Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Dezember 1910 (Charlottenburg 2, Kantstr. 140)


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Charlottenburg 2, Kantstr. 140.
Den 24. Dezember 1910.
½ 5 Uhr
Liebe Schwester!
Es ist Heiligabend, und ich gedenke Ihrer. Wenn Sie also auch diesmal mit der verehrten Tante zu Weihnachten allein sind, so bin ich doch im stillen bei Ihnen, und Sie dürfen nicht wehmütig sein. Wenn es nur unsrer lieben Tante wieder besser ginge, so daß sie aufstehen könnte und das Fest im Gefühl baldiger Besserung feierte!
Ich habe soeben mein großes Packet - diesmal mein einziges - geöffnet. Der schöne große Kasten steht vor mir, und erzählt mir von Ihnen und der vielen, vielen Arbeit, die Sie darauf verwandt haben. Er sieht so feierlich aus, als fühlte er seinen würdigen Zweck. Daß sie mir diesen Wunsch erfüllt haben, ist mir eine große Freude. Unsre Briefe sind nun einmal mein bester Daseinsinhalt, und wenn ich sie alle darin geordnet habe, werde
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| ich von diesem Kasten sagen können, er umschließe meinen ganzen Lebensinhalt. Was ich "gelebt und erstrebt" habe (um mit Kügelgens Gedichten zu reden), spiegeln diese Blätter. Es ist also für mich von symbolischen Wert, sie alle beisammen und verschlossen zu wissen. Meinen innigsten Dank!
Nun lassen Sie uns über das Wiedersehen ganz offen reden. Ich kann von hier aus nicht beurteilen, wie es der Tante geht, und lege daher die Entscheidung ganz in Ihre Hand. Entweder komme ich wie ursprünglich geplant am 28.XII, bleibe bis 30.XII, wohne dann aber im Hôtel, da unter allen Umständen vermieden werden muß, daß der Tante Aufregung erwächst. Oder ich komme am 2.I. (ev. freilich erst abends) und bleibe bis 5.I., welches allerdings der späteste Termin, da am 6.I. die Schule beginnt und zum Kolleg vom 10.I. ab mancherlei zu tun ist. Der letzte Fall, den ich allerdings schmerzlich empfinden würde, ist der, daß wir ganz verzichten müßten; aber auch das müßten Sie mir ganz offen schreiben, wenn es nicht
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| anders sein sollte.
Vielleicht können Sie mir gleich nach Empfang dieses Briefes Nachricht geben, da Dilthey auf mich spekuliert u. ich auch sonst mancherlei Vorkehrungen treffen muß. Könnte ich am 2. Feiertag früh schon Bescheid haben, wäre es mir am liebsten.
Der Fall Grunewald hat mir die ganze Weihnachtsstimmung verdorben. Dazu kam nun gestern Abend Geburtstagsfeier bei Willy Böhm bis 2 Uhr mit allen Chicanen. Nachts habe ich nicht eine Minute geschlafen. Um 10 Uhr früh bei strömendem Regen bei Dilthey. Ich bin nur froh, daß es ohne Verstimmung abging; sachlich aber natürlich eher ein Rückschritt als ein Fortschritt. Das wird nun wieder Wochenlang so gehen und kostet mir die Ferien und stört eigne Arbeit.
Sonst ist heute nichts Neues zu berichten; es ist trostloses Wetter. Gestern war ich ein bißchen mit Ludwig zusammen. Nieschling ist Wernigerode. Oesterreich brachte mir gestern sein großes Buch.
Sagen Sie der verehrten lieben Tante,
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| es wäre gar kein Egoismus von mir, wenn ich ihr als beste Weihnachtsfreude volle Genesung wünschte. Wie gern opferte ich dafür eigne Freude. Hoffentlich ist die Patientin recht vorsichtig. Bitte schreiben Sie mir Genaues.
Mein Vater läßt Sie beide herzlichst grüßen. Er stachelt mich jeden Tag zu der Casseler Fahrt. Herzliche Grüße auch von mir und alles Gute
mit innigem Dank
Dein
Bruder.

[] Coss hat mir einen langen unleserlichen englischen Brief geschrieben, mit s. Bild. Frau Runge ist aus der Charité entlassen. ob ganz geheilt, ist mir zweifelhaft. Von der Tochter bekam ich das Bild der 3 Kinder. Daß ich neulich in Baumschulenweg war, schrieb ich wohl.