Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. August 1910 (Hermesberger Hof)


Hermersberger Hof. 15. Aug. 1910.
Mein liebster Bruder.
Umgeben von Waldesrauschen u. Sonnenschein habe ich hier ein stilles, friedliches Plätzchen zum Schreiben. Anfangs war mir die absolute Ruhe hier oben fast quälend, denn die Betäubung durch die Unruhe der Reisetage hatte eine recht gute Seite an sich. Aber jetzt bin ich wieder im Gleichgewicht, u. ich male mir recht deutlich aus, wie Sie in den mir nun so wohlbekannten Räumen hausen, wie Sie mit neuer Frische am Tageswerk sind u. mit Freudigkeit wirken. Auch im Organisieren der Häuslichkeit, hoffe ich, soll die neue Energie sich erfolgreich durchsetzen. Seien Sie nicht ungeduldig, sondern einfach still beharrlich, lieber Freund, dann erreichen Sie alles. Wenn es zu Verhandlungen kommen sollte, dann wird die Möglichkeit, daß es unter den alten Lebensbedingungen einfach wieder zu einer Katastrophe kommen müßte, sicher Eindruck machen. Es ist mir unendlich hart, daß ich dies alles nicht für Sie ordnen konnte. Aber ich vertraue darauf, daß Sie es tun werden für mich, zu meiner Beruhigung. Nicht wahr? Mir geht es recht gut. Mit Aenne führe ich ein recht gemütliches Leben, nachdem wir nach einigen Vorverhandlungen einen erneuten Freundschaftsvertrag geschlossen haben. Eine definitive Ordnung der Sache haben wir verschoben, bis es wegen eventueller Maßnahmen in H. nötig sein wird. Aber wir werden uns schon darüber einigen. - Es kommt mir schließlich doch das alles relativ äußerlich vor. Die Hauptsache ist, daß es Ihnen gut geht. Und das hoffe ich recht bald einmal wieder zu hören. Wo mögen Sie gestern am Sonntag gewesen sein? Mit dem Registrator? Es war ganz herrliches Wetter, u. der Wald in seiner Urwüchsigkeit mit den entzückenden Fernsichten hat hier ganz besondere Reize. Ein Reh graste ganz in unsrer Nähe, sah uns mehrfach forschend an, aber da wir uns nicht rührten, ließ es sich gar nicht stören. Wir sind beide recht faul u. haben noch keine große Rennlust. Rund um den Hof werden die Lieblingsplätze abgesucht mit Buch, Tintenfaß oder - Kniebelschlips. Ich muß der Aenne sehr viel von Ihnen erzählen, u. sie ist voll wirklich freundschaftlichen Interesses. - Sie berichtete mir auch vielerlei von Freunden u. Verwandten, denn in so langer Zeit ereignet sich doch viel. Unter anderem auch von Hermann und seiner Braut, die sie <wer?> aber leider nicht besonders gern mögen. Es scheint danach übrigens, als wenn von der Familie nur Mutti u. Aennchen zur Hochzeit erwartet würden. Ich wäre es ganz zufrieden, denn es ist ja weit u. mitten im Winter. Dabei doch für das, was man davon sah, eine schauderhaft kostspielige Sache. Also wenn Hermann weiter keinen besonderen Wert darauf legt, lasse ichs gern damit bewenden, daß er mirs nicht zumutet. Unsre Pläne sind ja doch unabhängig davon, u. ich hätte wenig Vorteil bei der Sache gesehen. Wenn wir doch auch so günstiges Wetter in Ilmenau gehabt hätten, wie jetzt hier. Es ist fast immer windig - aber das haben wir ja gern - dabei warm u. sonnig. Das Zimmer war kleiner, als ichs in der Erinnerung hatte, aber das Essen ist ausgezeichnet. Forellen, Heidelbeerkuchen, sehr gutes Fleisch u. Gemüse in großer Abwechslung! Das habe ich schließlich doch in Ilmenau vermißt, denn ich bin nun mal verwöhnt, wie Sie wissen. Von Ihren schönen Redensarten gebe ich nach Bedarf zum besten. Aber - aber ich vermisse es doch schmerzlich, daß nicht Sie selbst es tun können. Nach allem, wie ich es hier finde, bin ich doch überzeugt, daß Sie es ganz gut mal eine Weile hier aushalten würden. Man kann viel Touren machen von hier. Und wie einzigartig die Gegend ist, sehen Sie ja auch an Aennes heutiger Karte. Eigentlich ist mirs nicht ganz lieb, daß dadurch die Geschichte mit der "Tante" auch noch Ihrem Vater bekannt wird. Je weniger davon die Rede ist, desto besser. - Die Bilder habe ich noch nicht fixiert, kann also noch keine schicken. Denken Sie, daß das Papier aus Ilmenau alles nichts taugt. Es ist ganz fleckig. An Ihrem Bild habe ich eine unendliche Freude. Es ist zu schade, daß der Apparat nicht eine Handbreit höher stand, dann wäre es ein ausgezeichnetes Bild geworden. - Ich sehe sehr verkatert aus. Aber Sie werden das an mir gewöhnt sein, denn ich weiß, daß das sehr leicht der Fall ist.
Ich habe gestern an Mutti u. an Lili Scheibe geschrieben, will nun endlich einmal wieder all die Schuldenlast abwälzen, die jetzt seit Monaten angewachsen ist. An Ada Weinel schicke ich demnächst eine Karte mit Aufnahme von Paulinzella, das ist kurz u. doch nett! Von Tante Thas habe ich leidliche Nachricht. Wenn sie sich doch auch erholen möchte. Aenne schläft jetzt wieder seit 2 Tagen, vermutlich durch mein gutes Beispiel veranlaßt. Also es ist alles in gutem Geleis. Daß es bei Ihnen auch so sei, ist mein innigster, steter Wunsch u. Gedanke. Sie müssen es ja fühlen, u. es muß Ihnen Frieden u. Sicherheit bringen - das weiß ich.
Immer wie in Ilmenau
Ihre Käthe.

[li. Rand] Grüßen Sie Ihren Vater herzlich. Von Aenne auch schöne Grüße. Daß Böhm Ihnen das Honorar für Juli aufnötigte, freut mich riesig. Ich hoffte es immer. Ich brauche nichts, behalten Sie es ja!