Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4./5. Oktober 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 4.X.10.
Liebe Freundin!
Eben habe ich an Petsch in Heidelberg geschrieben, und da fällt mir per Zufall ein, daß Sie ja auch in Heidelberg leben.
Ob es das böse Gewissen ist, das mich nach dem Jubiläum so lange schweigen ließ? Es ist sichrer, wenn ich alles beichte. Die Sache war nicht ganz billig, aber ich habe mich einmal wieder auf gut epikureische Art amüsiert, und ich weiß, daß Sie das nicht schelten.
Der Nachmittag war rein offiziell. Ich hatte die Leitung der Feier, empfing pleno ornatu die Ehrengäste, bestimmte die Reihenfolge der Gesänge und Reden etc. Eine Stimmung konnte nicht aufkommen, da der Provinzialschulrat Engwer eine wenig gewinnende Persönlichkeit ist. Ich machte ihm an der Treppe die honneurs; er fing gleich sehr unehrlich mit dem Erstaunen an, mich mit der Schule in Verbindung zu finden.
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| Die versprochene Eleganz war auch nicht gerade erschütternd. Nachdem ich ihn auf seinen Platz geleitet hatte - unter musterhafter Ruhe der enorm zahlreichen Schülerinnen - erschien das Jubelpaar. Harmonium, Gesang, Ansprache v. Frl. Voigt (NB. die beste Rede des Tages) dann Enzwer; er brachte Roten Adlerorden mit der 50, versicherte aber im übrigen, daß bezüglich der Anerkennung kein Handel möglich wäre. Ich beobachtete inzwischen meine Elisabeth Borries, die trotz ihrer Selbstbeherrschung doch alle Zeichen einer großen Angst verriet, in der ich ihr durch freundliche Blicke aufzuhelfen suchte. Nach weiterem Gesang deklamierte sie recht nett, bewies aber dadurch, daß sie statt "mußte Wendung" den befürchteten Schreibfehler "müßte Wendung" aussprach, daß auch sie Zwangsvorstellungen unterliegt. Gott sei dank hat niemand etwas gemerkt. Dann eine Reihe miserabler Reden, aber herzlich. Schwache Aussprache vom alten Herrn, der den großen Formfehler machte, für den Orden erst ganz zuletzt
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| en passant zu danken. Dann Auflösung der Versammlung. - Mit den Geschwistern Tuchel hatte ich noch eine Gesangprobe; fuhr auf ¼ Stunde nach Hause u. war um 8 in den Germaniasälen.
Das Fest verlief sehr harmonisch. Es waren wohl 160 Teilnehmer. Schlau genug, hatte ich für diesen Abend jede Arbeit auf Herrn Ligs abgewälzt, der seine Sache ausgezeichnet machte. Ich hatte mir die Geschwister Thümmel geangelt und war so recht gut unterhalten. Freilich merkte ich bald, daß ich bei m. Stellung nicht billig davon kommen würde. Wir tranken verschiedene Sorten bis zum Henckell; wenn sie besser gewesen wären, wäre es besser gewesen. Aber es mußte nun einmal ausgekostet werden. Während des Tages hatten wir gemütliche Ecke. Bier, dann Kaffee; der letzte Zug war längst weg. Um ½ 4 Parole Café Bauer. Ich verpackte 4 Damen ins Auto, fuhr selber auf dem Bock und saß dann klappernd im offenen
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| Cafe' mit Ball<Wortteil unleserl.>, wie abgebildet. Kuchen vergaß ich oder wollte ich nicht anbieten. Daher der große, schöne Napfkuchen mit Versen und Bildern, den ich am Sonntag erhielt. Um ¾ 5 zu Fuß nach Potsdamer Platz, allwo Trennung. Klappernd per Droschke nach Bhf. Friedrichstr., um ½ 6 (!) zu Haus. So etwas ist seit Jahren nicht dagewesen; es ist auch nicht rühmenswert, aber es macht jung und ich bereue es nicht, wennschon Sie am besten wissen, daß so teure Vergnügungen für mich eigentlich nichts sind. Nun - es war Stimmung dabei, und wenn der alte Böhm um 4 noch zum Tanz aufspielte, kann der Priv. doc. Dr. Sp. auch bis ½ 6 aufbleiben.
Die Zeichen der Dankbarkeit meiner Damen, von denen die weißhaarige Frl. Voigt, links Frl. v. Tresckow, rechts - schillerisiert, - Frl. Thümmel, lege ich bei, und bedaure nur, daß ich vom Kuchen nichts mitschicken kann. -
Nunmehr naht schon das neue, größere Fest, und auch dies bringt für mich Anerkennung.
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| In dem amtlichen Auskunftsbuch ist meiner Schriften an bevorzugter Stelle gedacht. Die Recensionen häufen sich. Wenn Reuther so geschickt wäre wie Dürr, müßte er große Erfolge haben. Petsch hat über den großen Humboldt im Paed Arch. von Ruska einen langen, sehr lebenden und guten Artikel geschrieben, der freilich stilistisch nicht durchgefeilt ist. Ich las ihn erst heute.
Die Häuslichkeit steht seit dem 1.X. auf gesunder Basis. Unsre " Lisbeth" ist freundlich, bescheiden und von recht guten Manieren, kocht eßbar, obwohl nicht excellent, und scheint vor allem recht sparsam, rationell zu wirtschaften, wobei sie selbst sehr geringe Ansprüche entfaltet. Ich empfinde dies wie eine Befreiung vom Proletariertum. Ja ich glaube, daß eine solche Einrichtung schon vor 1 Jahr uns viele Kosten und mir viele Leiden erspart hätte. Die Wirtschaft war niedergegangen, daher manche Ausgaben jetzt, die anfangs eine Verteuerung bedeuten. Dieser Vorfall hätte nicht eintreten sollen. Nun aber kommt alles allmählich in die Höhe. Mein Vater empfindet dies wohl nun auch angenehm. Er ist sehr erkältet und hatte heute einen Schwächeanfall (damit doch
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| ja die Sorgen nicht aufhören.) Wir beide brauchen die Pflege, und wenn sie schon länger so gewesen wäre, ging es wohl uns beiden seelisch und leiblich besser. Das Stipendium habe ich nun auch bekommen, nachdem infolge getrennter Ansichten ein Magistratsbeschluß herbeigeführt worden. Aber, wie gesagt, ein Plus der Einnahmen ist unmöglich, da noch so viele Löcher zu verstopfen sind. Hoffentlich kommt nun wenigstens ein Semester der Ruhe. Für den Winter ist gesorgt. Der Umzug muß zu einer kleinen Verbilligung der Miete führen. Denn da ich die Religionsphil. privatim nicht lesen kann, ist im Winter auf direkte Einnahmen über 1000 M (exkl. Stipendium um 500 M Min.) nicht zu hoffen.
Reisen werde ich wohl nicht. Das Wetter ist schwankend, mein Darm freut sich der häuslichen Küche, und die 3-4 Tage sind um so weniger ertragreich, wenn es etwa meinem Vater weiter nicht gut gehen sollte.
Nieschling habe ich seit dem 1.X. schon 3 mal in seiner nicht sehr einladenden Wohnung begrüßt. Banz ist ein Gemütshund, er selbst eine Schlafmütze. Ich versichere ihm jeden Tag, er wäre alt u. häßlich geworden.

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5.X.10. früh
Die Schicksale wechseln. Nachdem ich gestern über das Mädchen Günstiges berichtet hatte, mußten heute um 8 Uhr erst mein Vater, dann ich einen Tatbestand mit eignen Augen konstatieren, auf den in andern Häusern sofortige Entlassung folgen würde, selbst wenn die ungünstigste Deutung des Tatbestandes nicht zutreffen sollte. Mein Vater ist natürlich in der Deutung Optimist, behauptet aber doch, in seiner (recht inhaltreichen) Praxis auf diesem Gebiet etwas derartiges doch noch nicht erlebt zu haben. Eine Erklärung steht noch aus; ich selbst bin mir noch nicht klar; [über der Zeile] d. h. was ich tun soll. aber das Vertrauen ist natürlich weg.
Diesen schönen Bogen erhielt ich eben vom Ministerium und glaubte, daß irgend eine glänzende Beförderung draufstehen würde. Leider war es nur ein Zirkular mit Bitte um Beiträge.
Eben kommt die 2. Post, und ich hatte eigentlich gehofft, von Ihnen ein
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| Wort zu hören. Ich bin ganz geduldig, wenn ich weiß, daß Sie gesund sind; aber das würde ich doch gern hören. Ist das kl. Paket mit Brief angekommen?
Sie tun mir entschieden Unrecht, liebe Freundin, wenn Sie mich mit fremdem Maße messen. Der mir durch Ihre Güte gesandte Überzieher hat auch nicht das mindeste Talent, mir zu passen. Der gute Schneider zweifelte erst, ob überhaupt etwas daraus zu machen wäre. Der Mantel hat nämlich ein verzweifeltes 4. Knopfloch ganz unten, das in Berlin völlig unmöglich ist. Herr Siedow will nun aber doch sein möglichstes versuchen und ihn ganz auseinandernehmen. Das wird immerhin 20 M kosten; etwas ganz Ordentliches daraus zu machen, kann er nicht versprechen; aber es wird schon werden, denn ich bin ja kein Modemensch. Wenn ich Frl. Knaps noch immer nicht gedankt habe, so beruht das auf der Briefscheu. Auch möchte ich, ehe ich
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| schreibe, eigentlich erst einmal wissen, wie die Chancen einer Verständigung stehen. Sie schreiben von diesen Dingen garnichts mehr. Darf ist das günstig deuten?
In der Hoffnung, recht bald von Ihnen zu hören, grüßt Sie herzlichst und innigst
Dein dankbarer und treuer Bruder
Eduard.