Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. August 1910 (Heidelberg)


Heidelberg. 11. Aug. 1910.
Mein lieber, lieber Bruder.
Es ist ja keine Ruhe hier zum Schreiben, aber meine Gedanken eilen doch beständig zu Ihnen. Ihr lieber Brief hat mich so innig gefreut, ganz besonders durch den zuversichtlichen u. kraftvollen Klang, der auch durch den - nun leider einmal unvermeidlichen Abschiedsschmerz hindurchtönt. Ich bin noch immer wie betäubt, u. wenn ich aus dem Schlaf erwache, muß ich mich erst mühsam wieder in die Gegenwart hineinfinden. Und, denken Sie, dazu kam nun noch eine recht unangenehme Sache, die mir wieder unnötig Aufregung u. schlechten Schlaf brachte. Ich muß es Ihnen beichten, wenn Sie auch zanken werden. Oder, nein, bitte, sein Sie nicht bös - ich habe ja den Schaden. Die Blätter mit den Aufzeichnungen meiner sämtlichen Ausgaben sind fort, spurlos verschwunden, u. ich kann mir nicht denken, wo ich sie gelassen habe. Sie waren ja in Ilmenau schon verpackt als wir das schwarze Büchelchen noch einmal brauchten. Ob ich bei diesem Herausnehmen das Couvert mit einem ebenso aussehenden leeren verwechselte, oder ob ich in Finsterbergen, wo die Tante allerlei Korrespondenz sehen wollte, die Sache verlor - ich weiß es nicht. Ich habe gestern bis zur Verzweiflung gesucht, aber vergeblich. - Sie wollten damals gleich nicht, daß ich die Blätter herausriß, aber ich mochte nicht, daß Sie die Abrechnungen sehen sollten. Nun haben Sie, wie meistens, Recht behalten, u. ich hätte folgen sollen. Aber jetzt nützt mir die Einsicht nichts mehr. Ich muß dann eben ein Ramschverfahren machen u. jetzt von neuem anfangen.
So, nun aber genug von dem unangenehmen Zeug. Es ist ja schließich kein direktes Unglück, u. wenn ich einen Brief von Ihnen verloren hätte, wäre es mir viel ärger! Mit Omama Knaps war es ganz gemütlich. Leider fand ich sie wirklich recht angegriffen; auch die allbeliebte Sommerkrankheit, sodaß sie sogar den Arzt kommen ließ. Seit gestern aber geht es besser, u. da sie sehr ... ist, wird sie sich ja bald erholen. Ich habe gestern eine Menge Zeit mit dem Entwickeln der Platten zugebracht. Etwas Besonderes ist aber nicht dabei herausgekommen. Die großen Bilder sind von uns Beiden sehr unvorteilhaft, bei Ihnen stand der Apparat zu tief u. mich finde ich hervorragend "wäscht"! Am besten sind noch die Veranden. Es ist in meiner Wohnung ein schreckliches Durcheinander, da ich sie doch mit Logiebesuch verließ. Das gibt viel Arbeit, wenn ich zurückkomme. Jetzt habe ich mir den nötigsten Kram für den Hermersberger zusammengesucht u. drücke mich wieder. Es ist hier eine ganz schöne Luft, u. wenn das Wetter so günstig bleibt, hoffe ich rechte Erholung vom Hermersb. H. mitzubringen. Ich will auch gewiß recht geduldig u. brav sein, denn Aenne ist ja doch so gut, u. sie verdient es nicht, daß ich sie kränke. Mit Omama kam es zu einer eigentlichen Verständigung nicht. Sie glaubt, das einzig Richtige getan zu haben. Ich bin froh, einer Entscheidung einstweilen noch aus dem Wege zu gehen u. hoffe mit Aenne gemeinsam zur Klarheit über die eventuellen Maßnahmen zu kommen. - Das ist nun ein gräßlich inhaltloser Brief, mein lieber Freund. Aber ich bin ja im Begriff abzureisen. Ich hoffe, unteregs ein wenig eingehender, wenn auch mit noch schlechterer Schrift schreiben zu können. Das meldet Ihnen <Zusatz an der linken Seite:> dann meine Ankunft in der Pfalz. - Sie können mir nichts Lieberes schreiben, als daß es Ihnen gut geht. Das ist meine Sorge u. mein heißes Wünschen. Grüßen Sie Ihren Vater. Ich hätte noch so viel zu schreiben!
In treuer Liebe
Ihr - Ihr "Kindchen"