Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. August 1910 (Kaltenbach)


In der Bahn Heidelberg - Bruchsal
Kaltenbach 11. 8. 10.
In Bruchsal erst werde ich den Brief an Sie zur Post geben - u. schon beginne ich wieder zu schreiben. Ach, säßen Sie statt dessen noch neben mir, ein Blick, ein halbes Wort würden mehr sagen, als der längste Brief! Aber ich bin doch nicht undankbar. In tiefster Seele empfinde ich das wunderbare Glück, das mir in dem Leben dieser letzten 2 Monate gegeben ist, u. diese Sonne erleuchtet mein Herz durch u. durch. Darum sollen Sie auch niemals denken, ich hätte irgendwie ein Opfer gebracht. Es war nur ein erhöhtes, geheiligtes Leben, das mir zu Teil geworden ist, u. das ich Ihnen danke. Es ist etwas tief Geheimnisvolles um dies Füreinander-Bestimmtsein. Es durchglüht mein Leben als eine heilige Aufgabe, u. wie Sie in mir an Ihre liebe Mutter gemahnt werden, so ist auch mir Ihr Bild in allem gegenwärtig. Wie ganz durchwebt von diesen teuersten Erinnerungen sind uns Beiden alle Gedanken u. Beziehungen zu einander . Kamen doch Sie, geliebter Freund, ein Geburtstag meines Vaters recht eigentlich zum erstenmale zu mir. So sind wir verbunden in allem, was unvergänglich u. selig ist, u. in diesem Bewußtsein ist Ruhe u. Kraft u. bleibendes Glück, das möchte ich, soll Ihr Herz erfüllen als stiller Besitz, der die Gegenwart erhöht u. fähig macht, sie voll u. kräftig zu gestalten. Wie groß ist die Welt, die Ihr Wille so umspannt!
Und wenn mir im kleinlichen Einerlei der Tage der Mut sinken will, dann sollen mich Ihre schönen, lebebsfrohen Abschiedsworte trösten. Wenn ich das Leben freudig trage, tue ich das nicht auch für Sie? Das Glück festhalten ist auch eine Pflicht. Denn es wird uns doch gegeben wie der Sonnenschein, um zu gesunden!
Und wenn ich nun weiß, daß Sie aus dem Rattennest lauter solchen warmen, goldenen Sonnenschein mitgenommen haben, der nun als stille Kraft wieder ins Leben hinauswirkt - dann bin ich glücklich. - So wollen wir weiter leben - eine Welt in der Welt, u. weiter suchen u. bauen, immer fester u. klarer in der Erkenntnis des Einigen.
Es ist ein stetes Wachsen u. Wandeln in uns u. niemand kann mit Bestimmtheit wissen, wohin es ihn führt; Aber daß es "zum Besten diene", das ist in unsre Hand gegeben. Also: ich will! Lassen Sie sich nur nicht gleich wieder gar zu sehr in den Trubel hineinziehen. Denken Sie daran, weise Maß zu halten. Was kann Ihnen der Kongreß sein! Aber wie war's in der Schule? Wie ist der Schrank geworden? Ich weiß, daß Sie fühlen, wie Sie überall von meinen Gedanken umgeben sind - doppelt jetzt, wo ich so bis ins Kleinste teilnehmen kann auch an den äußeren Dingen. Wäre es nur möglich, diese aus der Ferne Ihnen zu erleichtern u. zu ordnen. Es fehlt ja doch in allem die sorgende Hand! - Aber bleiben Sie konsequent mit dem Plan, ein Mädchen anzunehmen. Verfolgen Sie die Sache still u. ohne Ärger, auch wenn Sie es nur mit Überwindung eines . Wir haben doch gesehen, daß man mit unnachlässigem guten Zureden alles durchmachen kann. - Wenn Sie meine schriftliche Hilfe dabei brauchen, lassen Sie mich's wissen. Und vor allem noch eins: lassen Sie es nie, nie wieder so zum Äußersten kommen, wie diesmal. Es war zu schrecklich. - Wollen Sie mir das versprechen?
Sagen Sie, hat ihr Vater Sie nicht mit einer Überraschung empfangen? Er hatte es doch vor. - Wie geht es den erschienenen Freunden? Grüßen Sie, wenn jemand nach mir fragt.
Vom kl. Scholz las ich heute fleißig in der tgl. Rundschau (ich glaube von 9. oder 10.) eine kurze Besprechung von Briefen über Schleiermachers "Lieben". Es schien mir darin ein schmerzliches Mitklingen für das kraftvolle Überwinden schwerer Enttäuschungen, u. nun kommt dem Armen dieser neue, große Schmerz!
Ich fahre jetzt von Br. über Germersheim quer durch die sonnige, sandige Rheinebene. Wie mich das an die Mark erinnert.
Grüßen Sie Tegel! Wissen Sie daß ich noch ein paar von den Blumen bei mir habe, die Sie mir am Tage nach Schwarzburg schenkten? Die Rosen sind leider schon in Heidelberg verwelkt. - Von H. H. werde ich wohl nicht so bald ausführlich schreiben können, da "man" sonst eifersüchtig wird. Und Sie werden <Zusatz am Seitenrand> ja auch nun mal fürs erste genug haben. Aber Sie werden fühlen, daß wir viel von Ihnen reden u. daß immer an Sie denkt
Ihre treue Schwester.