Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. September 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 5.IX.10.
Liebe Freundin!
Es ist mir sehr schmerzlich, aus Ihrem lieben Brief zu sehen, daß Sie sich um mich beunruhigen. Dazu ist doch nun wirklich kein Anlaß. Sie wissen so gut wie ich, daß ich so wenig wie Sie jemals auf ein ganz tadelloses Befinden hoffen können : man freut sich, wenn nichts Besonderes vorliegt. Und so ist auch diese Verstimmung der Unterwelt nicht erwähnenswert; sie ist übrigens durch Tannalbin nicht zu kurieren. Ich denke lieber einmal ein allgemeines Nervenkräftigungsmittel zu nehmen. Levica scheint mir immer noch etwas riskant. Wissen Sie vielleicht etwas von Lecithin-Sangninal-Pastillen, die mir heute empfohlen wurden?
Von der Frau E. kochen zu lassen, ist um so weniger möglich, als ich nun
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| Beweise habe, wie wenig sie sich daraus macht. Denn sie hat die Stellung mit dem größten Vergnügen an ihre Schwester zum 1.X. abgetreten. Diese Sache betrachte ich nun als perfekt; Gott weiß, ob nicht noch was dazwischen kommt. Natürlich hat mir dieser - immerhin für einen jungen Mann schwierige Schritt - viel innere Unruhe bereitet. Ich kann nicht sagen, daß es ganz ohne Schwierigkeiten gegangen wäre. Mein Vater sagte ganz ehrlich u. liebenswürdig, er hätte gedacht, daß ich erst bei seinem Ableben Veränderungen treffen würde, sah auch garnicht ein, was mir denn - außer dem Mittagessen - an Verpflegung fehlte; und es zeigte sich dann doch wieder, daß er weder für seine, noch für meine Lebensbedingungen praktischen Sinn mehr hat. Er rechnete mir vor, daß die Sache 1000 M kostet, also 500 mehr als die bisherige Einrichtung. Ich glaube nicht, daß wirklich so viel dabei herauskommt, hoffe aber ev. genau so viel auch an Ruhe zu gewinnen.
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| Am Gehalt spare ich beispielsweise bei 30 M schon 2 M monatlich. Das Mittagessen für 3 Personen muß für die bisherigen 16,50 M 19 M per Woche auch im Hause beschafft werden können. Bleibt also nur Abendbrot, Kaffee, Wäsche und Neuanschaffungen als plus. Nun, es wird versucht werden. Viel Freude wird ja auch so nicht herauskommen. In dem unheilbaren Zustande der Entfernung, wie er mir schon am 1. Tage wieder fühlbar wurde, liegt nun einmal das Quälende. Ich weiß, die Schuld liegt auf meiner Seite; aber ich kann nicht dagegen ankämpfen.
In dieser Woche habe ich vermehrten Dienst, da ich Frl. Thümmel, die ihr schriftl. Abiturientenexamen macht, auf 8 Stunden vertrete. Ich muß also 4 mal um 8 dasein u. werde, da ich vergessen habe, Frau E. zu instruieren, das Vergnügen haben, mir morgen Kaffee u. Frühstück selbst zu besorgen; denn die Portiersfrau ist mir dafür nicht besonders sympatisch. Ich mache das alles gern, denn ich bin ja eigentlich im voraus
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| dafür bezahlt. Aber ganz gewaltig hat es mich doch wieder gestört, daß der alte Böhm mir heute in Seminar I die Ehre gab. Er denkt sich gewiß nichts dabei; Aber sagt auch keinen Ton. Aber es ist überflüssig. Beweis: von den 14 Examinandinnen, die heute Nachm. die erste schriftl. Arbeit schreiben, kamen 5 in vollem Schwarz, um die Stunde bei mir [über der Zeile] 9-10. zuzuhören. Und um 11 - als ich genug hatte - bat die 1. Klasse, daß ich doch zur Vertretung zu ihr geschickt werden möchte. Wozu die Inspektion?
Frl. Glinzer ist allerdings die Hamburger Oberlehrerin. - In Frohnau war ich allein; aber ich bin nicht immer auch glücklich, wenn ich allein bin. - Zum Jubiläum will man mir alles aufhalsen. Ich halte mich nach Möglichkeit zurück. Das eine Gedicht mag genügen. Meine Zeit ist kostbar.
Gestern hat sich schon der erste zu den pädagog. Übungen im Winter angemeldet - ein städt. Lehrer.
Sonnabend war ich bei Knauers in Wilhelmshagen. Auf einen Moment bei Schubert. Gestern nichts Besonderes; der Registrator ist in Swinemünde.
Zum Schluß dieser eiligen Zeilen mir die heilige Versicherung, daß ich alles für mich tun werde. Wie, das müssen Sie nun schon meinem besten Gewissen überlassen. Aber ich will alles so tun, als wenn Sie es für mich täten, u. das wird mir gewiß helfen. - Wie gern spräche ich mit Ihnen über Religionsphilosophie! Innigen Dank für die beiden Bilder, die mir sehr <re. Rand> willkommen sind. Sie schreiben nicht, wie es Ihnen geht. Hoffentlich recht gut. Bitte, bitte regen <Kopf> Sie sich um mich nicht auf. Herzlichste Grüße Ihr dankbarer <li. Rand> Bruder Eduard. Der kl. Scholz schreibt aus dem Engadin.
[re. Rand S. 1] Phantasie u. Weltanschauung habe ich gründlich gefeilt. - Frau Paulsen ist in Elbing.
[re. Rand S. 3] Es kommt mir oft komisch vor: aber ich bin in Berlin jetzt als pädagogische Kapazität ver<Kopf>schrien.