Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. November 1910


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Sonntag 27.XI.10. Abends
Liebe Schwester!
Ich komme sehr bewegt von einem schmerzlichen Besuch zurück. Wie ich Ihnen schon schrieb, haben wir vor 14 Tagen Klara Runges Vater beerdigt, der an Nierenentzündung gestorben war. Nun ist die Mutter an derselben Sache erkrankt. Ich war deshalb draußen und fand die Familie, d. h. außer ihr und den Kindern ihre Schwester und Schwager in voller Verzweiflung. Wie ich heraushörte, ist die Prognose wirklich sehr schlecht. Sie geht morgen in die Charité; die drei Kinder kommen zum Schwager nach Baumschulenweg (bei Treptow.)
Ich habe das Gefühl, daß eine neue Katastrophe bevorsteht. Sie sprach ganz offen (und leider auch vor den jüngeren Kindern) von ihrem Tode. Als ich gehen wollte, begleitete sie mich ins Nebenzimmer, umarmte und küßte mich und empfahl mir ihre Kinder an: Helfen Sie ihnen - nicht mit Geld, mit Liebe.
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| Es sollen 19000 M dasein; außerdem Pension. Also in dieser Hinsicht besteht keine unmittelbare Not. Weit tiefer griff mir ans Herz die seelische Not des 19 jährigen Mädchens und die Lage der Kinder, und ich dachte daran, wie s. Z. ein solcher Schlag in Ihr Leben gegriffen hat. Ich bin ganz ratlos, und doch: hier muß Klarheit sein. Gibt es da religiösen Trost? Ist es nicht eine Verspottung des Menschen, wenn man da von Gottes Vatergüte redet? Es führt irre, diese ganz unverstandenen Mächte Güte zu nennen. Man sollte da ehrlich sagen: das wissen wir nicht. Aber was wir meinen, ist dies: daß der Glaube an das Leben in uns bleiben soll dennoch. Und weshalb wir an das Leben glauben ist die Liebe. Die Kraft der Menschen zur Liebe ist - ? - die Offenbarung Gottes? Ist das nicht vielmehr die Offenbarung des Menschen? Aber sofern der Mensch sich nicht sich selbst gegeben hat, ist es wohl das Verborgene, was sich darin auftut.
Aber ich kenne auch ein andres Gefühl: das des Trotzes gegen die Erbärmlichkeit der Welt, die eben doch wir nicht verschuldet haben. Und ich erlebe es täglich an mir, daß die Liebe mich nicht überwindet,
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| weil ich Vergangenes nicht vergessen kann und Zukünftiges nicht meistern. Nur liegt in diesem Trotz kein Friede, wohl auch keine aufbauende Macht. Und doch muß ich alles bloß angelernte Religiöse in mir erst ersticken. Ich will nicht von fremdem Kapital leben; meine innerste Überzeugung soll echt sein.
Kann man das nun sagen: von Gott wissen wir garnichts; aber in der Liebe finden wir Gott?
Ich kann mir auch denken, daß jemand das Leben wegwirft, weil er in diesem Evangelium eine Erfindung, ein Opiat sieht. Soviel ist gewiß: die Religion zieht ihre ganze Kraft aus dem Glauben an dieses Leben; sie ist das vollfreudigste, was es gibt. Und es rührte mich tief, wie dieses junge Mädchen durch die wenigen Worte, die ich mit ihm im Garten allein sprach, so heiter und kraftvoll wurde. Aber auf mir liegt nun die Verantwortung für diesen Glauben. Und ich fühle die Grenzen meiner Kraft. Kommt jetzt nicht Weihnachten? Warum wird Christus nicht in mir zur Kraft? Warum erstickt die Vergangenheit und die Sorge um die Zukunft meine Kraft zur Liebe? Ich kann darauf nur antworten,
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| weil die größte Liebe, wenn sie sich ohnmächtig sieht, sich in Grausamkeit verkehrt. Wir fehlen aus Schmerz und aus verwundeten Herzen. Nietzsche ist unser Schicksal.
Ich will eine Religion der Gesundheit gebären; für mich, also auch für andre. Das geht nicht ohne Kampf und Opfer. Aber diese Kämpfe zerfressen die innere Reinheit. Wohl dem kindlichen Gemüt!
Daß die Menschen zu mir Vertrauen haben, wo ich selbst so suche. Und wie soll das nun mit den Kindern werden, etwa wenn ich nicht in Berlin bleibe? Denn daß die Stunde meines Versprechens bald kommt, fürchte ich. Die Verwandten aber scheinen gute Leute.
Ihre heutigen lieben Zeilen beantworte ich ein andermal. Ich mußte mit Ihnen darüber reden.
Gestern war ich fast eine Stunde bei Gertrud Bäumer. Sie ist sehr angenehm und gar kein Agitationswesen; übrigens sah sie leidend aus. Sie soll ganz von der Schriftstellerei leben und pflegt Helene Lange rührend.
Mit innigsten Grüßen
Dein Bruder.