Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Oktober 1910 (Berlin)


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24.X.10.
Liebe Freundin!
In Eile nur meinen herzlichsten Dank für das wundervolle Andenken an Ilmenau, das nicht nur die Vergangenheit lieblich ungereift, sondern auch schöne Gegenwart ist. Ich habe es vor allen Augen verborgen; nur mich soll es in Feierstunden erheben. Hoffentlich aber können Sie noteriell bestätigen, daß Sie jetzt fröhlicher sind, als Sie auf dem Bilde erscheinen. Mir ist es so ernst, denn Sie sind Sie, in jeder Gestalt. Nur Ihre Gesundheit gehört zu meinen innigsten Wünschen.
Der Tante Thes schrieb ich vor kurzem. Es ist gut, daß es vor Semesteranfang geschah. Sie können sich garnicht denken, welcher Leistungsfähigkeit es bedarf, um die paar Stunden Vorlesung zustande zu bringen. Immer u. immer kommt Besuch (man nennt das Gesichtskreis oder orales Leben.) Eine förmliche Kunst gehört dazu, für das notwendige Nachdenken Zeit zu stehlen. Die schönen Tage sind nun auch vorbei. Heut war ich noch einmal Tegel - Hermsdorf. Aber im Wald war schon tiefe Dämmerung.
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| Der Beruf, tief aufgefaßt, konsumiert. Für die Religionsphil., die ich nun publice 1 stündig Freitag 9 - 10 beginne, habe ich eigentlich allein gearbeitet. Es ist nun einmal so: wenn ich 2 Stunden intensiv darüber nachgedacht habe, aber wie intensiv! - so ist die beste Kraft erschöpft, und was herauskommt, ist für die Vorlesung natürlich zu tief u. formell unbrauchbar. Aber ich habe jetzt ein ungefähres Programm, fern vom Gleise des Tranditionellen, äußerlich Angeeigneten.
Zu den Übungen bisher nur spärliche Meldungen: Herr Thiele, 1 Mittelschullehrer, 1 Seminarlehrerin v. Frl. Köster, 1 Siebenbürgerstud. Volksschullehrer im reifen Alter, der schon bei Ziller und Stoy vor 30 Jahren im Seminar war, und 1 Volksschullehrer. Ergo - bis heute - kein einziger richtiger Student. (Beginn 3.XI.)
Nach Äußerungen von Misch ist die Honorierung des Ilmenauer Aufsatzes etwas problematisch. Ich habe heute um Begleichung ersucht. Die Autoren sind bei der Notwendigkeit, den vornehmen Mann zu spielen, wirklich traurig dran. Die 10 M (!) für den Schleiermacher im Berl. Kalender kann ich auch nicht bekommen, weil ich mich geniere, einen solchen Betrag zu reklamieren.
Für heute nur dies. Ich hoffe auf eine Zeile von Ihnen morgen.

E.