Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18./19. September 1910 (Heidelberg)


Heidelberg. 18. Sept. 1910.
Sonntag
Lieber Freund.
Welch ein sonniger, wonniger Tag ist draußen! So recht, als müßten einem Flügel wachsen.
Das war vor acht Tagen, u. da kam Aenne, u. seitdem war keine Ruhe mehr zum Schreiben. Inzwischen hatte ich einen lieben Brief von Ihnen mit allerhand Neuigkeiten, der als "Karte" gelten will, u. Ihnen sagten die üblichen Herbstzeitlosen, daß in Heidelberg immer noch alles so ist, wie zu der Zeit, da Sie noch herzukommen pflegten. - Am Montag u. Dienstag war das kleine große Aennchen hier. Das ist doch ein ganz besonders liebes, reizendes Mädel. Dadurch, daß wir uns so selten sehen, kenne ich sie ja leider nur sehr wenig, aber man gewinnt immer den Eindruck einer ernsten, vertieften u. liebenswürdigen Natur. Dabei ist sie so glücklich mit ihrem Karl, daß man seine reine Freude daran hat. Es war sehr hübsch, wie sie gelegentlich von Hermann sprach, daß wohl sein Gefühl für Gerta mehr Leidenschaft gewesen wäre u. dies jetzt die ware ruhige, klare Liebe. - Ich befragte sie auch darüber, ob sie auch gehört habe, daß Hermann nicht auf mein Kommen zur Hochzeit rechne. Aber sie meint, was ja auch mir von Anfang selbstverständlich war u. wovon mich nur Aenne durch Hermanns angebliche Äußerung abbrachte, daß ich natürlich dazu erwartet würde. Also werde ich ja wohl voraussichtlich hinreisen. Es ginge mir sehr gegen das Gefühl, nicht dabeizusein, u. nur der Verstand u. die Vorstellung, daß man es gar nicht erwarte, hatten mich zweifelhaft gemacht. Sie waren ja gleich nicht dafür.
Sehen Sie, das ist auch so ein Fall, in dem Aenne sehr intensiv u. bestimmend sich mit meinen Angelegenheiten befaßte, ohne daß es förderlich gewesen wäre! Es ist die natürliche Folge, daß ich mich innerlich mehr u. mehr dem Einfluß entziehe, den ich ungewollt viel mehr kritisiere als früher. Noch ist das gedeihliche Gleichgewicht nicht wieder so recht gefunden, u. ich empfinde das Mißverhältnis oft schmerzlich. Denn es äußert sich oft in einem kühlen u. ablehnenden Benehmen meinerseits, das die arme Aenne kränkt, ohne daß ich es ändern kann. Es ist keine Absicht, keine Verstimmung oder Vorwurf in mir, aber in jedem einzelnen, oft ganz unbedeutenden Fall eine offene Opposition gegen die sanfte, aber unerbittliche Liebesdespotin, die mir unerträglich geworden ist. So gibt es auch hier Schwierigkeiten im Zusammenleben, die ich mir zur Schuld anrechnen muß u. über die ich doch noch immer nicht erfolgreich fortkommen kann. - Denn es ist nicht wahr, daß Erkenntnis der erste Schritt zur Besserung ist, wenigstens bei mir finde ich es nicht; sondern im geeigneten Moment falle ich immer wieder in denselben Fehler.
Sonst geht es mir entschieden jetzt besser, nur habe ich ziemlich häufig Kopfweh, was ich sonst kaum kannte. - Mit den Stunden ist es in der Tat jetzt nichts. Die Vorschule nahm die Kinder nur täglich 1 1/2 bis 2 Stunden in Anspruch, so daß Sie Zeit zu anderem übrig behielten, das ist in der Volksschule aber nicht möglich. - In Mannheim war die erste Stunde wenig erfreulich, denn der Junge war sehr verträumt u. hat viel vergessen. Aber gestern ging es schon wieder besser. - Als Ersatz für die fehlenden Stunden hatte ich ein paar medizinische Zeichnungen zu machen. Es ist ja kein Genuß, aber das ist ja nicht der Zweck der Übung, u. das Verdienen ist doch sehr erwünscht. - Daß das Daheim so gut bezahlt, finde ich sehr fein. So sollte sich mehr finden nebenher u. Sie sich wirklich entschließen, die Schule aufzugeben. Ich mochte nicht ernstlich dazu raten, weil ich glaubte, daß Ihnen dieser Verkehr ein seelisches Bedürfnis sei. Wenn Sie aber selbst merken, daß Ihnen der große Wert nicht mehr darin liegt, dann fürchte ich mehr davon für die Zersplitterung Ihrer Zeit, als ich Gutes darin sehen kann. Läßt es sich noch entscheiden, überlegen Sie es doch recht ernstlich, u. lassen Sie nicht Rücksichten oder Gewohnheit bestimmend sein.
Wie werden Sie es nur mit der Wohnung halten? Am 1. Oktober muß sich das doch entscheiden. Und daß dann eine ständige Hilfe in Ihrem Hause tätig sein wird, ist mir ein sehr tröstlicher Gedanke. Wie gern hätte ich Ihnen die Sorge für die Einrichtung dieser Sache abgenommen; aber Sie haben alles so gut u. energisch eingeleitet, daß Sie die schwesterliche Fürsorge wohl gut entbehren können. Hoffentlich haben Sie den Raum hell tapezieren lassen, das macht luftiger u. größer. -
Ist es in Berlin auch so kalt? Hier könnte man wirklich heizen, u. ich tue es eigentlich nur aus Bequemlichkeit u. Geiz noch nicht. Hie u. da gibt es aber doch noch schöne Herbsttage. - Ist es nicht seltsam, wie die Menschen jetzt auf einmal die Luft durchfliegen? Aber gewagt bleibt es doch, u. die Natur rächt sich für das Ertrotzen der Flügel, die sie versagte, nur zu oft. - Wer könnte die Erdenschwere überwinden! Wohl gibt es Zeiten, wo wir die Fesseln vergessen; aber es ist nur eine Kurve, die wieder zur Erde führt. Ohne Unfall hier wieder zu landen, das ist die Schwierigkeit. So trägt uns die Phantasie über die enge Wirklichkeit, aber in ihrem Walten das zwecklose Spiel von der tragenden, gestaltenden Kraft zu scheiden, das ist täglicher Lebensinhalt. - Mit welch inniger Freude habe ich den Ilmenauer Aufsatz wieder gelesen - u. doch auch neu gelesen, denn er hat sich unter ihren Händen noch sehr gewandelt, u. ganz im Zusammenhang kannte ich ihn ja nicht einmal. Das sind Fragen, die für mich wahres, lebendiges Interesse haben u. deren Entwicklung mich persönlich berührt. Der Aufsatz selbst ist ungemein klar u. schön in der Form u. entzückt mich sehr. - Ob sich vom rein wissenschaftlichen Standpunkt Resultate daraus ergeben, ob es eine Brücke geben wird von der Erforschung der Einzelelemente zu diesem "Verstehen" vom Ganzen aus - ob die Phantasie mit ihren Analogieschlüssen je wissenschaftlich in Konkurrenz treten kann mit den Beweisen des Verstandes in den Kausalzusammenhängen, das weiß ich natürlich nicht. Es scheint doch, daß sie allein der Erfassung des Organischen gewachsen ist, das der Verstand nur als Mechanismus begreifen kann. Ihre objektive Berechtigung u. Gesetzmäßigkeit zu erweisen, heißt doch jedenfalls, dem Forschen u. Gestalten am Weltbilde neue Wege eröffnen in einer Zeit, wo man der Enge zusammenhangsloser Einzelforschung müde geworden ist. - Der Aufsatz selbst hat in vielen einzelnen Gedanken u. in seiner Gesamttendenz etwas unendlich Lebensvolles; jenen Zusammenhang mit der unmittelbaren Ilmenauerfahrung, der mich von je in Ihren Schriften so tief ergreift.
Soll ich die Druckbogen eigentlich wieder schicken? Einige Fehler sind noch darin, ich war aber zu sehr vom Inhalt absorbiert, als daß ich sicher wäre, alle gefunden zu haben, u. Sie werden wohl längst damit fertig sein. Wie heißt die Sammlung, in der dies erscheint? - Die Rezension von Festa schicke ich mit. Sie wissen wohl, daß er Altphilologe in Rom ist? Er soll ein Krakeeler sein. - Ich ließ mir die Sache von Ella übersetzen. Es ist anerkennend, mio fratello, aber mehr ein Bericht als eingehende Kritik. Die Kantstudien schicke ich nächstens mal, die sind zu schwer. Auch von den Paulinzeller Bildern hatte ich neue Abzüge gemacht. Aber ich habe sie auf einen Karton geklebt, u. nun ists zu groß für einen Brief, u. ein Paket lohnt doch nicht.
Ob Sie "Wert darauf legen" würden, wenn ich Ihnen wieder Birnen schicken könnte?
Mein lieber Bruder, Ihre Schrift ist immer so hastig, u. ich möchte doch so gerne, daß Sie sich von dieser schädlichen Hetzerei freimachten. Eine Ausnützung der Zeit ist wohl gut, aber es darf nicht die Kraft zersplittern. Natürlich kann ich Ihnen in Eizelheiten nicht raten, besonders so aus der Ferne, nur bitten, daß "Sie selbst"! höchstselbst ablehnen, was irgend möglich ist, um Ihrer jetzigen Hauptaufgabe, der Universität, leben zu können. -
Was die Religions-Philosophie betrifft, so denke ich, daß niemand von Ihnen ein fertiges, geschlossenes System erwarten wird u. daß das Entwickeln während der Ausgestaltung gerade besonderes Interesse wecken wird. - Wie tief mich gerade diese letzten Fragen beschäftigen, wissen Sie ja. Wir leben darin. Dresden war für mich eine Krisis, u. wenn auch die Grundzüge meines Wesens sich nicht änderten, so ist die Gewißheit doch gewachsen, u. der Kreis der Erfahrungen hat sich erweitert u. vertieft. Wenn ich auch die Bildersprache der Symbole ablehne, so bin ich doch nicht taub für die Stimme Gottes in uns. Ist es eine Macht, die uns umgibt u. in uns überflutet, ist es der heilige Kern unsres Wesens, der nach Entfaltung ringt, es gilt mir gleich. Ich fühle diese Kraft als tröstliche Gewißheit, die mich nicht untergehen läßt. -
Haben Sie denn Zeit, mein lieber Bruder, für so viel Geschreibsel? Und werden Sie nun auch mal wieder schreiben?
Ich hoffe, Sie sind gesund? Ich grüße Sie von Herzen. Sagen Sie auch Ihrem Vater einen Gruß von mir u. vielleicht Frau Endriat. Sie hat mir immer so freundlich geholfen. Wie wird die Schwester sein? - Meine treuen Wünsche begleiten Sie. Wie immer
Ihre
Schwester

Aenne läßt grüßen!

Montag. zu 18. 9. 10
Noch war mein Brief nicht fort, da kommt heut früh Ihr "Kartenbrief". Ich danke Ihnen, daß Sie schreiben u. mir so treulich von allem Nachricht geben - u. doch sehne ich mich manchmal sehr nach ein wenig ausführlicherer Nachricht. Der Telegrammstil ist so kahl! - Warum erinnern die Zeitlosen Sie nur an das Vergehen, lieber Freund? Sie sollten Ihnen doch erzählen von dem immer Gleichen, Zeitlosen, das uns das Leben füllt u. reich macht. Ich hätte die symbolischen Blumen nicht sehr schmerzlich vermißt, wenn ich die Zeit ihrer Blüte versäumt hätte, so fest u. sicher lebt in mir, was sie mir zu sagen haben. Aber es freute mich doch, daß ich sie Ihnen schicken konnte.
- Die Wohnungsfrage hat sich nun also entschieden. Es ist gut, daß man zum Suchen so lange Zeit hat. In was für eine Gegend denken Sie denn zu ziehen?
Ich bin froh, daß Sie Sonatogen nehmen. Das soll gut sein. Ich kenne es nicht. Und die Fahrt nach Swinemünde sollten Sie bei gutem Wetter sicher ausführen u. dann aber auch die paar Tage ohne alle Pflichten genießen. Ist das Seebad aber im Oktober auch noch geöffnet?
Aennchen (warum schreiben Sie "Fräulein" Schwester?!) hatte auch einen enormen Schnupfen u. hat uns davon vermacht. Es ist aber bei mir nur schwach, ein Zeichen, daß ich doch nun wohler bin.
Es macht mich immer wieder stutzig, wenn Sie meinen, daß die Schule Sie vor wissenschaftlicher Überarbeitung bewahre. Ich glaube, die wissenschaftlichen Anforderungen sind darum doch nicht geringer, es ist nur noch eine Aufgabe mehr; die einzig berechtigt war, solange sie Ihnen als Gelegenheit zu persönlicher Wirkung notwendig war. Wenn diese Befriedigung, wie beim jetzigen Seminar, nicht mehr darin liegt, dann erschwert sie Ihnen das Leben, statt einen Ausgleich zu bilden.
Wie es sich mit der Religionsphilosophie einrichten läßt, können Sie in der Tat nur nach Ihrem Gefühl entscheiden. Es ist wohl besser, vorsichtig zu sein u. lieber zu wenig zu wagen. Denn Sie dürfen ganz gewiß nicht wieder Ihre Kraft so bis an die Grenze der Möglichkeit anspannen wie im Sommer.
Ich schreibe bald wieder, wenns Ihnen nicht zuviel ist? Und Sie müssen nicht denken, daß ich Sie mit der Verpflichtung, nur wieder zu schreiben, behelligen will. Es ist besser, Sie ruhen sich aus, wenn Sie mal Zeit haben. Wie steht es denn mit der übrigen Korrespondenz? Ist sie so lebhaft, wie in Ilmenau? Und erfreulich?
Also - adieu! Dem liebsten Bruder innige Grüße!
Käthe.