Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. September 1910 (Heidelberg)


Heidelberg. 3. Sept. 1910
Lieber Freund.
Es war durchaus nicht meine Absicht, schon wieder zu schreiben. Aber Ihr Brief hat mich in eine solche Unruhe versetzt, daß ich nicht anders kann.
Es ist nun alles so, wie ich fürchtete, u. weshalb es mein dringender Wunsch gewesen wäre, die erste Zeit nach Ihrer Rückkehr noch die häusliche Fürsorge für Sie übernehmen zu können, bis eine geeignete Kraft gefunden war. Wie hat mich das schon in Ilmenau gequält! Die Erholungszeit war zu kurz, um dabei einen Vorrat an Kräften zu sammeln. Sie waren nur gerade eben wieder auf der Höhe. Jetzt müßte nun erhalten werden - u. das verstehen Sie nicht. Lieber Freund, Sie sind doch in allem so einsichtig u. praktisch. Bewähren Sie es auch jetzt. Stürzen Sie sich nicht so übermäßig in die Tätigkeit. Sie wissen, wieviel Sie auch mit halber Kraft schaffen können. Es ist geradezu Unrecht, wenn Sie jetzt die ganze Frische gleich wieder verpuffen. Und vor allem, lassen Sie die zweckmäßigere Lebensweise gleich einsetzen, lassen Sie von Frau Endriat (?) kochen, u. wenn es doch auf absehbare Zeit ist, wird sie schon etwas länger bleiben, um dafür zu sorgen. Es brauchten ja z. B. nur 4 Tage in der Woche zu sein. Das ist doch immer schon besser als lauter Hotelessen. Wenn die Schwester von Fr. E. geeignet wäre, das würde ja eine recht gute Lösung der Sache sein. Was hat sie denn bisher für eine Stellung ausgefüllt? (War sie schon selbständig tätig?) Hatten Sie Antwort von der anderen?
Wenn die Schwester von Fr. E. krank war u. ohne Dienst, dann kann sie womöglich schon zum 15. kommen?
Leben Sie doch lieber für einige Tage mal von Hafersuppen, Gries, weißem Fleisch, (wie: Kalb, Geflügel etc.) bis Sie wieder in Ordnung sind. Es hat doch gar keinen Sinn, wenn Sie aus Rücksicht mit im Gasthaus essen u. es gar nicht vertragen. Sie kommen einfach um die Kräfte dabei. Ich glaube, daß Sie eben im Grunde gar nicht vernünftig Rücksicht nehmen auf das, was für diesen Fall heilsam ist. Z. B. daß Sie mit griechischem Wein kurieren wollten. Das hat doch gerade die umgekehrte Wirkung. Rotwein ist das Einzige, wegen des Gerbsafts.
Lassen Sie sich Krankenkost, aber gut u. nahrhaft, von Fr. E. machen. Es darf der Kostenpunkt nicht maßgebend sein, denn es steht zuviel auf dem Spiel, wenn Sie jetzt nicht alles daransetzen, gesund zu sein. - Bitte, schlagen Sie diese Mahnung nicht in den Wind, mein lieber Bruder. Überlegen Sie ernstlich, was gleich geschehen kann. Die Absicht, Oktober an die See zu gehen, ist gut, u. die behalten Sie ja bei. Aber das kann keine Wunder wirken, nur eine momentane Erfrischung sein.
Nehmen Sie es nicht für eine Arroganz, wenn ich sagen möchte: Sie müssen etwas für sich sofort tun - um meinetwillen. Nicht nur um mir die momentane Sorge zu nehmen, die mich wirklich ganz krank macht, sondern auch um mich zu befreien von dem Gefühl, daß ich alles eben doch nur halb tun konnte. Ich habe das von Anfang an gefürchtet, als ich Sie wieder in diese ungesunde Lebensweise zurückgehen lassen mußte. Aber wenn Sie wollen, müssen Sie ja eine Möglichkeit finden, sich durchzuhelfen, bis die Wirtschafterin kommt. Nur tun Sie gleich etwas. Und nehmen Sie Tennelbin. Das kann natürlich nicht mit einem Pulver 0wirken, das muß man länger fortsetzen. Wie können Sie bei Kräften bleiben, wenn die Ernährung so aussetzt!
Reden Sie recht eingehend u. lieb mit Ihrem Vater. Stellen Sie ihm die Notwendigkeit vor, als wenn ich mit ihm redete - er kann doch auch nicht wollen, daß all der gute Erfolg gleich wieder verloren geht.
Und vor allem, ärgern Sie sich nicht - lassen Sie uns einen Gewinn an ruhiger Freudigkeit aus unserm Ilmenauer Waldesfrieden in die Tagesunruhe herüberretten. Es soll sich der Geist dieser Tage doch an uns als rechte Lebenskraft bewähren. (Es klingt aus Ihrem Brief soviel Nervosität u. Verstimmung. Und wir wollen doch beide versuchen, sie zu bannen!? Können Sie nicht mal alles abschütteln - mir schicken? Vor allem sorgen Sie aber für eine gesunde Lebensweise).
Noch immer vermisse ich den steten Gedankenaustausch schmerzlich. Ich sinne über vieles, was wir auf unsern Wegen sprachen, u. ich möchte den Fortschritt in den rel.-phil. Fragen miterleben können. Es war mir so seltsam, jetzt in Ihren Gedanken manches zu finden, was Sie früher scharf bekämpften. Lösen die Lebenserfahrungen notwendig einen Entwicklungsverlauf der Überzeugungen in uns aus über diese letzten Dinge, die nur durch das Gefühl zugänglich sind? Kommt diese göttliche Welt nur aus uns selbst? Ist Gott nur das, als was wir ihn erleben können? Für uns jedenfalls - u. so soll es unsre Sorge sein, daß er in uns lebe u. mächtig sei! Ich habe nie im Leben so das Gefühl der Abhängigkeit von einer höheren Macht gehabt wie in diesen letzten Monaten u. doch auch nie zugleich soviel eigene Initiative. -
Aber es ist spät, u. ich bin sehr müde. Es ist hier gar nicht heiß, nur so viel feuchte Luft, die nichts für Nerven ist. So mag es auch bei Ihnen sein. Aber vor allem müssen Sie so schnell es geht für die Durchführung einer zweckmäßigen Ernährung sorgen. Das ist die notwendigste Basis, auch für gesunde Nerven. Kann man denn nie über mein liebes Sorgenkind beruhigt sein? Aber machen Sie mir nun nicht etwa zum Trost blauen Dunst vor! Das würde gar nichts nützen, sondern helfen Sie kurzerhand dem Schaden ab. Es wäre vielleicht doch noch günstig gewesen, hätten Sie ein wenig Nachkur bei Frau Paulsen halten können? Und die Aufsätze haben Sie nun doch übernommen. Wenn es doch nicht gar soviel Arbeit wäre! Wenn ich ja mal wieder Korrekturlesen dürfte, würde michs sehr freuen.Oder mache ich es nicht brauchbar?
Ich bin immer sehr dankbar für Ihre lieben Briefe, denn ich weiß, wie selten Sie wirklich Zeit haben. Aber ich möchte doch immer noch vielerlei fragen, z. B. ob Sie in Frohnau jemand befürchten - was Sie für Böhms Jubiläum alles planen - ob Frl. Glinzer die Oberlehrerin aus Hamburg ist, von der ich einen so netten Brief las? Sie ist vermutlich nicht von der "bewegten" Sorte.
Sagen Sie mal, was ist mit dem Schlips? Hat er die Farbe verändert? Das könnte nur von Plätten sein. Sein Sie mal ehrlich, u. schicken Sie ihn gelegentlich mit zurück, wenn er nichts taugt. Gewaschen ist er nicht, auch nicht mit einer einzigen Träne! -
Gerechnet habe ich nun auch, da ich hier ja doch erst mit dem Bestand von früher u. den alten Abrechnungen ins Klare kommen konnte. Gestimmt hat die Sache nicht sehr. Aber wenn Sie gewiß wissen, daß Sie mir nichts gegeben haben u. ich also wohl die Notiz nur für das machte, was Sie in die Rechnung aufnahmen, so ist das ja eine wesentliche Aufbesserung für meinen Bestand. Ich denke nun, wir wollen uns also auf halbem Wege einigen u. 400 M als Summe annehmen u. nun aber auch nicht mehr davon reden - ja?
Hier kommen noch die 2 gewünschten Bilder. Brauchen Sie noch welche?
Aenne läßt herzlich grüßen. Sie ist sehr lieb.
<li. Rand> Und Sie, mein Bruder, seien Sie es auch, u. sorgen Sie gut für sich um meiner Ruhe willen. Grüßen Sie Ihren Vater. -
In treuem Gedenken Ihre Schwester.