Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. November 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 15.11.10.
Liebe Freundin!
Sehen Sie, sag' ich, blanker Unsinn, sag' ich. Ich mißbillige Sie. Ihre letzten lieben Zeilen beschweren sich über einen Punkt, den ich nicht verstehe. Sie haben zu dem Aufsatz den allerersten Entwurf in Handschrift, Sie sitzen dabei, während ich ihn schreiben, Sie bekommen den ersten Korrekturabzug, und dann stört Sie die Widmung, die offenbar doch nur den Zweck hat, ostensibel zu sein? Hätte ich darauf geschrieben: Zur Erinnerung an Ilmenau – so hätte ich Ihnen nichts Neues gesagt, und Sie müßten das Heft sekretieren. Es könnte doch sein, daß jemand mal das Heft sehen will. Dann könnten Sie nur sagen, daß Sie es nicht haben. Dies absichtlich zu vermeiden, bezweckt die Inschrift. Ich glaubte nicht, daßSie so formell wären. Wenn
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| so ein Aufsatz gedruckt ist, ist er für mich Dutzendware. Beruhigt?
Ich komme eben wieder vom Kolleg. Manch guter Freund war diesmal da, so Dr. Lindau u. Bruhn. Sie und ein Dritter waren des Lobes voll. Im ganzen aber leidet das Kolleg an der Überzahl guter Freunde und der Unterzahl der Zahlenden. Bis jetzt haben 29 belegt, darunter 21 Hospitanten. Da aber immer mindestens 50 da sind*, [re. Rand] * und viele schwänzen muß doch wohl genassauert werden. 2 Tage sind noch zum Antestieren frei. Es kommt also wohl höchstens auf 50. Man sieht, es ist kein Pflichtkolleg, wie die Pädagogik, sondern ein Luxus. Dabei gebe ich mir furchtbare Mühe, und ich schaffe auch alles zur Zeit. Aber viel Plus bleibt nicht. Da nun 500 M Honorar für meine Verhältnisse zu wenig ist, muß ich im Sommer wieder ein Pflichtkolleg lesen, am besten Pädagogik 4stündig. Außerdem aber habe ich eine Idee, über die Sie nicht erschrecken
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| werden: publice "die Idee der Liebe in der Geschichte der Philosophie und Religion." Ein verfängliches Thema, aber ein Ersatz für die Metaphysik, die man nicht mehr lesen darf, nach der aber ein – das bekannte metaphysische Bedürfnis besteht. Empedokles, Plato, Christus, Plotin, die Mystiker, Luther Shaftesbury, Hemsterhuis, Hegel, Kant, Weininger gäben Stoff genug. Was meinen Sie? Für Vertiefung und Originalität wollte ich schon sorgen.
Die Religionsphilosophie macht mir doch am meisten Freude. Sie ist fein gezimmert, und ich selbst profitiere dabei.
Aber die Schule liegt jetzt darnieder. Ich werde bei der Klasse noch nicht recht warm. Überhaupt ist dort ein solches Kraftmenschentum, das die Weiblichkeit wenig begünstigt. Neulich zogen 3 Kollegen mit 3 Kolleginnen von Frohnau durch den Wald bei einem Wetter, das offenbar sinnlos war. Aber einer wollte immer männlicher sein als der andre. Nachher mit 6 Nachkömmlingen Kaffeeklatsch in Frohnau, darunter Herr
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| Frau Direktor. Der Kollege Schmidt schüttelte – übrigens nicht üble Witze wie ein Baum im Herbst von seinem Stamm, und ich fühlte doch, daß ich für diese Art Geseligkeit nicht mehr leichtlebig genug bin.
Glauben Sie, daß ich die Beschreibung der singenden Kinder [über der Zeile] Feuerbachs als Klassenaufsatz geben kann? Ich suche ein solches Thema, um es für m. Universitätsübungen zu verwerten.
Freitag bei Münch war es recht angeregt. Er sagte etwas, was mir Eindruck machte u. wahr ist: Es ist bisher kein großer Redner gewesen, der nicht durch jahrelanges Ausarbeiten u. Auswendiglernen auf seine Höhe gelangt wäre. Das gilt vom Redner. Soll der Docent nun Redner sein? Es ist gewiß, daß mir die Vorlesungen auch nicht die halbe Freude machen, wie s. Z. die ersten Schulstunden. Das Beste versteht die Gesellschaft nicht, man kennt sie nicht, und sie bleiben fort, wenn es Ihnen paßt. Diese beständige Angst, ob man die Bude nicht leer findet, die ist deprimierend, und doch weiß ich, daß die größten Geister davor nicht sicher waren.