Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16./17. August 1910 (Hermesberger Hof)


Hermersberger Hof. 16. Aug. 1910.
Mein geliebter Bruder.
Diese Antwort wird Sie nicht mehr vor der von Frau Riehl angegebenen Zeit erreichen. Ob Sie sie inzwischen sahen? Ich schreibe dennoch gleich, denn meine Gedanken sind lebhaft bewegt von Ihrer Mitteilung, u. schmerzlich empfinde ich alles, was Sie um die Ruhe bringt. Aber Sie sollten sich von diesem Schreiben nicht so verstimmen lassen, denn ich empfinde trotz allem daraus so viel persönliches Wohlwollen, daß Sie das versöhnen müßte. Ich kenne ja Ihren Brief nicht, auf den dies die Antwort war, u. kann darum auch nicht ganz Ihren Eindruck ermessen. Aber Sie sind wohl enttäuscht, auf tiefere Fragen kein Eingehen zu finden, sondern nur ein Verhandeln über äußere Kleinigkeiten des Umgangs. Es ist seltsam, daß ich diese Absicht gleich damals hinter der offenherzigen Frage der Frau Geh. Rat, ob sie Ihnen gelegentlich die Meinung sagen dürfe, vermutete. Daß sie dies gerade jetzt schrieb u. nichts anderes, kommt wohl aus einer gewissen Befangenheit, daß sie es aber schrieb, ist doch ein Eingehen, aus dem Sie nur wirkliches Interesse entnehmen können. Es sind eben auch nur Äußerlichkeiten, die sie an Ihnen zu verbessern findet. Mir fehlt in diesen Ausführungen nur eine gewisse Klarheit, die ich gerade bei dieser Frau vermutet hatte. Jedenfalls aber glaube ich, mein lieber Liebling, daß es nicht Schwäche, sondern Einsicht wäre, wenn Sie in diesen konventionellen Dingen ihrer Führung vertrauten, denn Sie wollen doch in der Tat die äußere Form beherrschen, um sich darin frei zu fühlen. Sie selbst finden im Leben diese Dinge nicht so nebensächlich, u. - wir sprachen ja auch in Ilmenau davon - warum, wenn Sie Wert darauf legen, nehmen Sie einen Rat in diesen kleinen Äußerlichkeiten nicht an? Mir scheint es ein Gewinn, wenn Sie die erstrebte Sicherheit durch gelegentliche leise Winke dieser Ihnen so wohl gesinnten Frau erlangen würden.
Ich verstehe ja wenig von gesellschaftlicher Routine u. habe niemals Übung darin gehabt. Ich muß darin der Eingebung des Moments vertrauen u. suche mir nach Möglichkeit den einfach natürlichen Ausdruck. So verstehe ich z. B. nicht, warum es nicht geeignet sein soll, "hochgeehrte Frau" zu schreiben. Darin empfinde ich gerade umgekehrt. Ich finde im "Ehren" nur die übliche Achtung, das "Verehren" ist mir durchaus persönlich. Aber vermutlich hat hier Frau Riehl die Erfahrung der Weltdame für sich. Darum - es ist dies wohl eine Gelegenheit, die Sie ohne Verstimmung nützen sollten, um mehr Gewandtheit zu erlangen in der Kunst, glatt u. ohne Anstoß an der Oberfläche zu schwimmen. Denn weiter bezweckt es doch nichts. Es sind doch nur ganz äußerliche Menschen, die danach urteilen, anderen wird auch eine gelegentliche Ungewandtheit den Eindruck nicht trüben, den eine ausgeprägte Persönlichkeit macht. Sie sind sich bewußt, die Form des Umgangs nicht einwandfrei zu beherrschen, u. doch zweifle ich nicht, daß man Sie nicht leicht untertaxieren wird. Ich meine, wie der Stil sich formt, wo der Gedanke zur Klarheit gestaltet ist, so muß auch gesellschaftlich der Mensch eine Form des Umgangs finden, in der er sich mit Selbstverständlichkeit ausdrückt. Ob das die konventionelle ist, scheint mir nebensächlich, u. ihre übertriebene Schätzung bringt um die Unbefangenheit. Nur wo ich einen direkten kleinen Verstoß sähe, würde ich ihn zu bessern suchen. Und mein Liebling weiß, daß ich ihm gern so ein paar Kleinigkeiten abgewöhnt hätte, - ob es nun die Frau Riehl tun wird? Ich kenne Sie doch nun schon so lange u. weiß, wie sich manche Übertreibung abgeschliffen hat, so wird es auch eine gelegentliche Gewohnheit tun, die Ihrer gesellschaftlichen Stellung nicht entspricht. Ich vertraue darin unbedingt Ihrer Feinfühligkeit u. habe eigentlich immer nur ein gewisses Übermaß von Formalität störend gefunden.

Mittwoch. 17. Aug.
Ob Sie wohl inzwischen mit sich zu den gleichen Resultaten kommen? Ob Sie von mir anderes zu hören wünschten? Ich kann es nicht wissen u. kann auf jeden Fall nur schreiben, wie ich denke. Es quält mich das Bewußtsein, daß nun, nach einer so wirklich ungetrübten Zeit seelischer Ruhe doch Ihre Nerven so empfindlich sind. Lassen Sie es nicht anwachsen, mein kleiner Bruder, man übt sich auch im Widerstand dagegen, ich weiß es. Sie brauchen doch im Grund nur irgendwie einen Standpunkt darüber zu suchen. Ich kenne so gut das Gefühl der Freiheit u. innerer Unabhängigkeit, das man sich solchen Widerwärtigkeiten gegenüber erkämpfen kann. Nur solange man druntersteht, haben sie Macht über das Gemüt. Wir sind uns im Temperament sehr ähnlich, u. ich staune oft, wie bis ins Kleinste hinein mir Ihr Wesen u. Tun durchsichtig sind. Lassen Sie mich doch auch aus der Ferne ein wenig mithelfen, die Unebenheiten zu überwinden - wie es uns im frohen Zusammenleben so selbstverständlich war. Ja - man hat gut, Ruhe zu predigen. Ich will ja aber auch das Meinige dabei tun u. ein gutes Beispiel geben. Das ist nicht immer ganz leicht, u. die guten Vorsätze kippen manchmal um. Aenne ist doch noch ziemlich angegriffen u. sehr ungleich im Wesen. Bald intensiv u. eindringlich teilnehend - fast an der Grenze dessen, was mein Freiheitsgefühl ertragen kann, und dann wieder gekränkt, sowie sie meint, daß meine Gedanken ihr unzugänglich seien. Es ist dies, wie Sie wissen, der Grundton unsrer Beziehung seit Jahren, u. ich weiß nicht, wie ich darüber fortkommen soll. Wenn ich nicht atmete, ohne ihr davon Rechenschaft zu geben, wäre vielleicht alles gut. Aber das kann ich nicht ertragen u. will einfach nicht. Aus diesem Grund kommen aber laufend leise Verstimmungen, die sich dann in recht ungeeigneten Äußerlichkeiten entladen. Es ist ein Elend. Was haben Sie zu meinem Konterfei gesagt? Es mag ja ähnlich sein, aber es scheint mir doch recht wenig günstig. Es gibt doch wohl auch mal einen vorteilhafteren Moment. - Von den andern Aufnahmen schicke ich Ihnen hier die Abzüge, die sich leider nicht halten werden, da das Papier nichts taugte. Diejenigen, die Ihnen davon gefallen, bekommen Sie dann nochmal in guter Ausführung. Dies ist halt mal zur Ansicht, denn Sie werden doch auch neugierig sein. Die 3. Aufnahme der Mühle ist ganz minderwertig.
Daß sich die Rechnungen wiederfanden, schrieb ich schon. Es war mir halt ein greulicher Gedanke, wer sie gefunden haben könnte. Geordnet habe ich die Sache noch nicht, u. es wird ja auch in diesen acht Tagen hier noch Zeit dazu sein. Vielleicht bleibe ich sogar noch etwas länger, allein. Ich wollte aber, Aenne bekäme auch Nachurlaub, daß sie sich gründlich erholen könnte. Sie braucht es so dringend.
Mir gehts recht gut. Es ist auch ein unglaublich materielles Leben. Auch die Haare hören auf auszugehen, also - was will man mehr. Aenne behauptet, ich hätte schrecklich viel weiße bekommen, während ich fort war. Das werden halt die Sorgen sein um meinen lieben Jungen. Ich bin froh, daß der Schrank nun in Ordnung ist u. hoffe, so soll sich alles mit der Zeit ordnen. Lassen Sie sichs nicht mehr anfechten, als dringend nötig ist, u. nehmen Sie die Sachen möglichst äußerlich, - als Dinge, die die Seele nicht berühren sollen. Wenn man so nach Freiheit strebt wie wir, dann sollte man auch von allem Kleinlichen immer unabhängiger werden u. sich nicht so leicht verstimmen lassen! Jetzt sind wir schon wieder über eine Woche getrennt. Die Zeit ist lang seitdem, u. doch ist mirs auch wieder, als hätten wir erst eben Abschied genommen. Grüßen Sie Ihren Vater herzlich. Hoffentlich geht es ihm gut? Verständigen Sie sich gut mit ihm? - Aenne grüßt vielmals. Und ich? O, Sie wissen ohne Worte, mein Liebster, wie ich Ihrer gedenke.
In Treue
Ihre Schwester.