Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6./11. Dezember 1910 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 6. Dezember 1910.
Liebe Freundin!
Es konfligelt hier, und diese Wortbildung macht mir weniger Schmerzen als Unruhe, die dadurch auch in diesen Brief wieder kommt. Erdmanns Machtgelüste zeigen sich darin, daß er uns eine Liste der Vorlesungen der Ordinarien übersandte u. uns zu einer Besprechung d. Vorl. aufforderte, die dann ja überflüssig ist. Lasson, Dessoir, Simmel, Cassirer, Misch, Köhler, Vierkandt und ich hatten dasselbe gefühl. Nur war ich etwas zum Frieren geneigt, weil ich nicht weiß, ob die bloße Tatsache einer solchen Einladung wert ist, sie zum Kriegsfall zu machen. Denn dieser Krieg ist nun erklärt, da wir alle nicht kommen und die Liste unsrer Vorlesungen brieflich eingesandt haben. Es war von Erdmann eine große Dummheit; aber er hat schließlich doch die Macht und die Privatdocenten (nicht Simmel, Dessoir, Lasson) haben den Nachteil. Wie und wann, das werde ich Ihnen bei gegebener Gelegenheit mitteilen.

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11.XII.10.
Endlich komme ich zur Fortsetzung. Diese lange Pause betrübt mich um so mehr, als ich gerade Ihre letzten beiden lieben Briefe als tiefe Tröstung empfunden u. inzwischen oft wiedergelesen habe. Sie sehen aber, wie viel inzwischen angefallen ist. Über das Letzte nur noch 2 Worte: Erdmann hat die Sache einstweilen eingesteckt u. wohl ungern empfunden, daß eine Verstimmung vorliegt. Riehl aber läßt über alles das sehr menschlich aus sich reden u. wird schon für Frieden sorgen. Es war am Freitag - ich bin jetzt immer allein da - wieder sehr intim u. wohltuend, da sie an allem herzlich teilnimmt.
Kl. Runge*) [li. Rand] *) ist nicht in Stellung; kommt später zum Magistrat. schrieb mir, daß d. Krankheit ihrer Mutter ein exceptioneller Fall, da bei Nierenentzündung sonst keine Blutüberfüllung. Die Stimmung der Kranken ist etwas zuversichtlicher. Besuch konnte ich bisher weder in der Charité noch in d. Baumschulenstr. machen. Es ist bis zum 20.XII., wo ich Ferien mache, für die Vorles. ungewöhnlich zu tun. Aber ich hoffe doch Zeit in dieser Woche - zu erfinden. - Der Tod v. Heubaum ist ein schwerer Verlust für die Wiss. Sie wissen: es ist der Vf. von Bd. 3 der großen Erzieher. Gestern war ich in Angelegenheit d. Paulsenaufsätze bei Matthias u. habe ihn im Prinzip für die Einleitung gewonnen. Er sprach über Aufsatztheorie mit mir. Ich dissentierte aber, weil ich zu Hause bodenlos unbrauchbare Produkte hatte. Heute Vorm. mit Registrator in d. Philharmonie zu packendem Vortrag des 76 jähr. Adolf Wagner. 9. Symphonie, Freibillet deshalb geschwänzt.
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Die Relphil. will ich gewiß nicht drucken lassen, ehe sie fertig ist. Aber in den großen Grundzügen enthält sie eben Wertvolles, u. da mir dies Kolleg 500 M minus gebracht hat, komme ich auf die Idee. Der Besuch nimmt hier übrigens ab, obwohl es besser ist als Phil. d. Geschichte. Dort hält sich der Kreis, u. 48 Hörer haben bezahlt, d. h. mit allen Abzügen: dies Semester bringt mit 460 M. Die Steglitzer haben mich wieder zu (staatswiss.) Vorträgen aufgefordert, aber abgelehnt. Ruska will Beiträge fürs Päd. Arch. Er hat sich, wie er mir schrieb, nicht habilitiert. Arnold Ruges Phil. Bibliogr. scheint miserabel redigiert. Warum höre ich nichts von Coss direkt?
Für die Weihnachtsferien liegt leider schon manche Arbeit vor, u. mit dem Vorlesungsstoff reiche ich auch so lala. Da ich aber garnichts daneben arbeite, bin ich bisher immer fertig geworden, ausgenommen letzten Dienstag, der daher doppelt zerfiel. An die Wohnung muß ich dann auch denken.
Von Beuron hatte ich nichts gelesen, daher meine Verwunderung.
"Ewigkeit ist keine Zeit, es ist ein Wert." Haben Sie das aus sich, oder aus mich? Jedenfalls sind mir diese Vorplagiate aus m. Religionsphilosophie, die sich durch Ihre letzten Briefe ziehen, sehr bedenklich; und da sie mir vom Druck abraten, nehme ich an, daß Sie selbst eine schreiben werden. Aber im Ernst: es ist doch eigentümlich, wie wir uns begegnen.
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| Sie haben Ihren Naturalismus zuerst aufgegeben; nun komme ich von m. Supranaturalismus ab, und wir treffen uns in der Mitte, doch wohl eben da, wo die Wahrheit des Lebens liegt? Das ist der große innere Gewinn gemeinsamen Schicksaltragens, daß es immer neue Offenbarungen zu geistiger Gemeinschaft erhebt und endlich beide Seelen auf einen großen Akkord gestimmt sind. Weder Natur noch Supranatur, sondern das menschliche Leben in s. Fülle von Leid u. Freud, die beiden verschmelzen in der Liebe. Wäre die Kraft zur Liebe doch größer. Aber die kommende Weihnachtszeit ist ein finsteres Loch. In diesem Hause wird keine Festfreude mehr blühen. Ist das nun meine Schuld, bin ich wirklich so tot? Oder ist mir die Disparität so groß? Dabei liegt wirklich nichts vor, es ist nur das große Sichnichtverstehen, das natürlich mit der zunehmenden Unregsamkeit des Alters immer größer wird. Denn auch das Wenige, was ich noch erzähle, ist sofort vergessen. Warum kann ich nicht lernen, das als Naturvorgang leidlos anzusehen?
Aber der Brief soll endlich fertig werden. Ich muß nach Westend zum Geburtstag meines Vetters, wo das innigste, blühendste Familienleben herrscht u. alles von Kindern wimmeln wird. Morgen beginnt eine konzentrierte Woche. Dienstag den 20. lese ich 3 Stunden, Denken Sie also nichts Böses, wenn ich nur ganz kurz von mir hören lasse. Auch die Pelzgeschichte kann ich noch nicht erledigen. Aber dann. Grüßen Sie Frl. Knaps. Innig, herzlich, treu der Bruder von Ilmenau.