Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. November 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 1. Novbr. 1910
Liebe Freundin!
Eben - 9 Uhr - komme ich vom 1. Privatkolleg zurück, und obwohl diese Woche ganz schrecklich ist, will ich doch den Rest meiner Kräfte benutzen, um endlich den so lange stockenden Briefwechsel wieder in Gang zu bringen.
Es war mir eine schmerzliche Enttäuschung, daß Sie nun nicht durch Berlin kommen zu Weihnachten. Wie kann man seine Hochzeit so legen!! Ich hatte mich, wenn auch auf noch so kurzes Zusammensein, gefreut wie auf einen Sonnenstrahl im Winter. Und den Spieß umzudrehen und nach Cassel zu kommen - dazu kenne ich den Spieß zu lange und mich selbst auch. Näheres zur Begründung nachher.
Der Konflikt mit Nieschling ist nur ein reinigendes Gewitter. Unsere Beziehung
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| geht davon nicht zugrunde, aber sie muß ein bißchen "auf neu" gearbeitet werden. In der Freundschaft bin ich jetzt ein wenig Nietzscheaner - wer mir nicht leben hilft, oder wem ich nicht sichtlich leben helfen kann, wird ausgerottet von meinem Angesicht. Droschken II. Klasse gibt es nicht mehr.
Daß Sie den Berliner Kalender nicht scheußlich nennen, hat mich verstimmt. Sonst hätten Sie ihn doch bekommen.
Der Verwandte ist wirklich ein entfernter Verwandter. Unsere Großväter waren Cousins, die ihre Liebe durch gerichtliche Klagen betätigten. Ein Interesse habe ich natürlich nicht.
Ich freue mich, daß es in Frankfurt gut geht. Der Georg war immer mein Lieblingskind. Er hat in allem recht. Und hier muß ich Ihnen leider u. mit herzlichem Bedauern mitteilen, daß Frl. Naumann beim Oberlehrerinnenexamen durchgefallen ist. In Philosophie habe ich ihr noch gelegentlich geholfen; in Geschichte aber, ihrem Lieblings
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|fach, ließ sie mein Freund Löschhorn fallen.
Frl. Glinzer steht auf einem sehr gemäßigten Standpunkt. Wir haben uns gut geeinigt. Sie hat nicht diese unphilosophische Fertigkeit, sondern kennt Probleme u. die Achtung vor der abweichenden Lösung eines andern.
Meine Schlukinder sind wirklich recht beschränkt bis auf eine von seltener Reife des Denkens und Unreife der eigentlichen Erziehung. Die Schule ist mir z. Z. aber wirklich sehr nebenbei.
Und meine Universitätskinder? - Ja, eigentlich ist alles verfahren. Das Richtige wäre gewesen: Pädagogik 4 stündig und weiter nichts. Aber wer kann das vorher wissen? Nun lese ich 3 Stunden gratis und die 2 bezahlten zu ungünstiger Zeit über ein ungünstiges (d. h. finanziell betrachtet) Thema. Die Religionsphilosophie hätte gewiß mindestens 800 M gebracht; aber dann mußte ich sie verlegen. Alles das ist eine Nachwirkung der Krankheit, in der ich doch nicht aktionsfähig genug war. Die Übungen habe ich selbst verdorben durch die Adrehung:
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| nur für pädagogisch vorgebildete aktive Teilnehmer. So habe ich 8 Leute, lauter ehemalige Volksschullehrer. 15 - 20 aber wären normal. Es kann ja sehr hübsch werden. Nun abwarten. Donnerstag beginnt's. Das Privatkolleg war eigentlich normal. Aber in dem Raum für ca 180 Personen verloren sich die ca 70 - 80 anwesenden doch sehr. Das Umgekehrte wirkt immer ermutigender. Zunächst ist das für mich eine finanzielle Sorge. Eigentlich müßte mir das Kolleg 900 M einbringen, wenn es mit m. Rechnung stimmen sollte. Es kann aber sein, daß es bei 600 bleibt (einige Freunde u. Nassauer sind immer drunter.) und 800 scheint mir doch wohl das Maximum. Was mich betrifft, so sage ich (es geschieht selten), daß ich mit mir zufrieden war. Auch Ludwig bestätigte: 2 geistvolle Stunden. Sie haben etwa 15 Stunden Vorbereitung gekostet. Ich habe sie fast vollständig ausgearbeitet (36 Quartseiten) um zu sehen, daß das nicht geht. Denn ich muß hinterher als Disposition für die Vorlesung noch einen Auszug daraus machen, so daß ich erst 1 Stunde vor Beginn unter Mithilfe m. Vaters fertig war. 2 Stunden hinter einander ist
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| auch dumm; aber es geht.
Wenn ich meine Finanzen überblicke, so komme ich, einen normalen Verlauf vorausgesetzt, bis zum 1. April gut aus. Denn das Depot der Frau Professor ist im Moment, dank der 175 M für den Ilmenauer Aufsatz, noch ganz unberührt. 300 M Böhm, 600 M Kolleg, 500 M (??!) Ministerium, 300 M Stipendium machen 1700 M. Nebeneinnahmen können aber nur klein sein, weil wirklich keine Zeit bleibt. Vom 1. April bis 1. Juni sitze ich dann wieder in Bedrängnis. Daher muß die Wohnung auf 800 M reduciert werden. Aber wer kann so weit schon vorrechnen. Ich muß in erster Linie an rationelle Arbeitsverteilung denken.
Daß der Ilmenauer Aufsatz nun in dieser stattlichen Gesellschaft erschienen ist, macht mir viel Freude. Er enthält doch in exoterischer Form meine wichtigsten Überzeugungen, u. wenn ich ihn wieder lese, sehe ich immer Sie, und das Zimmer u. die Thüringer Berge. Ich habe dann das Gefühl eines großen Reichtums, das mir die tägliche Not der Arbeit u. Vorbereitung so oft raubt, und ich denke mir,
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| daß ich noch viel mehr leisten könnte, wenn ich einmal ein halbes Jahr so frei sein könnte, frei wie der Privatdocent Dr. ing. von der Technischen Hochschule in Prag, der bei mir Phil. d. Geschichte hört.
Jedenfalls ist das häusliche Leben jetzt doch ganz anders. Ich werde zwar lange zu tun haben, bis die Wunden, die mir die Zwischenzeit geschlagen hat, auch seelisch zugeheilt sind. Auch momento sitze ich, wie schon seit Tagen, wieder beim Rotwein, und nur zu oft ist meine Stimmung nervös deprimiert. Aber so, wie es jetzt ist, ist es normal. Die Lisbeth ist im Dienst für meine Auffassung einwandfrei. Jeder hat natürlich seine Eigenheiten u. Mängel. Mein Vater queruliert in Kleinigkeiten immer mit ihr herum, wie ich das an ihm kenne. Aber das gibt wenigstens einen Gesprächsstoff u. im Grunde ist auch er zufrieden und sehr besorgt um mich. Denn das ist nun einmal wahr, daß ich zu jung in eine Stellung gekommen bin, die mir alle persönliche Frieheit raubt.
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| Ein Ordinarius in Tübingen hat entschieden nicht den Ruf und die Fülle von Anliegen etc. die ich habe. Wenn ich nicht auf Erwerb sehen müßte, wäre das sehr schön. Aber wenn man an 1 Tage 2 Anfragen wegen unhonorierter Verträge erhält und außerdem noch so und so viel freundschaftlicher Bitten, so kostet das eine enorme Zeit. Ich wundre mich, daß ich trotzdem innerlich fortschreite. Wenn Sie s. Z. die 3 Vorlesungen erhalten, werden Sie finden, daß die Auffassungen absolut neu und originell sind. Aber wer schätzt das? Man will Populäres hören, Literatur, Referat, Examensfutter. Die Universität ist entartet. Ich selbst leide darunter nicht, weil ich die Gabe des Sprechens habe. Wer sie nicht hat, muß ihr bald entfremdet werden.
Sonnabend war ich bei Rudolf Paulsen u. Berthold Otto in Lichterfelde. Merkwürdige Menschen. Es ließe sich viel darüber reden. Aber mitmachen kann ich das nicht. Da sind die Kinder die Hauptsache und man
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| tanzt nach ihrer Pfeife. Die Begegnung hatte einen eignen Charakter. Ich kam eigentlich, um mir Otto anzusehen, und er fühlte wohl das Unbehagliche, von einem Vertreter der offiziellen Pädagogik belauert zu werden.
Aber genug von Berufskram. - Also gibt es wirklich einen Odenwald im herbstlichen Sonnenschein und Menschen, die dort wandern? O, meine Schwester, wie wandert mein Herz mit Ihnen mit! Bleiben Sie froh und wanderlustig und und frei und frisch um meinetwillen. Denken Sie, daß ich hier an der Kette liege, aber daß ich aufjuble, wenn ich an Heidelberg und Sie und Ihre Welt denke. Denn Ihre Welt ist meine Welt.
Lassen Sie mich bald wieder hören, Sie wissen, auch von der verworrenen Angelegenheit des Sommers. Oesterreich, der auch in Tübingen ist, läßt Sie herzlich grüßen. Die Mutter ist untröstlich.
Viele innige Grüße. Ich bin sehr müde. Auch Frl. Knaps meinen besten Gruß, dgl. v. m. Vater
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Stets Dein Bruder
Eduard.

[li. Rand] Der Überzieher wird für 2 M nun wohl demnächst fertig sein.