Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. August/1. September 1910 (Heidelberg)


Heidelberg. 31. August 1910.
Mein lieber Freund.
Heut sind es also sieben Jahre seit unserm ersten gemeinsamen Weg über die Berge? Auch heut ist es sonnig, aber kalt. Ich war allein am Neckar, u. die liebe, wohlbekannte Gegend grüßte mich, u. alles hatte Bezug auf uns! Ich kann doch nirgends gehen, daß mir nicht eine Erinnerung begegnete. - Wenn ich allein bin, u. ich bin ja so viel allein, dann sind meine Gedanken in Ilmenau, u. das Herz ist mir so voll davon, daß ich immer meine, man müßte mirs ansehen. Und es geht doch keinen etwas an, selbst der Aenne kann ich doch nur Äußerlichkeiten erzählen, - das Erleben gehört nur uns allein! Wie schade, daß Sie noch immer den Hermersberger Hof nicht kennen. Er ist bei aller ländlichen Einfachheit doch von dauerndem Reiz für mich. Und all die Versuche, ihn im Bilde festzuhalten, sind doch sehr ungenügend. Die kleine Fernaufnahme ist vom Aussichtsturm, etwa 20 Minuten vom Ort entfernt. Sie sehen mitten drauf den kleinen Haufen Häuserchen, darum die Felder u. sonst nur Wald u. Wiesen, blaue Ferne in endlosen Berglinien nach allen Seiten. Es ist eine Robinsoninsel da oben, u. wenn man sich geeignete Gesellschaft mitbringt, einfach eine idyllische Waldeinsamkeit. Der Sandboden, die teilweise natürliche Vegetation, die launischen Felsformen - alles gefällt mir. Das Stückchen Natur, das ich Ihnen heut von dort schicke, ist mir besonders ans Herz gewachsen, durch mancherlei, was ich da still erlebte. "Humboldt-Felsen" haben wir sie genannt, weil wir im vergangenen Jahr dort Ihren Humboldt lasen. Und diesmal war ich dort im Frieden einer klaren Nacht - um Frieden zu finden. Was ist so ein kleines Lebewesen auf den großen Steinen, daß es sich so wichtig dünkt? Was ist dies große endlose Leben ringsum, das uns geheimnisvoll u. dunkel umgibt u. aus dem nur einzelne Lichtpunkte strahlen, uns den Weg zu zeigen? Warum liegt es wie ein schweres, erdrückendes Verhängnis über mir, da doch in meinem Herzen so klare, warme Sonne scheint? Aber ich habe es versprochen, ich lasse mich nicht "unterkriegen", u. es ist jetzt ein stiller Mut in mir, der nichts mehr fürchtet. Wie unendlich dankbar bin ich für die guten Nachrichten, die Sie mir schickten. Nun ist doch wenigstens eine gewisse Sicherheit gegeben, u. Sie fühlen sich freier u. sicherer. Das Vierblättchen bürgt Ihnen für eine gute Zukunft. Ich fand es mit diesem Gedanken als "Zeichen", das ich mir wünschte. Wenn es nur mit der Gesundheit besser wäre. Ich habe das im Voraus gefürchtet u. konnte doch nichts daran ändern. Ich wäre so viel ruhiger gewesen, wenn ich noch hätte für Sie sorgen dürfen, bis Sie eine wirklich tüchtige Kraft für die häusliche Arbeit gefunden haben. Aber wie hätte das sich einrichten sollen? Es ging ja nicht. - Kann denn nicht die Frau Endriat wieder kochen? Sind Sie auch mit dem Trinken vorsichtig? Nehmen Sie nicht mal wieder Tamalbin? Das ist doch heilend u. dabei harmlos. Bitte. Die Idee, in der Küche mit einem Vorhang eine Schlafstelle abzugrenzen, finde ich entschieden das Beste. Da die Küche abends nicht mehr als Durchgang benutzt zu werden braucht, ist es auch wirklich nicht weiter störend für das Mädchen, da sie ja für ihre Sachen u. zum Anziehen die Kammer hat. Wenn sie nur ordentlich kochen kann u. überhaupt was versteht! Es wäre so angenehm, jemand zu haben, der persönlich empfohlen ist. Denn die Möglichkeit zu veruntreuen ist grenzenlos, wenn es eine recht versteht. - Aber daß Sie in dem geheizten Wohnzimmer schlafen sollten, wäre mir für Ihre Gesundheit gar nicht recht. Das kleine Schlafzimmer ist ja eng u. dunkel, aber es kann den ganzen Tag lüften, das andre aber wird doch bis abends bewohnt. Nach all der Engigkeit, in der man sich auf Reisen mit seinen Sachen herumdrückt, finde ich, daß ich hier zu Haus mit Raum, mit Luft, Licht u. Reinlichkeit sehr verwöhnt bin. Noch gibt es ja keinen Kohlenstaub von der Heizerei wieder! - Von den Bekannten sind viele noch verreist. Die wenigen, die ich sah, haben mich weiter nicht ausgefragt, so daß ich ohne Schwierigkeit durchkam. Wenn es also weiter so geht, bin ich ganz beruhigt, u. Sie sind es jetzt auch, nicht wahr? Morgen vormittag kommt Ella Grassi zu mir. Sie wissen doch, der kleine Blaustrumpf aus Rom. Sie hat jetzt ihre sämtlichen Staatsexamen mit 1 gemacht u. wollte nun an die Doktorarbeit! Da zeigte sich seit einiger Zeit, daß die Pupille des einen Auges unbeweglich weit offenbleibt. Der Arzt hält diese Lähmung für höchst bedenklich; sie soll nicht lesen, nicht arbeiten, überhaupt das ganze Studium aufgeben. Das ist ungefähr, als wenn man ihr das Atmen verbieten wollte, denn sie lebt vollständig in diesen Ideen. Jetzt wollte sie von Eucken: Geschichte der neueren Philosophie (Wie ich am Buch sehe, heißt es: Lebensanschauungen großer Denker.) lesen u. soll doch nicht. Da habe ich ihr angeboten, ihr täglich eine Stunde vorzulesen. Sie werden das arme Mädel bedauern, daß sie das anhören soll. Aber ich denke, es ist doch besser, als wenn sie ihren Augen schadet. - Wollen sehen, ob ich nicht ein wenig dabei lernen kann. Sonst habe ich, seit ich hier bin, außer ein wenig Zeitung, noch nichts gelesen. (Wer bringt Ihnen denn jetzt die Morgenzeitung?!) Das Photographieren kostet greulich viel Zeit, u. es kommt doch wenig Ersprießliches dabei heraus. Es ist halt in erster Linie eine nette Erinnerung. Wie finden Sie denn die Nagelschuh? Ich bin noch sehr viel müde, obgleich die Luft für Heidelberger Verhältnisse sehr erträglich ist. Ich bin eben doch ein recht kümmerliches Subjekt, wie Sie nun aus eigener Anschauung wissen. Aber ich freue mich, daß es viel Arbeit gibt, das macht frisch. Ich bin begierig, ob sich wieder Stunden finden werden. In Mannheim fängt es nach den Ferien stramm wieder an. Auf den Jungen freue ich mich. Wenn nur irgendjemand für mich all die unangenehme Flickerei u. Näherei machen wollte, die sich so im Laufe der Monate angesammelt hat.

Am 1. Sept. - Sie sehen, lieber Freund, aus meinem Leben ist Positives gar nicht zu melden. Fast erscheint es mir nur wie ein geschäftiger Müßiggang. Hier kommt nun auch endlich der Schlips, von dem schon die Alten sagten. - Ob der nun recht in der Breite ist? Und ob Sie es wohl merken, wieviel, viel liebe Gedanken da mit hineingestrickt sind? Eigentlich hatte ich auf einen Gruß gehofft gestern. Aber Sie werden halt keine Zeit haben. Hetzen Sie sich nicht so ab. Warum mußte das mit der Fortbildungsschule gerade jetzt sein, wo Sie sich doch noch schonen sollten? - Die Karte an Frau Rose liegt bei. Vielleicht schreiben Sie in meinem Namen mit? Oder Sie schicken in einem Brief wieder mit, daß ich Gruß u. Namen unterschreibe sie. Und so wie bisher in lebensfroher Gemeinsamkeit!
Treue Grüße von
Ihrer Käthe.