Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. November 1910 (Charlottenburg 2)


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Charlottenburg 2, den 19. November 10.
Diltheys 77. Geburtstag.
Liebe Schwester!
Am Dienstag angefangen und am Freitag noch nicht fertig. Heute Sonnabend bin ich unendlich spät aufgestanden, es regnet und die ganze Welt ist grau. Also blicke ich auf die Sonne von Heidelberg. Ich kann mir garnicht denken, daß dort auch November sein kann. Hier merkt man es deshalb nicht, weil unabläßig etwas auf dem Programm steht.
Bußtag Vormittag war ich auf dem Kirchhof und versuchte im Regen einigermaßen Ordnung zu schaffen. Nachm. blieb ich zu Haus und koncentrierte mich auf Hegels Religionsphilosophie. Zur Strafe für meine Sünden ging mir zum ersten Mal das Prinzipielle seines Systems auf und ich danke diesen 3 Stunden Arbeit einen unendlichen Fortschritt, zunächst auch für m. Vorlesungen, da zufällig nächste Woche in beiden Hegel auf der Liste steht. Donnerstag Nachm.
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| war ich bei Matthias, um ihn zum Verfasser der Einleitung von Paulsens Aufsätzen zu gewinnen, die Cotta übernommen hat. M. war verreist; ich ging dann gleich zu Frau Oesterreich, die sich sehr verlassen fühlt, und von dort direkt zu meinen Übungen, in denen ich aber nicht gerade viel Freude erlebte. Abends noch koncentrierte Präparation.
Freitag früh Religionsphilosophie, wieder in schärfster, gut gelungener Formulierung; um 11 Schule, um ¾ 1 bei Scholz (die älteste Tochter hat mich jede Woche einmal zu Tisch geladen, weil sie gehört hat, daß wir im Restaurant äßen, ich ging einmal hin, kann es natürlich nicht regelmäßig, so sehr es mich gerührt hat.), um 4 auf dem Marienkirchhof, um ½ 5 bei Knauer, um 6 zu Haus. Um 7 zu Riehls, wo ich mit beiden allein war und zum Schluß mit ihr allein ein sehr persönliches Gespräch hatte.
Jetzt eben mittags war Herr Assessor Walther Hadlich längere Zeit bei mir.
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| Wir hatten ein lebhaftes politisches Gespräch. Heute Abend Konferenz des Verbandes zur Durchführung der Mädchenschulreform unter Vorsitz von Gertrud Bäumer, wo Gaudig u. Helene Lange sprechen u. auch Frl. Glinzer sein wird.
Herr Hadlich ließ durch eine Andeutung die Hoffnung in mir aufleben, daß Sie ev. doch noch nach Greifswald fahren. Ich kann nicht zureden, weil ich fühle, daß ich in diesem Falle ganz egoistisch denke, und bei diesem Wetter müßte ich sogar abreden. Aber er sprach von einer größeren Tournee, die Sie vorhätten - Rostock - Jena? - und ich kann nicht leugnen, daß mir das gefiel, weil ich an mich dabei dachte. Die Frage Cassel ist rein finanziell; ich will diese Seiten nicht wieder aufrollen, aber die höchste Sparksamkeit ist geboten. Sollte sich in diesem Punkte eine günstige Wendung vollziehen, so wissen Sie, daß ich alles versuche. Lassen wir das einstweilen noch in der Schwebe (wie so vieles.)
Dilthey hat mir 2 mal geschrieben, es ginge ihm nicht besonders, er könnte mich nicht
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| auffordern zu kommen. Ich glaube aber, es geht ihm leidlich u. er fürchtet sich nur vor Schleiermacher ebenso wie ich. Seine Frau soll sich auch wieder angefunden haben. Er Ich habe es für richtig gehalten, ihm einen Rosenstrauß zu seinem Geburtstag zu schicken.
Zu Wilamowitz bin ich noch immer nicht gekommen, auch nicht zu R. M. Meyer.
Der Aufsatz über das Zeichnen kommt mir sehr erwünscht. Aber ich habe ihn noch nicht gelesen. Darf ich ihn behalten, bis ich ihn im Zshg mit meinen Übungen verwenden kann?
Das vorige Mal habe ich zu schreiben vergessen, daß der Vater von Klara Runge plötzlich gestorben ist. Ich war vor 14 Tagen in Steglitz zur Beerdigung. Die Familie ist m. E. in einer schwierigen Lage wegen der beiden jüngeren Kinder. Vielleicht kann ich da gelegentlich helfen.
Fast zweifle ich, daß Sie diesen Brief zum Sonntag noch erhalten. Ich sende ihn eilends fort, obwohl ich noch viel zu sagen hätte, was nicht bloß den äußeren Gang der Dinge betrifft. Alles das fasse ich in die innigsten Grüße zu<li. Rand>sammen, und so bleibe ich in treuestem Gedenken stets Ihr dankbarer Bruder.
[Kopf] Viele Grüße an Frl. Knaps.