Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. September 1910 (Heidelberg)


Heidelberg. 16. Sept. 1910.
Lieber Freund.
Dank für Ihre Karte vom Liegnitzsee! Sie trägt den Poststempel vom 14. u. zwar zwischen 10 u. 11 Uhr vormittags in Wandlitz. Da Sie schon vier Stunden unterwgs waren, kann das doch unmöglich stimmen? Sind Sie noch bis Bernau gegangen? Wenn das nur nicht zu anstrengend war, anstatt Sie zu erfrischen.
Was mag Dr. Oesterreich aus Tübingen erzählt haben?
Sie sehen, liebster Bruder, ich stecke voller Fragen, u. Sie werden schwerlich dazu kommen zu antworten. Denn man müßte eben reden können, um von all den kleinen Dingen des täglichen Lebens so ausführlich berichten zu können.
Waren Sie mal wieder in Neubabelsberg?
Ich habe von mir eigentlich gar nichts zu berichten. Es geht mir durchschnittlich ganz gut, nur bin ich auch immer müde. Ich habe mich recht geplagt damit, mir eine Bluse zu nähen, u. nun sie beinah fertig ist, gefällt sie mir nicht. - Morgen, endlich, wird die erste Stunde wieder in Mannheim sein. Im übrigen wird wohl mein kleiner Zeichenkurs einschlafen, denn die Göckelsche Vorschule, die mein Publikum lieferte, ist eingegangen. Nun müssen die Kinder in Volksschulen oder sonstige Unterrichtsanstalten u. haben keine Zeit mehr zum Extrazeichenunterricht. Schade!
Wenn ich jetzt so täglich mit der Ella Grassi zusammenkomme, muß ich daran denken, ob sie Ihnen wohl gefiele. Sie ist ein so kluges, liebenswürdiges Menschenkind, aber vermutlich hätte sie auch das gewisse Etwas, das Ihnen an der Ada so mißfiel. Sie ist auch in allen Frauenfragen sehr unterrichtet, ohne besonders radikal zu sein. - Augenblicklich ist sie durch die Krankheit, die störend in all ihre Lebenspläne eingreift, sehr deprimiert. Da es wissenschaftlich mit absoluter Skepsis über allgemeine Lebensanschauung zusammentrifft, hat sie es natürlich doppelt schwer. Aber sie ist klar, energisch u. tüchtig, sie wird es schon überwinden.
Ist eigentlich der Stand der Wissenschaft bei den verschiedenen Nationen auch heute noch ein sehr wesentlich anderer? Sie las neulich Ihren kl. Aufsatz über Psychologie u. Verstehen u. behauptete dann, das sei in Italien gar nicht mehr fraglich. Sie habe von ihrem Geschichtsprofessor umgekehrt gehört, daß er, ausgehend von der Annahme, Geschichte sei Kunst, zu beweisen suchte, daß sie auch Wissenschaft sei. Mir scheint bei diesem Urteil die Frage aber etwas äußerlich gefaßt, denn es handelt sich doch in Ihrem Aufsatz wohl darum, auch in diesem "Verstehen" der künstlerisch schaffenden Phantasie auf das gesetzmäßig Gebundene hinzuweisen u. hier ein tieferes Eindringen zu suchen.
Es ist natürlich schwierig für Ella, sich deutsch so eingehend auszudrücken, wie sie wohl italienisch könnte, denn sie spricht doch erst in zweiter Linie deutsch.
Am Montag kommt Schwester Aenne für 2 Tage hierher, von Darmstadt aus, wo sie zur Hochzeit einer Freundin ist. Da werde ich doch mal wieder von der Familie ausführlicher hören. Sie war gerade auch bei Paul Ruges.
Ich will diesen Brief morgen früh mitnehemen, wenn ich nach Mannheim fahre, damit Sie zum Sonntag einen Gruß haben. Eigentlich ist ja doch der Hauptgrund der, daß ich Ihnen sagen wollte, der Mantel ist gestern, Donnerstag früh, an die bew. Adresse abgegangen! Also würden Sie ihn Montag dort wohl antreffen. - Ich bin so unglaublich müde, daß ich heut nicht mehr schreiben <am Rand von Seiten 4,3,2,1> kann. Ich hoffe von Herzen, daß es Ihnen gut geht. Sie haben ja doch die Pflicht, dafür zu sorgen. Dr. Coss war zu einem kurzen Besuch da, ist noch einmal verreist. Er läßt Sie grüßen u. auch dringend mahnen, Ihre Kräfte zu schonen u. für die Vorlesungen zu sparen. - Ich war in Gedanken mit Ihnen am Liegnitzsee, u. wenn Gedanken in die Ferne reichen, dann müssen Sie fühlen, wie ich immer bei Ihnen bin u. doch nun auch wieder mit meinem stillen gewohnten Dasein ins Gleichgewicht komme. Das ist immer eine Arbeit nach den Ferien. Aber diesmal war es besonders schwer.
In Treue
Ihre Schwester Käthe.