesem Bilde wie auf dem Humboldtfelsen sehen Sie so aus, wie Sie mir gefallen. Das macht mir viel Freude; also herzlichen Dank, auch für den Penelope schlips, der von Tränen ja schon ganz blaßgrün geworden ist. Er wird mich immer daran erinnern, wie lange der Mensch kniebeln kann.
Diese Luft ist wirklich schändlich. Trotz aller Faulheit bin ich meist todmüde.
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| Ich muß doch sehen, Anfang Oktober noch 4-5 Tage an die Ostsee zu gehen. Ich habe gleich zu viel Intensität in die Schule gelegt. Dazu kam nun das Jubiläum u. viel Lauferei; endlich habe ich über religionsphilosophische Fragen bis zur Erschöpfung nachgedacht - alles in allem: ich habe mich ohne Arbeit doch ermüdet, u. weiß nicht, wie ich es eigentlich anfangen soll: denn in Th. liefen wir 7-8 Std. am Tage. Hier bin ich nach ½ Std. schon erschöpft. Es geht aber allen Nervösen dies Jahr so. Hoffentlich wird der Herbst besser.
Eine neue, nicht üble Perspektive verfolge ich seit einigen Tagen: die Schwester der Frau Endriat sucht eine Stelle; sie ist in Hamburg zwar schwer krank gewesen, aber jetzt wiederhergestellt u. bis I.X. wohl sicher. Mein Vater kennt sie (ich nicht) und sie ist ihm sympathisch. Sie ist lebhafter als unsre Frau, aber wohl kaum über 28. Heute habe ich nun bei
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| Frau Endriat unter höchster Vorsicht u. Diskretion einmal gefühlt, u. es schien, als wenn ihr die Idee gleich nicht antipathisch war. Wollen sehen; ich fürchte bei dieser Wahl nur, daß ev. Schwäche zurückgeblieben ist. Da sie verlobt ist, ist es auch nichts für die Dauer; aber das scheint mir jetzt auch nicht so wichtig, wo alles noch schwankt, u. das übrige liegt wegen gegenseitigen Empfohlenseins günstig.
Ich korrigiere eben "Phantasie und Weltanschauung"; merke wohl, daß es nicht gereift ist; aber 150 M und mehr liegen nun einmal drin.
Heute morgen war ich beim Ministerialdirektor Schmidt in Steglitz, dann bei Frau Paulsen, endlich die sich lebhaft nach Ihnen erkundigte, endlich bei Geh. Oberreg.Rat Reinhard - alles wegen Paulsenaufsätze. Aber ich knüpfe dadurch Bekanntschaften von Wert.
Am 31.VIII. von 9-2 Uhr in der Schule wegen Jubiläumsschreiberei, wobei mich die Damen unausgesetzt störten, dann
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| um 4 Frl. Glinzer bei Schulvorsteherin Frl. Köster abgeholt, und hübschen Nachm. Dampfer Pfaueninsel, Nikolskoi etc. Um 10 Uhr Abendbrot - ich war wie eine Leiche. Frl. Köster hat m. Fall - ohne Autorisation - als Material gegen Engwer verwendet. Es geht mir nun so wie dem Kaiser, daß mir diese Politik- u. Versammlungsweiber zum Halse herauswachsen, um so mehr, als die Geschäftsunfähigkeit sich ja auf Schritt u. Tritt zeigt. Ich bin verdammt, all den Klatsch zu verdauen; na Sie wissen ja, wie mich das stimmt.
Die Karte schicke ich der Rose auf Fittichen in den Schoß. Nochmal nach Heidelberg ist Umweg.
Wenn Ihre Abwesenheit weiter so unbefragt bliebe, wäre es ja das Beste. Hoffentlich nur ist das Interesse im stillen nicht doch lebhafter. Bitte ständigen Bericht.
Neulich hatte ich einen glücklichen Nachm. in Frohnau. Im ganzen fehlt mir doch die Pflege; na, man wird verwöhnt. Aber ein bißchen rationeller will ich das Essen ab Oktober doch einrichten.
Grüßen Sie Frl. Knaps. Für heute nur dies. Herzlichst und innigst
Ihr treuer, dankbarer Bruder.