Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. September 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 29.IX.10.
Liebe Freundin!
Schließen Sie von diesem geknickten Papier nicht auf meine Stimmung. Eigentlich wollten Sie mich mit diesen Bogen beglücken: nun haben Sie es; wer andern etc.
Ihren lieben ausführlichen Brief habe ich mit herzlichster Anteilnahme an allem gelesen. Ich verstehe Ihr Verhältnis zu .......; es gibt eine Art der Teilnahme, die eben nicht die richtige ist, und diese ist fast schlimmer als gar keine. Nur wir sensiblen Naturen machen diese Unterschiede; aber wir können uns nicht grobfühliger wünschen. Geht mir's doch auch so: nachdem ich diesen Sommer so ganz mit Ihnen verlebt habe, kommt mir die kleine und große weibliche Welt hier recht grobgeschnitzt vor. Sie hat sich nicht verändert, aber ich stelle jetzt andre
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| Maßstäbe und Ansprüche auf. Es fehlt mir so sehr, daß ich über das Einzelne nicht mehr mit Ihnen diskutieren kann, wie in Ch. und Ilmenau. Aber lange briefliche Beratungen kommen mir immer wie ein Mangel an Energie vor, und es ist mir, als käme ich darüber dann nicht zur Sache.
Zunächst dürfen Sie mir gratulieren. Der Minister hat mich für die erbetenen Zwecke als akademische Kraft anerkannt. Ich bin darin Fatalist; wäre das Gesuch abgelehnt worden, hätte ich die Schule aufgegeben und dann vielleicht die Religionsphilosophie durchgeführt. Nun werde ich wohl 4 Stunden Deutsch in der Schule behalten; das Seminar (alias Hornviehstall) gebe ich gern auf.
Gestern habe ich mit der II. und (!) I. Klasse incl. Frl. Thümmel, die ihr Abiturium bestanden hat, die Herbstfahrt gemacht, die solange aufgeschoben werden mußte. Es waren 34 Mädchen, reservierter Wagen. Ab 1.40 bis Frohnau; durch Wald nach der
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| "Treue"; dort Kaffee mit anschließendem Tanz. Dann durch wechselnd lohnende Landschaft nach Forsthaus Briese, allwo Abendbrot u. wieder Tanz. In tiefster Dunkelheit nach Birkenwerder, in der Bahn Pfänderspiele, ½ 10 Leiche am Stettiner Bhf. - Die Mädchen singen sehr hübsch, haben aber sonst garnichts Poetisches an sich. Ich fühlte, daß ich diesem Alter wieder ein Stück fernergerückt bin: Laune und Witz sprudeln nicht mehr so wie bei Knauer. Die Kinder haben das nicht gefühlt, sondern waren sehr zufrieden mit mir. Ich meinerseits kann das diesmal nicht ganz sagen. Einige hatten doch einen Ton, der keinesfalls graziös war. Ich fand darin bestätigt, was ich schon lange empfinde: So ausgezeichnet Frl. Thümmel als Lehrerin und Ordinaria ist, fehlt ihrer Wirkung doch etwas, nämlich die Gabe, echte Weiblichkeit und Anmut zu erwecken. Sie müssen nicht denken, daß das nun seit ¼ Jahr mein Steckenpferdbegriff geworden ist. Aber ich glaube, daß ich eher in dieser
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| Richtung wirke. In meinen Stunden ist eine feinere Disciplin; nur gelegentlich schlägt der übermütige Geist aus anderen Stunden herüber. Dieses Problem beschäftigt mich eigentlich. Ich weiß nicht, wo ich bei Frl. Th. den Fehler suchen soll. Sie nimmt die Mädchen einzeln intensiv ins Gebet, beherrscht sie individuell und als Klasse, aber etwas ist nicht da: die absolute Sicherheit der seelischen Gewalt; sie macht sich von kleinen Launen und Stimmungen ihrer Schülerinnen zu weit abhängig. Ich glaube auch individuell zu sein; aber Launen dulde ich nicht. Dagegen hilft gleichmütiger Frohsinn, ev. kernige Grobheit.
Morgen Nachm. also spiele ich die große Rolle als Repräsentator. Man versichert mir allgemein im Kollegium: ich allein hätte das angemessene gesellschaftliche Auftreten, und der Bruder von Frau Geheimrat Riehl, mit dem ich Weihnachten ½ Tag zusammen war, hat neulich erklärt, daß er mir schwer näherkommen würde, weil ich ein Mensch der Form und so sicher in meinem Auftreten wäre. Elisabeth Borries deklamiert das Gedicht, daß ich immer
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| noch nicht abschreiben konnte, herzlich schlecht. Tut nichts, als Charakter ist das Mädchen das Interessanteste, was mir seit lange, vorgekommen ist: eine absolute Selbstbeherrschung und Überlegenheit, bei großer Natürlichkeit. Dora Jürgens deklamiert so innig und schön, aber sie ist ein ungezogener Junge, unchd - ich will von Elisabeth deklamiert sein. Dies ist mein pädagogischer Fehler.
Die Wissenschaft ruht ziemlich. Aber es geht mir wesentlich besser, entweder infolge des Sanatogens oder des besseren Wetters. Jede Nacht träume ich von Dilthey. (Er ist es übrigens, der beim Ministerium die Sache durchgesetzt hat.) Neulich hatte ich einen merkwürdigen philosophischen Traum (im Ernst aber, bitte!) Noch bin ich nicht klar, ob es Blödsinn oder etwas sehr Tiefes war: Ich träumte, daß doch im Traum eine Welt entsteht, und daß diese ganze Bildlichkeit ein apriori sei, etwas, daß wir aus ganz unbestimmten Material gestalten, so daß also diese Bildlichkeit eigentlich nichts anderes
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| ist als Ichzustand, Selbstexplikation. Zum Überfluß träumte ich das Beispiel gleich mit: ich anticipierte im Geiste die Schulpartie; sie ging durch Schnee und Eis, und ich sagte mir: So anticipierst du die Wirklichkeit; wird die Wirklichkeit denn selbst mehr sein als ein Traum?
Ich glaube, daß solche Zustände noch viel weiter gehen können; aus ihnen erklären sich die merkwürdigen mystischen Ansichten. Was ist Realität? -
Ziertmann hat sich von mir verabschiedet und ist unterwegs nach New York. Von Coß schreiben Sie so wenig. Und von Hermann hört man garnichts mehr. Es ist mir lieb, daß Sie über die Hochzeit jetzt anders denken. Ich beurteile den Fall wirklich nicht von mir aus.
Die Korrespondenz ist sehr groß, und ihre Größe schließt eigentlich die Erfreulichkeit aus. Seminaristin Frl. Tuchel schrieb mir einen Brief, der in seiner Gefühlsunklarheit mir das Seminar auch nicht lieber machte.
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| Sie war meine Beste. Aber wenn die Mädchen etwas leisten, muß man sie immer bitten, Eisen zu nehmen und spazieren zu gehen. Es ist fast ein Unglück, wenn sie begabt sind.
Das Jubiläum d. U. rückt näher u. entpuppt sich immer mehr als ein großes Ceremoniell.
Die "Deutsche Schule" nennt den kl. Humboldt eine der "hervorragendsten päd. Erscheinungen der neueren pädagog. Literatur."*) [re. Rand] *) Außerdem ca 10 kl. gute Recensionen.
In der Fortbildungsschule wohnte ich am Montag (nach Besuch von 3 "Gobischens") einer Entlassungsfeier bei mit interessantem Vortrag zur sexuellen Aufklärung. Es ist ein revolutionärer Boden, für den Pädagogen und Politiker schmerzlich. Aber die Sympathie und Schätzung, die mir Direktoren u. Lehrerschaft entgegenbringen, tut mir wohl u. beweist, daß der Volksschullehrerstand geistig regsamer als der Oberlehrerstand.
Pause; ich gehe zum Diner.
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Ich weiß noch nicht, ob ich diesen Brief selbstständig schicke oder in einem kl. Paket, das die Muffe meiner Mutter enthält. Es ist keine Kostbarkeit leider, sondern nur ein kleines Andenken; ob Sie sie tragen können oder wollen, weiß ich ja nicht. Jedenfalls ist sie in der städtischen Desinfektionsanstalt gereinigt, und Sie haben nichts zu befürchten. Sollte dieser kl. Biber jemals Ihre lieben Hände bergen, so will ich ihm danken, daß er mir die vier liebsten Hände der Welt warm gehalten hat.
Wer fragt sonst nach meinem Innenleben? Das Objekt wird zur ungeheuren Macht, und es ist gut so. Aber Sie wissen ja, daß ich an die innere Leidens- und Seinsgemeinschaft von Subjekt u. Objekt glaube. Was Sie über den Ilmenauer Aufsatz sagen, hat mir wohlgetan. Ich liebe ihn, weil ich in jeder Zeile Sie im Stübchen mit der schönen Aussicht sitzen sehe. Im strengen Sinne zeigt er alle Schwächen der Rekonvalescenz; aber auch alle Wärme einer tiefen Zeit. - Die Fehler sind verbessert. Die Bogen behalten Sie; später kommt der Reindruck.
Innigste Grüße
Dein Bruder Eduard.

[re. Rand] Herzlichen Dank für Birnenangebot; aber diese stark saftigen Früchte vertrage ich z. Z. nicht.
[li. Rand] Mein Vater läßt grüßen.