Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Oktober 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 17.X.10.
Liebes Kindchen Käthchen!
Ich nehme einen Foliobogen, und doch wird nicht alles draufgehen, was ich zu schreiben habe. Vor allem nochmals Dank für die schönen Geschenke: hier kurz ihre Schicksale: Biskuits - aufgefressen. Chokolade - do nachdem in Gegenwart S. M. durch persönliche Körperwärme in Tüte zu Tropfstein kristallisiert. Bleistift - grandiose Idee!! Kann mich garnicht mehr davon trennen. Graphit aber bald zu Ende. Paulinzella reizend! In der Übereinstimmung des Datums liegt Bestimmung!! Verschlungene Pfade des Schicksals in ewig anbetungswerter Schönheit. Unser Leben ist doch reich: das empfinde ich täglich mehr. Warum ist Hermann so unpersönlich? Mädchen und Knaben in einen Topf - schrecklicher Gedanke! - War das alles - ich glaube kaum! Ihre Pakete sind unerschöpflich. Sie sollen dafür auch einen Universitätsjubiläumstaler erhalten.
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Das Jubiläum erwies sich als große Dekoration; innerlich wenig Gewinn. Es ist wie eine Rakete: unter großem Ah! verpufft es zu nichts. Hier die Einzelheiten. Kaftan sprach im Dom würdig und formell meisterhaft, verständlich bis in den letzten Winkel - ein gediegener Anfang. Sehr hübsch war der Empfang danach in der Universität. Aula geschmückt u. mit Konzert. Aud. max. Restauration, sehr nahrhaft und trinkbar und gratis. Die Auswärtigen und Hiesigen schwirrten bunt durcheinander; wechselnde Begrüßungen. Vom Minister bis zum Privatdozenten alles au pair. Ich war ein bißchen isoliert; Oesterreich u. einige Kollegen sah ich; meine älteren Freunde fehlten, außer Erdmann, Stumpf, Rektor, Lenz u. einigen andern. Während des Essens wurde das Eintreffen des Fackelzuges gemeldet. Ich sah ihn vom Balkon. Wilamowitz war außer sich vor Temperament. Lasson verteilte sein Festgedicht. Die Deputation kam u. gratulierte. Erich Schmidt erwiderte launig. Dann Fortsetzung des Soupers. Ein Spanier am
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| Arme eines Studenten, der ihn mühsam in traurigem Latein unterhielt, war eine scherzhafte, immer wieder auftauchende Erscheinung. Ein banal aussehender, trostlos kurzsichtiger Herr macht sich an mich u. will mit Rektor u. Wilamowitz bekannt gemacht sein. Ich führe ihn umher; endlich stellt sich heraus: er ist Deussen, Professor d. Phil. u. d. Sanskrit in Kiel, Nietzsches Jugendfreund. Gegenseitige Freude. Kennt mich natürlich garnicht. Ich - homo privatim docens - stelle ihn vor bei Naumann, Elster, u. Lenz. Elster, unser Personalreferent, der mich am 22.II.1909 ¼ Stunde gesehen, kennt mich noch u. begrüßt mich mit Handschlag. Lenz u. Deussen geraten in eine Polemik. Der letzte verschwindet auf Nimmerwiedersehen.
Dienstag ein farbenreiches Bild, unvergeßlich eindrucksvoll. Majestät spricht rauh, abgehackt, ohne Wärme. Erich Schmidt anfangs sichtlich unsicher, später Herr der Situation. Kirschner spricht allein frei u. bleibt stecken. Unter den Deputierten viele glänzende Namen.
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| Am Schluß der Feier lerne ich Frau v. Heinz u. Frau v. Sydow, Enkelin u. Urenkelin v. Humboldt kennen. Sie fordern mich freundlich auf, einmal nach Tegel zu kommen.
Abends Festoper - Figaro - ohne tieferen Eindruck. Gespräch mit Cassierer u. Frischeisen-Köhler. Später einsam bei Siegen.
2. Festakt eindruckslos u. halb leer. Mäßige Rede von Lenz. Ehrenpromotionen ein Sammelplatz farbloser Unanstößigkeit.
Nachm. sympatischer Besuch von Otto Braun, Schellingforscher, Euckens Schüler. Schreibt mir heute annähernden Brief. Abends grandioser Kommers. 1000 Mann 160 hektoliter Freibier. Wird man nie wiedersehen. Roethe [li. Rand] Gefühle am Bar<Rest unleserl.>! war gut! schreit bis zum Bersten, kein Mensch versteht ein Wort. Einer meiner Studenten ist Festordner. Neben mir Oesterreich u. Prof. Gusti aus Jaffy-Rumänien. Viele alte Freunde, auch W. Böhm. Gemütlicher Abschluß im Café.
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Tags darauf Besuch Von Chifu u. Benrubi, Euckenschüler, Jude spanischer Abkunft, in Griechenland geboren; vermittelt zw. deutscher u frz. Philosophie. Nachm. Dannenberg. Dann ein Abgesandter des akad. Vereins "Hütte" an d. Technischen Hochschule, der mich zum Vortrag über die Gründung d. Un. Berl. für 2.XI. engagiert. Hole dann die Landgrafs vom Bhf. ab. Frohes Wiedersehen zwischen dem älteren u. m. Vater. Mir inhaltslose Begegnung. Denn Willy Landgraf trägt Schuld an der inhaltslosen Verflachung meiner bierseligen Jugendjahre. Sie begreifen, daß ich keine Lust hatte, das aufzufrischen. Es gelang mir, mit relativ geringer Störung Freitag u. Sonnabend davon zu kommen.
Sonnabend [über der Zeile] Freitag Besuch in Hôtel Adlon bei Prof Butler, Präsidenten der Columbia-Universität, der von mir Beiträge für s. Educational Review gewünscht hatte, leider nicht getroffen.
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Gestern von 1 - ½8 unvergleichlich schöner Herbsttag in Neubabelsberg. Frau Riehl ist meinem Herzen recht nahe gekommen, ihr Bruder, Sozialphilosoph, gab mir in 1stündiger Unterhaltung im Garten tiefe Anregungen. Frau Geheimrat ist von unsrem Schlage, tief, innig, weich und sehr kräftig zugleich. Er - Riehl - gab mir wichtigen Rat: ich soll die Zuhörerzahl der Übungen nicht beschränken, sondern annehmen, was kommt. Mann will mich etatsmäßig machen, u. dem Minister imponieren Zahlen. Aber leider - es melden sich die Blinden u. die Lahmen. Bis jetzt noch kein vernünftiger Teilnehmer.
Ich beginne 28.X  1.XI u. 3.XI
Was die Häuslichkeit betrifft, so bin ich zufrieden. Abgesehen von jenem Zwischenfall, der eigentlich nur verfrüht kam u. dem Mädchen unsere Sympathien raubte, hat sie doch große Vorzüge: billig - wirklich ausgeknobelt sparsam, Manieren, pünktlich,
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| meinem Vater gegenüber nach s. Geschmack etwas vorlaut. Um so besser harmoniere ich mit ihm. In dieser Form weitergelebt, kann ich aufblühen. Zwar hatte ich in diesen Tagen Veranlassung, mich von Benary auf Blinddarm untersuchen zu lassen, es war aber nichts. Noch bin ich faul u. wenig produktiv. Ich weiß aber, daß das mit der Stunde des Muß kommt.
Die Religionsphilosophie macht mir am meisten Sorgen. Was sagen Sie zu folgender Definition: Religion ist Auffassung und Gestaltung der Welt unter dem Gesichtspunkt der durch Konzentration auf die höchsten Werte erzeugten inneren "Befriedigung" dieser Werte? Die höchsten Werte sind diejenigen, die dem Individuum die Kraft geben, wodurch es im geistigen Sinne des Lebens als ein durch den Tod begrenztes zu leben vermag. Die Gottheit ist eine symbolische Projektion für diese unser niederes Dasein zwingenden Werte?
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Es muß etwas geben, was es rechtfertigt, daß wir Negerreligion, Buddhismus als so Weltflucht, Christentum, ästhetischen Pantheismus unter dem gemeinsamen Namen Religion zusammen begreifen. Ist dieses Ungreifbare gefaßt? Oder gehörte die objektiv verursachte Offenbarung notwendig in die Definition? Riehl weiß es auch nicht. Er ist desperat.
Ich bin ganz aus diesen Gedankenreihen heraus und verfluche die äußre Berühmtheit, die mich um die Ruhe zum Denken bringt. So erzeugen sich immer neue Widerstände.
Aber Gesichtskreis? Konnte wirklich der Drill durch einen Unteroffizier meinen Gesichtskreis bereichern? Ich wundere mich, daß diese Freunde, die zu schwach waren, meinen Gedankengang mit mir zu gehen, stark genug sind, mir solche selbstverständlichen Lücken vorzuhalten. Wie gut wäre es, hätte ich tischlern gelernt! Aber lieber dem inneren Rufe folgen, als alles ergreifen und
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| nichts besitzen. Immer mehr sehe ich, daß ich das Tote abstoßen muß, wenn ich mich meines Lebens wehren soll. Entweder muß Nieschling zu mir empor, oder auch diese Freundschaft ad acta. Ich habe um meinen Weg genug gelitten, ohne die Teilnahme meiner Freunde zu erbitten. Daß sie sich jetzt noch reicher dünken, nennt man Philistertum, und Sie, die einzige, die mir im brandenden Sturm den Rettungsanker zugeworfen hat, sollten das nicht entschuldigen. Denn Sie allein wissen, was mir das gekostet hat, und Sie allein haben Anspruch, mit mir auf der Höhe zu stehen. Ich bin doch viel freier geworden; auch religiös. Ich war nie Skeptiker aus Frivolität, sondern war treu, bis ich das Tiefere erlebte. Aber das darf ich sagen: Gott war mir immer nahe, in Leid und Schuld, nicht als ich selbst, aber als die Qual der Zerrissenheit,
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| über die ich hinauswuchs. Der Kasernenhof ist nicht die Stätte, wo der Kampf meines Lebens überboten wird. Und doch bekenne ich demütig, daß ich es nicht bin, der zum Siege geführt hat, sondern der Gott in meinem Busen, und seine Prophetin - das waren Sie. Gott ist ungreifbar, unaussprechbar, über jede Formel. Aber wer ihn hat, der lebt durch ihn, und wodurch wir leben, das ist Gott. Er entschwindet uns immer wieder, aber in den Augenblicken, wo wir ihn am wenigsten haben, treibt er uns am mächtigsten. Gott ist das Konglomerat zu der Nichtigkeit u. dem Unfrieden dieses Lebens. Der Reichste ist der, der viel Leben hat und doch viel Gott; der Ärmste der, der kein Leben hat und keinen Gott, beklagenswert die, die nur Gott haben, aber kein Leben, oder nur Leben, aber keinen Gott; denn sie haben nur ein halbes Leben und einen halben Gott.
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| Die höchste Freude am Leben ist göttlich. Der absolute Glaube an jede edle Kraft ist religiös. Aber wer die Kraft sucht in der Verringerung, der ist ohnmächtig. Das ist die religiöse Vollendung meiner Humanitätsidee, aber Gottlob - es ist kein Dogma u. kein System, sondern rauschende Erfülltheit vom Atem des Daseins. Wo sind die Grenzen meiner Schwäche? Sie sind im Zerfall, und ich glaube ihnen nichts. Denn die wahre Demut ist der Glaube an den unerschöpflichen Reichtum des Lebens!
Wer ist die mystische Persönlichkeit am Bhf? Frl. Martin? Es begegnet mir jetzt oft, daß man mich kennt, wo ich nicht kenne.
Budenbender habe ich mein Bild geschickt. Ich beweise Ihnen dadurch, wie sehr ich ihn
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| schätze. An den letzten Bildern gefällt mir nicht, daß wir nicht beide am Kaffeetisch sitzen. Denn dieses Ilmenau durchströmt mich wie eine stille Heiligung. Selten, aber tief ist mein Gedenken; denn es soll nicht mein Subjekt kultivieren, sondern meine tiefsten Überzeugungen. Die haften an Ihnen, geliebtes Kindchen. Alles Hohe und Reine, das mir der Sonntag bringt, gewann in Ihnen Gestalt. Und wenn ich mich ganz habe, dann habe ich Sie. Aber ich will schweigen von dem, was jedes Wort entweiht.
Und so segne Sie Gott!
Dein Bruder
Eduard.
[] Schwalbe bitte ich noch behalten zu dürfen. Die Couverts sehr willkommen.
Die Sachen m. Mutter sind desinfiziert u. der Schwester geschickt worden!