Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Dezember 1910 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg, den 5.XII.10.
Liebe Schwester!
Ich beginne schon heute meinen historischen Bericht, obwohl ich erst morgen Ihre lieben Briefe beantworten zu können hoffe. Den wissenschaftlichen Dienst habe ich eben - 10 Uhr - quittiert, weil ich absolut nichts mehr aufnehmen konnte. Hoffentlich merken Sie diesen Zustand nicht aus diesen Zeilen. Es ist gut, daß bald Ferien kommen, denn die Arbeit ist doch zu andauernd. Ich habe neben der Vorbereitung einen angefangenen kleinen Aufsatz für Amerika nicht vollenden können.
Dazu nun die leidigen Nebenverpflichtungen. Vieles ist wohl an sich schön u. erfreulich, wird aber nicht als Genuß empfunden, weil eben das Drüberstehen über der Situation - naturgemäß - noch nicht erreicht ist.
Freitag (meinem Sonnabend) kam Nieschling um ½ 3. Wir lagen dann in beiden Ecken des Sofas u. verständigten
[2]
| uns recht gut. Es ist wirklich bei ihm alles nur Pflegma. Abends bei Frau Professor Paulsen, viel Ulk ohne tieferen Genuß. Sonnabend Sitzung der Privatdozentenvereinigung. Sie wissen, daß man den medic. Privatd. die venia nur noch auf 5 Jahre erteilen wollte. Ich pfeife auf die ganzen Mediciner; aber wenn man den opferwilligsten Stande - den Privatdoc. - die Freiheit verkürzen will seitens der Fakultäten, bin ich da. Nun hatte d. Minister, halb ironisch, uns selbst zu Verbesserungsvorschlägen aufgefordert. Eine Kommission von 7 Medicinern referierte Prof. Kaiserling (Assistent von Orth) machte die Sache mit viel Witz, offenbar aber ohne jedes Zielbewußtsein. Da mischte ich mich ein, betonte, daß man dem Minister nach ½ Jahre endlich antworten müsse, nicht aber nach ½ J. mit der Frage, welches denn die Übelstände seien, herauskommen. Das war der Anlaß meiner Wahl in die neue Medicinerkommission, mit der ich am Sonntag vorm. beriet. Mitglieder sind Prof. Rothmann, Prof. Müller, Prof. Britzke
[3]
| Prof. Straßmann, Dr. jur. Kuttner, Dr. phil. Bauer. An dem modus quo habe ich gar kein Interesse. Daher ist mir die Aufgabe eigentlich ärgerlich.
Und sie war es mir doppelt, da ich nun die Partie schießen lassen mußte. Sie können sich den Jubel nicht denken, mit dem ich in Lehnitz empfangen wurde. Und seit langer Zeit einmal wieder erfüllte mich diese junge Welt mit einem wahren ästhetischen Rausch. Sie wissen, daß ich diesen Eindrücken meine tiefsten metaphysischen Ideen verdanke. Es ist nun einmal so, daß diese halb kindliche Jugend eine Offenbarung ist, genußreich freilich nur für den, der sie an seiner eigenen Welt von Schmerzen mißt. Eine unendliche Fülle von Ideen trug ich mit mir fort. Ich habe dann einen unbezwinglichen Drang nach Ausdruck; versuche es erst philosophisch, werde zur Dichtung getrieben und werfe endlich alles unbefriedigt weg, mit dem lebendigen Gefühl mich begnügend. Ich erlebe jetzt so viel, was direkt für m. Relphil. gemacht ist, denn auch der ruhige Hunger des Gefühls
[4]
| treibt über diese Welt hinaus. Es ist ebenso wahr wie der Drang nach höchster ethischer Vollendung. Aber ich kann mir denken, daß dem großen Dichter die Kunst zum Ersatz wird.
Böhm war sehr nett; er ist überhaupt sehr taktvoll in unserm eignen Verhältnis. Mit der von mir übernommenen Abteilung ist er nicht sehr zufrieden. Ich war es schließlich auch nicht; wie wenig konnte ich im Sommer tun. Aber man erfährt in der Erziehung immer wieder, daß selbst die beste Kraftaufwendung hinter dem, was man möchte zurückbleibt. Und da dieses Gefühl in mir habituell ist, bin ich selten glücklich. Früher kannte ich noch den herrischen Selbstgenuß. Jetzt fühle ich immer nur die Schranke. Jüdische Selbstgefälligkeit à la Münsterberg ist da besser dran. - Meine jetzigen Kinder aber sind Bählämmer, u. ich mußte den militärischen Ton anschlagen, sonst sind bis Weihnachten alle mumifiziert. Zu einer innerlichen, über das Pensum reichenden Wirkung komme ich garnicht mehr. Genug davon. Morgen mehr.
Gute Nacht.