Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. August 1910 (Heidelberg)


Heidelberg, 28. 08. 1910
Wieder in Heidelberg! Sonntag. 28. August 1910.
Lieber Freund.
Dank für Ihre liebe Karte, die mich gerade noch vor dem Abschied auf dem Hermersberger Hof erreichte. So sehr es mich freut, wenn ich Sie so recht in voller, froher Tätigkeit weiß, so möchte ich Sie doch dringend bitten, nicht gleich wieder eine unvernünftige Hetzerei anzufangen. Direkt weh tut es mir, wenn Sie mit gewaltsamer Reizung durch Alkohol Ihre Nerven ruinieren. Rotwein ist ja da immer noch der Barmherzigste, - aber, bitte, tun Sie es lieber nicht. Sie wissen doch, daß Sie jetzt mit treuem Willen dafür sorgen müssen, gesund zu sein!
Ich hielt zuletzt das Nichtstun auf dem H. fast nicht mehr aus. Zum Glück war noch recht gutes Wetter, so daß ich ein paarmal zeichnen u. malen konnte. Ich hätte sicher jetzt den ganzen Tag skizziert. Aber Aenne liebt das nicht. Sie findet es immer unnötig, wenn ich etwas für mich allein tun will. Jeder Brief, den ich schrieb, gab Mißstimmung.Und wenn ich das fühle, dann bin ich gereizt u. geärgert u. denke, so viel Bewegungsfreiheit könne der Mensch doch wohl beanspruchen. Dann bin ich unliebenswürdig u. kratzig, u. fühle mich herzlich bedrückt. Die elektrische Spannung löst sich ja immer wieder in einer freundschaftlichen Aussprache, u. da beiderseits der Wille gut ist, so verständigen wir uns stets. Aber kann es nicht ohne dies gehen? Es ist kein Fortschritt, keine Förderung, wenn man nur immer zu tun hat, das gestörte Gleichgewicht gehörig wieder herzustellen, u. wenn jede unbefangene Art, sich zu geben, Schwierigkeiten bringt. Es ist etwas Seltsames um die Freiheit, die der empfindliche Mensch zum Leben braucht. Ich kenne dies Verlangen u. achte es in andern hoch. Freiwillig kann man alles ertragen, gezwungen nicht! Es gibt ja nicht Höheres als volles, bedingungsloses Vertrauen; aber es ist eine Qual, wenn der andre dies als gewohnten, schuldigen Tribut fordert, jede scheinbare oder wirkliche Zurückhaltung zur Kränkung macht. - Wie oft habe ich gemeint, jetzt müsse es auch einmal wieder anders werden, wenn wir offen u. ehrlich über alle Schwierigkeiten verhandelt hatten. Aber immer wieder kommen die Rückfälle u. verbittern uns das Leben. Jetzt bin ich nun wieder in den eigenen vier Pfählen, finde es recht gemütlich darin u. werde sehr, sehr viel zu tun haben. Hoffentlich findet sich auch mit den Stunden wieder etwas zusammen. - Es ist zum Glück nicht heiß, angenehmer Ostwind, u. ich fühle mich wohl dabei. Leider schlafe ich schon wieder einige Zeit recht mäßig, wenn auch das nervöse Angstgefühl nicht wieder gekommen ist. Ich denke, es soll in einen guten Winter geben, u. wir wollen beide dazu tun, was wir können, nicht wahr?
Mit den herzlichsten Grüßen u. guten Wünschen wie immer
Ihre Käthe.