Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. November 1910 (Charlottenburg 2)


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Charlottenburg 2, den 11.11.10
Liebe Schwester!
Es ist heute ein ganz fürchterliches Unwetter – Schneesturm wie nie. Um ½ 1 bin ich mit meinen alten Cylinder, (mit dem mich der Registrator immer vorstellt: mein Vetter aus Nakel, Kriegervereinsvorstand) sein Opfer am Humboldthafen geworden. Jetzt trockne ich mich, bis ich Abends zu Münch muß; denn besetzt ist jeder Tag. – Ich habe vom Hochwasser am Neckar gelesen, und daß ein Geh. Kommerzienrat Clemm der Univ. Gießen ein paar 1000 M gespendet hat. Daher meine Frage, ob auch die winterlichen Fahrten nach Mannheim nicht schädlich für Sie sind? Der Winter beginnt früh. Lassen Sie die Monatsfrau, das Elendswurm, gut heizen! Ich denke mir den Wunderberg schon ganz weiß.
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Ich habe mich nun in den Vorlesungsbetrieb eingelebt; alles war schon 2 mal dran, und obwohl die Arbeit besonders zum Dienstag ganz enorm ist, sehe ich doch, daß es geht. Freilich eine 2stündige Religionsphil. wäre nicht gegangen, wenigstens nicht am geplanten Tage. Es geht mir also passabel; ich lebe so vernünftig, daß ich Nachm. in der Regel sogar ein bißchen schlafe. Aber wenn ich meinen Freunden genug tun will, muß ich mit der Zeit raffiniert haushalten. Dienstag nach dem Kolleg war ich noch – tonlos in der Kehle – bei Frau Ludwig zur delikaten Gans, Mittwoch zum Geburtstag in Westend. Morgen ist Kollegiumsausflug von Böhm her. Freitag nächster Woche Mittags bei Scholz, u. Sonnabend Abend Einl. v. Gertrud Bäumer zur Sitzung des Centralverbandes für Durchführung der Mädchenschulreform. Also alles vorbelegt, und Riehl, R. M. Meyer, Wilamowitz etc. kann ich fürs erste nicht aufsuchen.
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Die Phil. der Geschichte wird mit Interesse gehört, aber anscheinend viel geschunden, um so mehr, als von 7–8 mehr da sind als von 6–7. Die Übungen haben 10 feste Teilnehmer, die bisher noch ganz passiv geblieben sind. Die Religionsphilosophie arbeite ich aus. Sie ist in der Form das Vollendetste. Aber was soll man sagen, wenn nach dem vorigen Freitag, der mir sichtlich glänzend gelang, heute doch schon eine sichtbare Lehre war? Von 2 Seiten sagte man mir, mein Standpunkt sei zu negativ. Dabei berücksichtigt man nicht, daß ich erst alle faulen Stützen wegreißen muß, ehe ich den positiven Aufbau beginnen kann. Ich will weiter alles ausarbeiten, damit dieser methodische Gang recht vor Augen liegt. Der Stoff würde auch für 2 Stunden reichen. Aber ich brauche so weniger zu lesen von der Flutliteratur.
Bisher haben nur 21 die Privatvorlesung belegt, und ich bin doch wieder recht in finanziellen Sorgen. Denn wenn mein Vater das
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als sparsam bezeichnet, so schließt das doch eine sichtliche Verteuerung nicht aus. Ich würde es für billig halten, wenn wöchentlich 35 M Wirtschaftsgeld gebraucht würde. Stattdessen reichen nicht 40, und pro Tag macht es 5,80, incl. Heizung und durchschnittl. 60 pf Bier, aber doch excl. Beleuchtung, Wäsche, Steuern, Fahrkarte u. Privatverbrauch. Es kommt so ein Tagessatz heraus, der entschieden zu viel ist. Leider muß ja nun bis zum 1.IV. alles so bleiben. Dann aber muß doch durch Verlegung des Wohnsitzes in eine für Miete u. Eßwaren billigere Gegend Abhilfe geschaffen werden, so sehr mir vor einem weiten Umzug graut. Ich kann nicht beurteilen, ob jetzt unzweckmäßige Einrichtungen bestehen, glaube aber, daß der Aufschnitt abends zu teuer ist. Sie begreifen, daß ich allzuviel nicht darüber nachdenken kann. Ich muß nun am Montag die 930 M Sparkasse anreißen, und das geht rapide, da ich vor Mitte Dezember nichts zu erwarten habe. Dann muß ich versuchen, durch Aufsätze u. Ä. noch etwas dazu zu verdienen. Denn das Kollegseminar scheint hinter dem Satz zurückzubleiben.
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| Bücher kaufe ich fast garnicht. Aber Postporto macht pro Monat allein ca 5 M, und andre Anschaffungen werden nur zu lange hinausgeschoben. Sie begreifen, daß es für mich deprimierend war, als [über der Zeile] die vom 29.X. stammenden 175 M am 7.XI. schon restlos alle waren, wobei allerdings ein schwarzer Rock für m. Vater 42 M und 15 M Vorschuß für das Mädchen abzuziehen sind, aber doch mein Privatverbrauch und größere Rechnungen nicht einbegriffen waren. Es ist eine verfahrene Geschichte.
Trotzdem ist mir lieb, daß Teubner den Kontrakt für das Bändchen über die Freiheitskriege aufgeschoben hat. Denn diese größeren Sachen fressen viel Zeit u. Kraft, und der Vertrag mit Voigtländer ist seelisch u. finanziell inhaltreicher. Ein Münchner Verleger will irgend eine Neuausgabe von mir. Auch das will ich ablehnen, um nicht wieder in die Zwangsmühle zu kommen. Ich schreibe jetzt den Aufsatz für den Amerikaner u. hoffe im übrigen auf eine günstige Wendung meines Schicksals, nicht ohne Sorge und Mißstimmung.
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Solche unbezahlten Sachen wie den Hüttenvortrag lehne ich [über der Zeile] jetzt glatt ab. Die Leute waren zwar sehr dankbar, und ich habe seit langer Zeit einmal wieder einen Salamander kommandiert. Aber nur wenn Reklame darin liegt, werde ich das wieder tun.
Mein Jahresvertrag bei R. u. R. nach Abzug m. Gegenrechnung betrug 0,45 M.
Daß man s. Hochzeit ohne seine Schwester feiern kann, will mir nicht in den Kopf. Wie kann man auch gerade diesen Termin wählen, wo wirklich außer der Braut niemand Zeit hat?
Vielen Dank für den von Wille bezeichneten Aufsatz. Leider bin ich noch nicht dazu gekommen. Allgemeinere Sachen zu lesen, wie <Name unleserlich>, Reuter oder – wonach ist mich sehne – Fontane, ist mir ganz unmöglich.
Wie ist es – wollen wir uns zum Rodeln in Ilmenau treffen? Sie müßten dann aber nicht über Braunlage fahren, sondern direkt. Oder meinen Sie, daß
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| wir uns lieber in Braunlage treffen sollen? Überlegen Sie das doch ja! Es ist jetzt so, daß ich nicht einmal m. Sehnsucht nach Pankow befriedigen kann.
Den Graphit habe ich zu meinem höchsten Staunen entdeckt, als ich in einer Schulstunde nervös an dem Ding herumpumpelte. Das reicht vorläufig; es war eine ausgezeichnete Idee mit diesem Bleistift. Gott erhalte ihn am Lebhen. Man braucht ihn doch eher als einen Schwamm.
Riehl ist sehr entzückt vom Ilmenauer Aufsatz. Ich habe ihn ihr geschickt, mit ein paar Zeilen über die Umgebung, in der er entstand. Denn ich wünschte, daß sie das ebenso wüßte, wie Frau Prof. Paulsen, die mir nach wie vor sehr treu ist. – Lenz erzählt jedem, er halte sehr viel von seinem Hegel in d. An. Gesch. (20 Ko 4 Bde.) Dilthey schweigt.
Elfriede Blankenburg – die unselige – unsre Elfriede aus Erlau – sagte heute unter frenetischem Jubel, als sie Mortimer charaktierisieren sollte: Spranger ist ein leidenschaftlicher jugendlicher Schwär
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|mer". Es war in der Tat nur lapsus. Ich betonte aber, daß das schon wegen der Jugendlichkeit nicht mehr stimmte, und daß sie höchstens sagen könnte: er war es.
Nun für heute genug. Zu Ihrer Beruhigung noch, daß Essen und Flicken ebenso wie das verfl. Reinemachen den höchsten Ansprüchen genügen. – Nächstens schicke ich ein paar Briefe mit. Lassen Sie mich hören, daß es Ihnen gut geht. Was macht die Tante Thes? Haben Sie gute Nachrichten? Viel innige Grüße und Wünsche.
Stets Ihr treuer u. dankbarer Bruder
Eduard.
Grüße v. m. Vater u. an Frl. Knaps.