Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. August 1910 (Hermesberger Hof)


Hermersberger Hof. 22. Aug. 1910.
Mein lieber Freund.
Eben kommen wir völlig durchnäßt von einem sehr schönen Weg. Nun sind wir umgezogen, mollig warm, Aenne liegt lesend auf dem Bett, u. ich beschlagnahme den einzigen Tisch. Es war den größten Teil der Nacht gewittrig, aber es zog immer um uns herum, so daß wir nur die Abkühlung u. heut noch einige kräftige Güsse davon bekamen. Gestern war der erste eigentlich warme Tag. Sonst ists wohl immer schön, aber doch wohltuend frisch hier oben. Und nachdem wir jetzt noch recht tüchtig ausgewaschen wurden, strahlt wieder die Sonne, u. die Luft ist durchsichtig u. duftig. Sie sollten nur mal sehen, wie gut mir dies Klima bekommt. Aenne versichert mir es täglich, ich würde zunehmend dicker u. wohler meine Nase wäre ordentlich weniger groß. Also, nicht wahr, Sie sind nun zufrieden darüber u. machen sich keine unnötige Sorge? Schicken Sie mir doch, bitte, bitte, die Abzüge von meinem Ilmenauer Bild wieder, wenn es Ihnen ja doch keine Freude machen kann. Es ist in der Tat gar kein Ausdruck darin, nur das ungemütlich Starre, das mir ein phot. Apparat immer verursacht. Daß ich außerdem etwas kümmerlich aussehe, kommt abgesehen von den natürlichen Altersfalten von den durch verschiedentliches schlechtes Schlafen etwas maroden Nerven. Aber Sie, mein liebster Bruder, dürfen sich daran ganz gewiß keine Schuld zurechnen. Wenn man photographieren könnte, wie es in mir aussah in Ilmenau, dann hätte es ein Bild voll Glück u. Sonne gegeben. Denn ich war - ich bin unendlich glücklich; u. ich werde es sein, solange ich das Gefühl haben darf, daß auch Ihnen diese Zeit wirksam bleibt als eine heilende, schützende Kraft. Was könnte ich denn Höheres wünschen, als beitragen zu dürfen zu Ihrer Befreiung, zur inneren u. äußeren glückseligen Entfaltung! Wie ganz ist das, was Sie sagen nach meinem Sinne: Wir wollen "fest u. ohne Selbstquälerei in der Gegenwart stehen", "uns tragen lassen von der Gewißheit eines unverlierbaren Besitzes." Nicht damit die Zukunft doppelt dunkel erscheine, war es in Ilmenau so hell, sondern damit das Leben davon durchleuchtet werde u. das Herz stark u. freudig. Wohl ist es natürlich, daß man zuerst nur den Kontrast empfindet, aber es wäre unrecht, sich davon beherrschen zu lassen. Und darum gehe ich freudig weiter mit Ihnen, zu neuem Streben u. Überwinden.Wir wollen nicht die Augen zumachen vor dem Schweren, das auf uns liegt, wir wollen es auch einander nicht verbergen, aber wir wollen es dann auch gemeinsam freudig durchkämpfen. Ist es nicht schon Ruhe, wenn man sich aussprechen kann? Das ist wohl manchmal etwas, was mich quält: zu wissen, daß das aus der Ferne so oft nicht möglich ist u. daß es doch so vieles von selbst ebnen könnte. War nicht die Verstimmung von Schwarzburg verflogen, als wir endlich davon geredet hatten? Wie viel wächst in uns zu erdrückender Größe, weil wir nicht davon sprechen wollen oder können! Ich habe mir am letzten Sonnabend auf dem "Humboldt-Felsen" unter dem sternklaren Himmel in der dämmernden, nächtlichen Waldeinsamkeit all den Druck einmal von der Seele geweint. Will doch die heilige, eherne Stille der friedlichen Nacht auch das unruhige Herz stillmachen. Und dann kam am Sonntagmorgen Ihr lieber, lieber Brief u. klang so ganz mit meinem Sehnen u. Wünschen zusammen. Ja, lassen Sie uns stark sein u. freudig u. alles Kranke u. Schwache überwinden. Ich glaube daran, - denn ich kann glauben - für Sie! Wie können Sie aber nervöse Reizbarkeit als Charakterfehler betrachten wollen? Sie selbst empfinden als hohes Glück die enorme Freundschaft so vieler hochbedeutender Menschen! Glauben Sie, daß die sich alle so täuschen u. wissen Sie nicht ganz genau, daß das alles nicht dem Gelehrten, sondern dem Menschen gilt? Es macht mir freilich Sorge, wenn ich denke, wie so manches rein gesundheitlich in Ilmenau hätte besser sein dürfen, u. ich bin sehr froh, daß Sie jetzt noch nach Möglichkeit nachhelfen. Es ist mir darum auch äußerst lieb, daß Sie die Strapazen der Reise nach Kochberg aufgegeben haben. - Es ist abscheulich, daß die Gewitterschwüle da unten in der Welt nicht nachläßt. Hier empfanden wir es gestern zum erstenmal lästig, u. heut ists wieder herrlich. Könnte ich doch davon zu Ihnen schicken! Wie froh ich über die Lösung des Konfliktes mit Frau Riehl bin, kann ich gar nicht sagen. Auch bei mir war beim ersten Lesen nur das peinliche Gefühl im Vordergrund, das ich sehr intensiv mit Ihnen teilte. Aber ich sagte mir doch, wie kommt diese Frau dazu, so zu schreiben u. suchte mir Motive u. Zusammenhänge zu erklären. Und dann stand die ganze Sache auf einmal ganz anders da, u. ich hoffte dringend, daß auch Sie es so sehen möchten. Ich bin so dankbar, daß Ihnen diese Menschen erhalten bleiben, u. ich glaube, daß mein lieber, so verletzlicher Liebling ein andermal nicht gleich wieder so rabiat sein wird, wenn es sich um Menschen handelt, die er doch kennen kann. Ja, wir haben halt eine Haut zu wenig, u. darum ist jede Berührung gleich so unsanft. Aber - gelt, ich darf doch manchmal dazwischenstehen? - Nein, ich darf es nicht immer Es darf Dir kein Leid geschehen, ich bin doch dazu da zu helfen! Könnte das vergeblich sein? Daß Ihnen Ihr eigenes Bild auch nicht gefällt, tut mir leid. Ich kenne Sie doch so gut in allem Wechsel des Ausdrucks, aber mir gefällt dieses Bild doch. Es ist ruhig, nachdenklich, ohne alle Schärfe u. doch klar. Es hat eine jugendliche Weichheit in den Zügen um den Mund, die erst ganz langsam mit der neuen Gesundheit wiederkehren. Ich liebe das Bild gerade um diesen Ausdruck, obgleich es sonst durch die Stellung des Apparats so von unten unvorteilhaft ist. - Ich habe einen Abzug fein aufgeklebt. Ob Sie ihn für den offiziellen Zweck verwenden können, ist wohl fraglich. Ich weiß auch den Termin nicht mehr. Wenn nicht, dann macht es wohl Ihrem Vater Freude.
Nach allem, was Sie von Nervosität schreiben, fürchte ich, daß Ihr Zusammenleben nicht sehr große Fortschritte gemacht hat. Haben Sie schon über die geplante Veränderung gesprochen? Leider weiß ich gar nicht, wo Tante Grete jetzt sich aufhält, ich würde so gern mal hören, ob durch ihre Vermittlung irgendetwas zu erreichen wäre. - Die Mittel, mein geliebter Bruder, dürfen, auch ohne Stipendium doch natürlich nicht Schwierigkeiten machen. Wir können sie jederzeit flüssigmachen, wie Sie wissen. - Ihre Abrechnung wird schon stimmen, ich will den Kram nun nicht noch einmal durchhecheln. Und die bewußte Summe, auf deren Feststellung Sie solchen Wert legen, betrüge also nach Abzug der circa 200 M meiner Reisekosten 380 M. - Auslagen hatte ich weiter keine, da sie mir in der "Elfrieden"hütte dieselben bereits zurückgegeben haben, was ich glücklicherweise gleich einschrieb, denn sonst wüßte ichs in der Tat nicht mehr. Also, nicht wahr, Sie lassen Ihre Dispositionen nicht von dem Stipendium abhängen? - Ich habe manchmal die Idee, wenn die neue Einrichtung sich in dieser Wohnung durchführen ließe u. bewährte, ob es nicht doch möglich wäre, drin zu bleiben. Die Kosten des Umzugs kämen sicher so bald nicht ein, u. wer weiß denn, ob es sich all der Mühe verlohnte, wenn Sie doch eventuell bald einmal von Berlin fortmüßten. Allerdings, wenn der neue Wirt die Miete steigerte, dann wäre es ja unmöglich. Wieviel ließe sich denn an der Miete überhaupt sparen? Die jetzige Wohnung ist doch verhältnismäßig billig. Wie trifft es sich mit Ostern u. dem 1. April zusammen? Ich denke mir, daß ich doch sehr gern dann kommen würde, Ihnen zu helfen u. daß es vermutlich viel geeigneter u. schöner wäre, Sie könnten zwischen Weihnachten u. Neujahr einige Tage bei uns in Kassel sein. Aber - das ist ja noch lange hin. Jetzt haben wir genug mit der Gegenwart zu tun - wenigstens Sie! Wie schön war das wieder mit der Turnstunde! Wenn ich da doch einmal dabei sein dürfte! Wie beneide ich die Mädels. - Aber nein, so dumm bin ich doch nicht wirklich - wie könnte ich jemand beneiden?! Bis zum nächsten Sonnaben bleiben wir also noch hier, u. dann gehts in das altgewohnte Leben zurück. Über die Konfliktssache machen Sie sich keine Sorgen mehr, mein lieber Freund. Ich werde Ihnen immer getreulich davon berichten, wenn etwas zu berichten sein sollte. Aber ich hoffe, es wird nichts sein, u. ich will die Sache gehenlassen, wie sie einmal eingefädelt ist. Jetzt wäre ein Dementi doch garzu auffällig, u. wenn ich die direkte Lüge umgehe, bin ich ja jederzeit imstande, diese auf die Initiative von Aenne u. Omama zu schieben. Also, wir wollen uns dabei beruhigen. Es hat ja schließlich auch wirklich eine angenehme Seite, nicht vor gleichgültigen Menschen reden zu müssen von dem, was heilig ist! Daß Sie das Th'reschen liebhaben, ist mir so sehr lieb. Ich verdanke ihr sehr sehr viel, u. die Konfliktzeit zwischen uns ist schon lange siegreich überwunden. Es ist eben garzu schwer gewesen, daß sie mich als selbständigen Menschen anerkennen sollte, u. da platzen wir halt aufeinander!
Für die mitgesandten Karten herzlichen Dank. Wie riesig liebenswürdig von Dilthey. Er ist am Ende doch zuverlässiger als Sie meinen. Hoffentlich! Am Sonntag ist nun auch der langweilige Schlips fertig geworden. Aber mit Ihrer gütigen Erlaubnis trage ich ihn erst mal ein bißchen, da ich meinen vergessen habe? Er kommt dann nächstens mal mit. Denken Sie, neulich fand ich an meinem blauen Cape richtig noch so ein blondes Härchen aus Ilmenau. Das war mir doch gerade wie ein direkter Gruß, u. ich sah uns wieder auf der Veranda. - Für Frau Rose kann ich vielleicht von Ihnen auf der Veranda einen Abzug auf eine Ansichtskarte machen, die wir dann gemeinsam schicken? Aber mit u. ohne sichtbare Zeichen lebt in uns die glückliche Zeit u. ihr Segen wird uns geleiten. Und so fortan zu sieghafter Freudigkeit!
In Liebe
Deine Schwester

[am Rand] Aenne läßt herzlich grüßen, ich ebenso alle, bei denen Sie es angebracht finden.