Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. November 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 25. November 1910
Liebe Freundin!
Mir ist ein großer Druck von der Seele, seit ich endlich wieder von Ihnen Nachricht habe. Es war ja eigentlich nur eine kurze Pause. Sie sehen aber daraus, wie viel ich an Sie denke; denn durch das tägliche Erwarten wird auch die kürzeste Spanne zu einer langen Zeit. Ich freue mich, daß außer dem Katarrh nichts vorlag, und diesen bösen Gast haben Sie inzwischen hoffentlich auch ganz beseitigt. Wenn Sie jetzt 6 Stunden geben u. außerdem kopieren, so haben Sie ja recht viel zu tun. Denn ich gebe doch auch nur 9 Stunden und bin doch voll beschäftigt. Warum sind Sie nicht an der Böhmschen Schule Zeichenlehrerin? Unsre ist, nach wenigen Interviews zu urteilen, das wahre Trampeltier und scheint noch weniger als ich zu verstehen!!
Zunächst nun die Hochzeitsfragen als das Eilige. - Ihre Neigung, sich zu erkälten, die ich sehr beklage, ist für mich ein großes Argument gegen die Reise; aber insofern kein ganz unbe
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|dingtes, als ja relativ gutes Wetter eintreten könnte und Sie bis Cassel doch fahren. Dagegen spricht ganz entschieden die ungünstige Verbindung. Wenn Sie nicht 3 Tage reisen wollen, so müßten Sie, soviel ich sehe, den ersten Tag gleich bis Berlin durchfahren und am nächsten Tag weiter. (Denn zu Nachtfahrten gebe ich ganz entschieden meine Genehmigung nicht). Dies alles erwogen würde ich so denken: ich würde all diese Umstände meinem Bruder darlegen und auch darauf hinweisen, daß schließlich gerade an diesem Tage ein persönliches Sich-sprechen und -genießen kaum möglich ist; würde ihn fragen, ob für ihn trotz des Bewußtseins dieser Opfer Ihre Anwesenheit ein dringender Wunsch wäre, d. h. nicht ein Wunsch, den man leichthin ausspricht, sondern ein wirklicher Herzenswunsch. Dasselbe noch kürzer gesagt: ich würde danach nicht mich fragen, sondern Hermann.
Ich glaube, wenn ich Frau wäre, würde ich diesen dringenden Wunsch haben; als Mann bei so sichtbaren Schwierigkeiten um so weniger, als die Hochzeit nicht im eignen Heim stattfindet. Aber es ist da sehr schwer, aus der Seele eines andern zu empfinden.
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Was den Adoranten betrifft, so würde ich mich sehr darüber freuen schon des Kunstwertes wegen; für Hermann kommt der Erinnerungswert dazu, der Ihnen und ihm gemeinsam ist. Wenn Sie also nicht etwas aus Heidelberg Bezügliches unleserl. vorziehen, so scheint mir dies sehr sinnvoll. Und ich wüßte auch nichts anderes; man kommt dann immer gleich auf Bücher, also einseitig Männliches. -
Eben habe ich wieder meine Vorlesungswoche überstanden. Und ich bin mit mir zufrieden. Ich habe das Gefühl, daß sie mir gelingen, daß jede abgerundet, scharf, klar und dabei doch lebendig und didaktisch ist. Auch hat sich in beiden der Besuch wieder gehoben. Im Privatkolleg haben bis jetzt 38 testiert; mit allen Nachzüglern komme ich so vielleicht doch auf ca 50. Da aber so viel auch da sind, so wird sichtlich geschunden. In Religionsphilosophie hatte ich heute wohl 65. Testiert haben mehr. Beidemal sprach ich über Hegel, immer schweren Stoff, aber es gelang. Daß Arnold Ruge seine Vorlesung nicht zustande gebracht hat, finde ich nicht überraschend. Er stand auch noch nicht im Verzeichnis.
Oesterreich
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| hat seine eigentlich auch nicht zustande gebracht; denn er liest vor 2 Damen, wozu ich sagen würde: quod non.
Meine päd. Übungen sind noch nicht in Ordnung. Es kommen welche dazu, andere schwänzen. Im ganzen habe ich nun 12. Etwas mehr Diskussion aber ist schon, und ich muß aufpassen wie ein Schießhund, weil diese heterogen vorgebildeten Leute mir die Karre jeden Augenblick in den Dreck schieben und dann noch behaupten, sie wären mitten auf der Chaussee. Gestern habe ich als Exkurs die Aufsätze über den Kaffeebesuch besprochen, die extra für diesen Zweck gemacht waren. Ich zeigte an den 18 Aufsätzen folgende Typen:
1) normaler Durchschnitt (die Einheit des Bildes wird nur im räumlichen gefunden.)
2) beobachtender Typus (Einzelbeobachtungen.)
3) erzählender           "
4) charakterisierender " (die Einheit wird im Charakter d. Person, also im Geistigen gesucht.)
5) Kombination von 3) und 4)
6) kritischer Typus (sympathisch u. unsympathisch wird unterschieden.)
7) ästhetischer Typus: die Farbenwirkung wird
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| beachtet. (nur eine einzige.)
[8) Typus der richtigen Charakteristik, d. h. also volle Verwirklichung dessen, was 4) anbahnt, wurde von keiner erreicht.]
Die Sache fand sichtlich Interesse und gab zu mannigfachen Beobachtungen pädagogischer Art Anlaß.
Mittwoch hielt Böhm in der Gesellsch. f. Dtsch. Literatur unter Vorsitz v. Bellermann einen Vortrag - das Konfuseste, was ich je gehört habe. Jemand, der viele Gedanken hat, aber mit keinem fertig geworden ist - ein bedrückendes Gefühl. Havenstein hatte denselben Eindruck. Um 1 war die Allonge fertig. Aber ich habe mich gewöhnt, nachm. zu schlafen, und das behagt mir jetzt sehr. Zur Erkältung habe ich nach wie vor nicht die mindeste Tendenz, obwohl ich häufig sehr ins Nasse gerate.
Ihre ökonomischen Vorschläge leuchten mir sehr ein, u. ich will sie beherzigen, bis auf Pelmann, wovor ich mich fürchte. Die 30 M sind im Durchschnitt jetzt wohl realisiert. Sie müssen umgekehrt bedenken: wenn mein Vater etwa zu Hause bleibt, ist (teils auf Grund meiner Gewöhnung an das Alleinsein) meine Arbeitsmöglichkeit beschränkt. Weit mehr Reform
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| wäre wohl an meinen Privatausgaben wünschenswert. Aber sie hängen z. T. notwendig an Stellung und Beruf bei mir. Bücher kaufe ich fast garnicht. Trotzdem ist jeden Tag irgend eine kleine Ausgabe. So z. B. Montag Geburtstag in Potsdam (komme jedes Jahr 1-2 mal hin) macht doch 1,75. M. Mittwoch Gesellsch. f. Dtsch. Literatur im Weinlokal; fernbleiben konnte ich nicht. Aber das gehört nun einmal zu den Betriebsunkosten, und ich muß nur sehen, Vermeidliches zu vermeiden. Die Wohnungsfrage ist noch ungelöst. Aber es wird nötig sein, mindestens auf 900 herabzugehen. Äußerlich wäre ja eher Verbesserung nötig; denn es kommen jetzt viele Studenten. Aber das ist ja allenfalls entbehrlich. An der Wäsche könnte auf die von Ihnen bezeichnete Art wohl gespart werden, um so mehr, als das Mädchen unerhört viel Wäsche persönlich braucht. In 3 Wochen 11 Schürzen u. 2 Mädchenkleider ist doch zu viel. Aber man muß da sehr vorsichtig sein; denn durch solche Neueinführung zieht man sich leicht eine Kündigung zu. Ich werde es also so machen, daß zu der Hauswäsche (bisher nur Strümpfe) allmählich noch Taschentücher
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| hinzukommen.
Salamander also reibe ich nur noch aus Reclame. R. u. R. fangen auch an, mich zu ärgern. Das Buch müßte die 2. Auflage in wenigen Monaten erleben. Ich habe bei R. u. R. trotz meiner schriftstellerischen Erfolge noch nie einen Pfennig verdient. - Meine Religionsphilosophie umfaßt jetzt 80 Quartseiten - ein Drittel des Ganzen. Im stillen regt sich bei mir der Gedanke, sie bei Teubner als "Einführung in die syst. Religionsphil." drucken zu lassen (600 M.) und im Falle der Geldnot werde ich es wohl müssen, obwohl ich sie gern noch reifen ließe.
Worüber ich mit Walther geredet haben soll, kann ich nicht lesen: Beuron?
Daß Sie die Vorstellung bei Wille besuchen, freut die Welt und mich. Ranke ist doch nicht der bekannte Historiker? - Musik sind für mich Tempi passati.
Tolstoi war wohl nicht mehr normal. Aber Sie haben recht. Trotz Riehl hatte er doch moralische Größe.
Gern höre ich, daß es der Tante gut
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| geht. Von der Lotterie hängt es ab, ob ich mich auch persönlich davon überzeugen kann.
Der Fall Runge ist sehr schlimm. Die Mutter hat auch die Nierenentzündung. Ich werde mich wohl mal um die Familie bekümmern müssen.
Morgen werde ich wohl zu Wilamowitz u. dann zu Gertrud Bäumer gehen, die mit mir fechten will. - Von Dilthey nichts; ich fürchte mich vor der Begegnung.
Na, das ist nun tatsächlich alles, obwohl nur eine Suppenchronik. Aber die Hochzeitsfragen haben Eile. Also schließe ich für heute. Beiliegendes kam eben und weckt tiefe Sehnsucht. Ich glaube, ich könnte zum Rodler werden, könnte ich dann ein paar Wintertage mit Ihnen in Ilmenau bei Rose-n wohnen.
Viele Grüße auch v. m. Vater. Wenn Sie Zeit haben, hoffe ich auf Nachricht betreff Pelz. In inniger Liebe Dein Bruder
Eduard.