Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22./23. November 1910 (Charlottenburg 2)


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Charlottenburg 2, den 22.XI.10.
Liebe Schwester!
Es ist mir doch unheimlich, daß ich solange nichts von Ihnen höre. Da Ihr letzter lieber Brief sich mit meinem vorletzten gekreuzt hat, so kann ich nicht leugnen, daß ich Sehnsucht habe, um so mehr, als wir uns eigentlich am Totensonntag beide - stillschweigend - etwas zu sagen hatten. Am liebsten denke ich mir, daß Sie keine Zeit gefunden haben. Denn von einem etwaigen Mißbefinden hätten Sie mir doch - nach unsrer Verabredung - geschrieben. Allerdings habe ich aus Ihrem letzten lieben Brief eine gewisse Verstimmung herausgefühlt, für die ich die Ursache in mir vergeblich suchte. Denn die Sache mit der Widmung habe ich doch aufgeklärt, und auch Ihr Wunsch nach häufigeren Nachrichten war erfüllt, ehe ich Ihren Brief hatte. Überhaupt ist mir eine Verstimmung zwischen uns nicht gut denkbar, allenfalls aus nervösen
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| Spannungszuständen erklärbar. Leider fühlen Sie sich, wie Sie schreiben, öfter deprimiert. Aber Sie sagen selbst: die Realität enthält jetzt keinen Anlaß dafür. Sollten Sie mir aber irgend etwas Unausgesprochenes übelgenommen haben, oder etwas unbewußt unglücklich Ausgesprochenes, so appelliere ich daran, daß wir für einander doch ein Ganzes sind, und nicht eine Summe von kleinen Einzeläußerungen. Also hoffe ich auf guten Sonnenschein zwischen uns, und im Stillen freue ich mich darauf, daß ich ihn schon morgen mit der 2. Post erhalte. Diese Exposition müssen Sie nun aber doch lesen, damit Sie nicht meinen, ich wartete jemals weniger ungeduldig auf Ihre Briefe, als Sie auf meine. Ihre sind freilich immer viel schöner als meine. Denn Sie schreiben in Ruhe, während ich meist spät Abends nur einen äußeren Bericht über den Gang der Ereignisse geben kann. Aber dieser Gang spiegelt immer den Inhalt meines täglichen Lebens ganz getreu, bis auf das Innerste, das Sie allein kennen und ohnedies kennen.
Ich bin in einem relativen Gleichgewicht, lebe ganz in den Vorlesungen und denke, was ich
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| auch Ihnen empfehlen möchte, nicht an die Probleme der Zukunft. Meine Zeit ist so ausgefüllt, daß ich immer rechnen muß. Meine früheren Nachmittagswege nach Berlin, die doch auch im Winter bestehen blieben, kann ich nicht mehr machen. Ich bin nun im Beruf und stehe da trefflich meinen Mann. Denn zum ersten Mal bin ich mit meinen Vorlesungen zufrieden, wenn sie auch weit entfernt sind, mir im ganzen Glück zu bereiten, weil ich nicht deutlich genug sehe, was ich wirke. Wie mir das Schmoller ja auch einmal schrieb. Gesundheitlich geht es mir doch zunehmend besser. Also kann ich heute sagen, daß es im August und September doch sehr schlecht war. Vorherige Woche hatte ich eine Gürtelrose an Brust u. Rücken gehabt; aber um [über der Zeile] mit Hegel zu reden: ohne es in der Form des Begriffs zu wissen. Nur die Schmerzen sagten mir, daß es kein Ausschlag des Blutes war, den ich ja auch sonst nicht habe.
Der Sonnabend im Lager der Frauenbewegung war doch sehr interessant, und ich beklage, daß ich Ihnen all diese Eindrücke nicht schreiben, Ihr Urteil nicht hören kann. Gaudig präsentierte sich schlecht, und er verlor gegen Helene
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, die meisterhaft treffsicher sprach. Es war eine Niederlage der männlichen Mädchenschulpädagogen. An der Diskussion habe ich mich (wie prinzipiell bis jetzt) nicht beteiligt. Es sprachen Maria Martin, Wychgram, Alice Salomon, Gertrud Bäumer u. a. Die Sache kam auf scharfe Formeln zuletzt u. war insofern ertragreich. Ich habe meine Thesen an Gertrud Bäumer brieflich geschickt, freilich betont, daß ich eine Antwort nicht erwarte. Ihnen möchte ich das ganze Weihnachten mündlich entwickeln. Sollte aber das wieder nichts werden, so schicke ich demnächst, was ich im Kopf behalten habe. Hier nur die Quintessenz: Die Frau vollendet sich nur im Verständnis durch den Mann, der Mann nur im Verständnis durch die Frau. - Bloße Stoffdarbietung ohne Zuspitzung auf die Form der persönlichen Verarbeitung ist eine untergeordnete Form der Pädagogik. - Die letzte Instanz ist eine Machtfrage: wir Männer wollen in der Schule unter uns sein. Haben die Frauen diesen Wunsch nicht, so ist dies einseitiger Wunsch wie jener. In solchem Fall entscheidet die Macht.
Morgen lasse ich einen Klassenaufsatz schreiben, von dem ich Material für m. theoretische Pädagogik erwarte. Beschreibung des Bildes v. Philippi: der Kaffeebesuch. Ich bin sehr gespannt. Denn ich habe
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| ein ganzes Netz von Fragen parat. So rückt auch die Schule meinem Herzen wieder näher. Kleine Eitelkeiten [über der Zeile] von Ihnen zu bekommen, ist mir Wollust: Als ich Montag um 8 Uhr zur Reuterfeier erschien, nachdem ich am 2.IX. u. 2.XI. ferngeblieben war, wurde ich durch ein spontanes "Ah!" begrüßt. Solche kleinen Interjektionen sagen doch was. Denn wenn ich nur das Wort Physik fallen ließ, lautete die Interjektion "Uh!"
Meine Frage nach der Tante Thes beantworten Sie hoffentlich bald. Die Tante Grete, meine spezielle Freundin, ist wieder da, wie mir Walther H. erzählte. Ich will so bald wie möglich zu ihr gehen. Mit dem Mädchen bin ich doch recht zufrieden. Die Rechnung damals war nur eine zufällige Kumulation. NB. habe ich eine Woche lang nicht mit meinem Vater Abendbrot gegessen - teils früher, teils später, so ist m. Zeit besetzt.
Nieschling hat meinen Besuch bisher nicht erwidert. Sie müssen nicht denken, daß ich übelnehmsch bin. Aber teils habe ich keine Zeit, teils ist er so indifferent gegenüber mir, daß vorerst nichts Erschwingliches werden kann. Denn Zeit hat er doch. Die Spitze
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| richtet sich zum großen Teil gegen den Registrator. Sie wissen aber, daß seine naive Treue und Teilnahme mir wohltut. Sonst würde ich nicht Sonntag für Sonntag gerade mit ihm zusammensein.
Oesterreich ist empört über Delbrück. Aber - wenn man ein Kolleg nur vor 2 Damen lesen muß, der Beklagenswerte! darf man auch nicht über die Damen stud. phil. schimpfen. Von seinem neuen Buch sprach Riehl anerkennend; es enthalte aber viel Material, das eigentl. hätte fortbleiben können. Frau Riehl ist wirklich freundschaftlich und eine wahre Bereicherung meiner hiesigen Existenz. Sie hat viel Tiefe und Wärme und nimmt alles tief ernst aus einer reichen Lebenserfahrung heraus.
Morgen sollen diese Zeilen fort. Ich füge Ihnen nur ein paar Worte noch an.
NB. meine Religionsphilosophie sollen Sie lesen. Sie macht nur Freude.

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23. November 1910
Heute wieder nichts aus Heidelberg. Das verstehe ich nicht. Ich bitte Sie nun recht herzlich, mir nach Empfang dieser Zeilen gleich eine Karte zu schreiben, damit ich weiß, ob es Ihnen gut geht.
Ich habe heut den Klassenaufsatz schreiben lassen u. die sehr mäßigen 18 Produkte noch vor Tisch korrigiert. Gleich nachher muß ich in die Gesellschaft für Deutsche Literatur, wo Willy Böhm über Hölderlins philosophische Jugendentwürfe spricht.
Viele innige Grüße.

Ja halt, noch eins: Von meiner Mutter ist noch ein Pelzkragen da mit zwei langen Schwänzchen. Er ist noch gut, paßt aber zu der Bibermuffe nicht.*) [re. Rand] *) Ich meine damit, daß es nicht Biber, sondern ein andres Tier ist, heller in grau. Die dazu passende Boa ist nicht mehr brauchbar. Würden Sie den tragen und darf ich ihn schicken. Von dem Samtjackett kann ich leider nicht beurteilen, ob es noch verwertbar ist. Aber wenn Sie es daraufhin prüfen wollen, könnte ich es ja mitschicken u. Sie ließen es ev. passend machen.
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Grüße an Frl. Knaps.
In treuer brüderlicher Liebe
Ihr
Eduard.