Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. August 1910 (Ilmenau)


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Zum Geleit
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Ilmenau, 7. August 1910, Nachts.
Der letzte Abend; alles still ringsum
Und abschiedsschwer, die dunklen Wolken jagen,
Als wollten sie in schwarzen Mänteln stumm
Mein herbes Leid in ferne Fernen tragen. –
Ich weiß: wo sich des Raumes Spur verliert
In dunkler Herzen ungestümes Schlagen,
Da lebt sie noch, und mütterlich gebiert
Sie mich wie einst zu froher Welten Tagen. –
Oh jauchze auf, mein Kind, du süßes Gold,
Und laß das lange, stürmisch – liebe Fragen:
Uns lacht das Leben übern Abgrund hold
Und will uns hoch ins Ungemeßne tragen.
So ringt sich aus den Qualen dumpfer Not
Mein Geist mit Dir; wir kennen kein Entsagen;
Jauchz' auf, ich will das Leben, will den Tod
Mit Dir, Du herrlichste der Seelen, wagen;
Schon seh' ich fern die goldnen Ziele ragen;
Was fürchtest Du? In uns, in uns ist Gott!
Eduard

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Ilmenau.
Du suchtest neue Kraft im Waldesfrieden
In Sonnenschein u. lieblicher Natur,
— Du ruhtest aus in grenzenloser Liebe
Und meine Seele war Dein Echo nur.
Wenn froh die Flügel nun sich wieder regen
Zu neuem Schaffen frei der Geist sich hebt:
Dann fühlst Du wohl in Deinem Pulsschlag leise,
Wie in Dir auch der Schwester Herzblut lebt.
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Diese Sendung ist nur für Sie persönlich, mein geliebter Bruder, - Antwort auf Ihren lieben Brief.
Ausführlicher schreibe ich bald. Hoffentlich sind Sie gesund u. froh, wie es aus Ihren Zeilen klingt.
Treue, innige Grüße!
Deine Schwester.