Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. September 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 19.IX.10.
Liebe Freundin!
Mir bleibt eine halbe Stunde zwischen Heimkehr und Mittagessen; aber Sie sollen doch wenigstens den guten Willen sehen. - Also Sie kochen jetzt selbst? Dazu gratuliere ich Ihnen nach eigenster Erfahrung. Hoffentlich gibt es auch Tomatensuppe - mir zum Andenken. Wie fanden Sie es in Mannheim? Ich sehe doch nicht ein, daß mit der Vorschule auch alle Zeichenlust in Heidelberg eingehen soll.
Aus Tübingen hat Oesterreich nichts erzählt, was von akutem Interesse wäre. Unsre Partie war sehr schön u. harmonisch. Die Karte ist erst am nächsten Tag aus dem Kasten geholt worden. Wir gingen, bei zeitweisem Regen, nach Bernau, kamen dort - wie Ostern - in der Dämmerung an, kehrten im Schwarzen Adler ein und plauderten über alles Mögliche.
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Sonnabend haben Herr Kölle, die Else u. ich angefangen, die Kammer auszuräumen. Jeder von uns war 5 mal auf dem Boden; trotzdem ist noch allerhand scheußliches Gerümpel drin. Es soll dann ein bißchen tapeziert werden; der Raum ist doch nicht so klein, wie er mit all dem Kram erschien. - Besonders freue ich mich, daß die Else geht, die für unsre Zwecke eigentlich wertlos war.
Die Religionsphilosophie macht mir viel Sorgen. Ob ich sie halten kann? Ich komme mit meinem Nachdenken nicht zu Ende, geschweige mit der Literatur. Es geht mir zwar jetzt etwas besser; aber die Verpflichtungen häufen sich wieder so, daß keine Zeit zur Vorbereitung bleibt. Geben Sie mir einen Rat, wie ich da etwas abwälzen soll. Hier das Programm seit der Partie:
Mittwoch 4 Uhr - Invalidenstr. Adressen.
½ 6 - 8 Uhr Herr Pieper, <unleserl. Wort>.
Donnerstag 5 - 8 Fortbildungsschule.
Freitag Spandau - Tegel - Hermsdorf mit innerem Fortschritt.
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Sonnabend:  MittagSchneider.
Nachm.<unleserl. Wort>.
AbendsSeminarfest.
Dort habe ich mich keineswegs wohlgefühlt. Aus den Witzen, die die untere Abteilung über mich gemacht hat - sie waren ganz harmlos - ging jedenfalls doch hervor, daß man mich da nie verstehen wird. Einige der "Bestandenen" gingen sehr auf mich ein. Es sind aber 4 durchgefallen, davon eine sehr begabte, und in Pädagogik haben sie alle kein Glück gehabt, woran teils Examinator teils m. Krankheit schuld war. Das Fest dauerte bis 12; nach üblichem Schoppen kam ich ½ 2 ins Bett. Gestern habe ich den ganzen Tag gearbeitet: für Dilthey u. 1 Universitätsaufsatz für daheim - 5 Std. = 100 M - aber 5 Stunden sind auch etwas wert.
Registrator verärgert aus Swinemünde zurück. Eigenartige Begegnung in Hildburghausen.
Von gestern Abend habe ich noch zu erzählen, daß ich bei Scholz war, die 3 männlichen Glieder der Familie u. ich allein: dem Professor sieht u. fühlt man es an, wie sehr ihn der Schlag erschüttert hat. Eine ganz kleine Regung beginnt mir zu sagen, daß ich nun bald vom Mädchenunterricht genug habe. Wenn m. Gesuch - das übrigens von Köpke behandelt wird, abgelehnt würde, könnte ichs ertragen. Finanziell auch, wenn man bedenkt, daß ich für den Daheimbetrag einen ganzen Monat 32 Stunden arbeite.
Ella Grassi ist sehr zu bedauern. Muß übrigens doch noch sehr jung sein nach m. Erinnerung. Die italienische Literatur kenne ich nur sehr vom Hörensagen. Im vorliegenden Fall hat sie nicht einmal das Problem verstanden: Sie treffen den richtigen Punkt. Amüsant u. echt weiblich ist es, daß sie sich auf den Geschichtsprofessor beruft; als wenn das nicht allenthalben so gemacht würde! Um den Aufsatz zu beurteilen, fehlt es ihr wohl an Kenntnis der Problemlage; denn wenn man in Italien so schlau ist, warum bringt man das Problem dann nicht weiter? Liebe Freundin, das Frauenstudium ist ein großer Unsinn; sie leisten alle nichts.
Sobald ich kann, schreibe ich wieder. Dies betrachten Sie bitte nur als eine Postkarte. Nach dem Überzieher werde ich mich erkundigen. Herzlichsten Dank. Sie schreiben solange nichts von <li. Rand> von Frl. Knaps u. Heidelberg im allgemeinen. Viele Grüße ihr u. Frl. Ännchen.
<Kopf>
Treulich, herzlich, dankbar Ihr großer Bruder.

[Kopf S.1] Herzlichen Dank für das reizende Bild! Nächstens schicke ich die 2 Gedichte für Böhm. Mittwoch 70. Geburtstag