Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. September 1910 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg, den 11.IX.10.
Liebe Freundin!
Verwöhnt wie ich bin, hatte ich im Stillen gehofft, heute Nachricht von Ihnen zu erhalten. Ich bescheide mich gern, wenn ich nur weiß, daß Sie gesund sind und daß sich nicht etwa Schwierigkeiten ergeben haben - von denen Sie mir ja ev. sofort Nachricht geben wollten. Aber ich hoffe, daß alles beides nicht der Anlaß ist, sondern die sehr natürliche Tatsache, daß Sie jetzt viel in Ihrer Wohnung zu tun haben; um alles zu ordnen, was Sie um meinetwillen aufopfernd im Stich gelassen haben.
Es regnet heute Spitzbuben à la Ilmenau; ich will aber nachher doch noch m. Vater aus Lichterfelde abholen. Vorher noch einige kurze Nachrichten: die schwebende Angelegenheit hat sich inzwischen realisiert durch folgenden
[2]
| Erlaß des Ministers: "Ich habe Ihnen eine außerordentliche Unterstützung von 500 M bewilligt, zu deren Zahlung die Kasse der .......... Anweisung erhalten hat. - Zugleich benachrichtige ich Sie, daß ich in Aussicht genommen habe, Ihnen im Dezember d. Js. eine Beihilfe in gleichem Betrage zu gewähren. J. A. Naumann." Daß mir das angenehm ist, liegt ja auf der Hand. Immerhin geht die Freiheit des Privatdocententums dabei etwas verloren. Denn wenn ich etwa im Winter eine v. beiden Vorlesungen aufgeben wollte, so wäre dies jetzt schwerer, wo man für doppelte Honorierung - Sa. jähr in diesem Jahr bis 1.X.1911  2200 M - natürlich auch Leistungen von mir erwartet.
Aber es kann sein, daß ich dieses bekannte Furchtstudium, das mich bei der Lektüre für die Relphilos. wieder befallen hat, überwinde, sobald ich erst die Sache ein bißchen beherrsche. Die Verhältnisse werden ja günstiger liegen als im
[3]
| Sommer: zunächst schon häuslich; dann aber gebe ich bei Böhm, falls es genehmigt wird, sicher nur 4 Stunden, ja vielleicht nicht einmal diese, da er mit Recht im Interesse der Mädchen 4 Std. Deutsch nicht auf 2 Tage verteilen wird. Stattdessen behielte ich also etwa 3 Std. Pädagogik im Seminar, oder auch nichts, was finanziell kaum etwas ausmacht, da 300 M auch schriftstellerisch in der Zeit zu verdienen sind. Diese Vertretungswoche war sehr anstrengend. B. besuchte mich auch in der II. Kl, wo aber alles so glänzend funktionierte, daß er hoffentlich daraus nur gelernt hat, wie man's macht.
Gegen m. Beteiligung an den Vorarbeiten für das Jubiläum läßt sich vom Stdpkte. der Vernunft viel sagen. Man muß sich aber hineinfühlen: es gibt da kein Mittelding: entweder macht man garnicht mit, oder wenn man mitwirkt, muß man auch dafür sorgen, daß die Sache ordentlich angefangen wird. Es ist also am Freitag d. 30.IX. um 4½ offizielle Feier in der Aula des Humboldtgymnasiums, u. um 8 Uhr
[4]
| Festessen in den Germaniasälen.
Am Dienstag beabsichtige ich mit Oesterreich eine Tagestour nach Birkenwerder, Liegnitzsee, Bernau. Damit soll Schluß der eigentlichen Saison sein. Ich muß mich dann wieder zur stillen, kontinuierlichen Arbeit tränieren was immer erst eine Zeit der Anpassung erfordert. Mit der Unterwelt bin ich auf dem Wege der Besserung dank täglicher Hafergrütze. Die Müdigkeit hält an, wird sich aber durch vernünftige Lebensweise auch beheben lassen, da sie tatsächlich nur Nachwirkung des Erlebten ist, und sonst keine schwereren nervösen Erscheinungen vorliegen.
Ich hoffe, daß Coss Sie in diesen Tagen besucht. Sie können ihm sagen, daß er mir sehr lieb geworden ist in der Zeit seines Hierseins; Sie werden bei ihm für alles Tiefere u. Menschliche Verständnis finden. - Wie steht es mit den Stunden? Was macht Hans Kl? - u. Frl. K? Was Sie mir von ihr schreiben, verstehe ich wohl. Auch Tante Th. sieht die Sache von der Seite. Da es aber doch schließlich Liebe u. Teilnahme ist, muß man's wohl tolerieren u. sich unvermerkt sein freies Fleckchen bewahren im Innern.
Freitag war Dr. Hass hier. Sonnabend m. Freundin, Tante Grete -, leider war ich nicht zu Hause; m. Vater kam nicht recht mit ihr ins Gespräch. Leider reist sie, so daß ich sie nicht mehr sehen kann. Heute Professor <li. Rand> Gusti u. d. kl. Scholz. Darüber wäre noch viel zu schreiben; aber ich muß fort. Ein andermal? Leider, leider, <Kopf> beginnt jetzt die Saison mit den vielen Menschen.
[re. Rand S. 1] Über den Schlips wollte ich bloß einen harmlosen Witz machen. Sie müssen nicht übelnehmisch sein. Endlich noch eine Bitte: Herr Siedow, Köpenicker Str. 31. möchte den Überzieher noch vor der Hauptsaison passend machen. Könnten Sie [re. Rand S. 2] ihn wohl gelegentlich abschicken? Ich bin jetzt so gewöhnt, von Ihrer Liebe u. Güte zu leben, daß ich immer anspruchsvoller werde. Aber ich kenne Sie u. Ihr schwesterliches Herz. Leben Sie wohl u. empfangen Sie die innigsten Grüße von Ihrem dankbaren Bruder Eduard.