Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. Dezember 1910 (Charlottenburg)


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<dieser Brief ist abwechselnd mit rotem und blauem Buntstift geschrieben; die Interpunktion ist dadurch tw. nicht zu erkennen>
Charlottenburg, den 27.XII.10
Liebe Freundin!
Ich bin in solche Apathie und Schlafsucht versunken, daß ich beinahe die heutige Post verschlafen hätte. Wahrscheinlich habe ich mich an den vielen Biskuits aus Cassel überfuttert, für die ich denn doch endlich danken will. Sie kamen am 1. Feiertag mit all den andern schönen Gaben, die die liebe Verschwenderin mir sandte, resp. verpappte. Dafür erhalten Sie nun auch einen Brief so ruhig und, – wie Sie leider auch finden werden – so blau,
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| wie sie ihn von mir noch nicht erhalten haben. Dies alles teils um Sie zu erfreuen, teils um Sie zu ärgern, teils um das Ding zu erproben, das auf der blauen Seite ganz gut ist, während die rote wackelt und an den Umsturz erinnert. Vor mir blüht ein Alpenröschen und ist auch rot und erzählt mir viel Liebes. Aber bedauern muß ich Sie doch, daß Sie nun zu Weihnachten wieder Krankenpflegerin sein müssen – war es doch im Sommer schon schlimm genug –, und noch viel mehr die liebe Tante, die nun wieder leiden muß. Hoffentlich bringt mir die Post
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| morgen gute Nachrichten. Halten Sie der Tante vor, wie folgsam ich war, resp. sein mußte. Sie soll's auch so machen, es ist furchtbar gesund. Sagen Sie ihr auch, daß es ja wohl ein Schmerz für mich wäre, wenn's auch am 2.I noch nicht's wäre; aber ich wäre an Verzicht gewöhnt, und wenn Sie gesund würde, machte sie uns allen beiden die größte Freude, und das wollte sie doch eigentlich. Der Philosoph läßt ihr sagen: vollkommen wäre nichts auf der Welt, auch der Philosoph nicht, und der Rotstift (Rotstift) wackelte auch.
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| Mehr schreibe ich nicht, weil's eilt und zu scheußlich aussieht. Hier Programm:
24.XII   10–2 Dilthey abends solo
25.XII   Onkel Ernst bei uns läßt grüßen
vorm. bei spezieller Freundin läßt grüßen
Viel schöne Geschenke, weiteres mündlich.
26.XII   3–7 Lenz, gemütlich
27.XII   Frau Prof. Paulsen läßt grüßen
Und nun viel gute Genesungswünsche u. danke für alles, Verzeihung für den Braun- u. Blaustift
Ihr treuer Bruder
Eduard.