Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Oktober 1910 (Heidelberg)


Heidelberg. 4. Okt. 1910
Lieber Freund.
Ob Sie ahnen, welch tiefe, innige Freude Sie mir mit Ihrer lieben Sendung gemacht haben? Daß Sie mir dies Andenken von Ihrer lieben Mutter geben, hat mich sehr gerührt. Es ist mir nun eine doppelt wertvolle Erinnerung: um der so verehrten Frau willen, der es gehörte, u. durch die lieben Worte, mit denen Sie es mir gaben. Ich danke Ihnen, lieber Freund. - Und auch all das andre erfreute mich so: daß Sie noch daran dachten, wie gern ich das "Humboldtchen" haben wollte, u. das nette Wiedersehen mit der Ilmenauer Karte! Die behalte ich aber nur ein Weilchen u. schicke sie Ihnen dann wieder; denn erstlich hatte ich sie Ihnen doch geschenkt, u. zweitens kommen Sie viel eher mal wieder dorthin als ich. Eigentlich sind wir da überhaupt noch nicht ganz fertig geworden. Sie wollten noch in das Jagdschlößchen am Gabelbach u. ich ins Schortetal! Ach, wie lebhaft macht mir dies alles jene glückliche Zeit. Möge sie Ihre Kraft tief u. nachhaltig gestärkt haben, daß Sie nun ohne Schaden weiterstreben können. Denn von allem die größte Freude ists doch, daß Sie schreiben, es ginge Ihnen besser. Halten Sie Maß, daß es so bleibt. Ich höre so schrecklich gern, wenn Sie froh u. zufrieden von dem vollen Leben des Tages erfüllt sind. Dann wird es mir auch viel leichter, auf Nachricht zu verzichten. Aber wenn die hastigen, knappen Berichte so gar keine Freudigkeit verraten, dann quält mich immer eine unbestimmte Furcht, daß Sie wieder den Bogen überspannen.
Mir selbst geht es öfters nicht sehr gut.Es kommen immer noch Tage, wo die Nerven völlig versagen. Es hängt wohl viel mit dem ungünstigen Wetter zusammen. Denn psychisch gebe ich mir alle Mühe, den Druck, der so oft ohne erkennbaren Grund auf der Seele liegt, mit Vernunft zu überwinden. Ich kann dann wohl zu einer gewissen indifferenten Stille kommen; aber das beste Mittel, mir zu helfen, ist doch immer ein lieber Brief von Ihnen. - Ja, was ist Realität! Es ist eigen, wie dieselben "Realitäten" in Ihnen immer ein subjektives - in mir ein objektives Empfinden auslösen. Träume! Wieviel sind meine Gedanken seit Jahr u. Tag bei diesen Rätseln u. vertiefen in mir einen Hang zur Mystik, den ich doch nicht beherrschend werden lassen will. Wenn ich ihm nachgeben würde, dann würden Dunkel u. Hoffnungslosigkeit mich erdrücken. Seltsam genug verknüpfen sich Traum u. Wirklichkeit zu einem beziehungsvollen Ganzen. Ist es, weil ein leitender Geist uns eine von Anbeginn bestimmte Zukunft blitzartig in zusammenhangslosem Bilde sehen ließ - steigt aus unserm eigenen tiefsten Wesen ein ahnungsvolles Vorwegnehmen kommender Notwendigkeiten? Ich neige beinah mehr zur ersten Auffassung - oder, wenn ichs in der zweiten Form denken soll, dann muß in uns ein Leben sein, das überindividuelle Zusammenhänge hat. Wieviel könnte ich Ihnen darüber erzählen! Aber schreiben kann man eben nicht alles; auch wenn Sie, mein liebster Bruder, mehr Zeit dafür übrig hätten. Es gibt aber auch sonst genug vom "Innenleben", das man sich mitteilen möchte, wenn man wie wir gemeinsam lebt. Denn das möchte ich freilich nicht, so lebhaft mein Interesse auch für alles Äußere ist, das Sie betrifft, daß unser Briefwechsel zum bloßen Tatsachenbericht sinken würde. - Gerade jetzt sind da nun viele Tatsachen, die mich in ihrer Wirkung auf Sie brennend interessieren: das Schulfest, - u. dann die definitiven Abmachungen für den Winter; dann die neue Einrichtung des Haushaltes. Lassen Sie mich, soviel ich kann, daran teilnehmen. Ich für meine Person habe jetzt den ersten Monat mit der veränderten Versorgung abgeschlossen u. will über die Unkosten dabei mal eine Übersicht aufstellen. Wir wollen es doch möglichst praktisch machen, u. hoffentlich versteht die Haushälterin zu verwerten u. einzuteilen. Es läßt sich ja vor einigen Wochen kein Urteil gewinnen, aber ich hörte doch gern von Ihren vorläufigen Eindrücken.
Von der geplanten Reise schreiben Sie kein Wort mehr. Wie gern hätte ich Sie ein paar Tage froh u. frei in schöner Natur gewußt! Hat das Sanatogen Wunder gewirkt, daß die Erholung nicht mehr nötig war? Oder war die Wirkung nur so gut, damit die Reise überflüssig wurde? Ich traue Ihnen nicht, mein lieber Liebling, denn so machen Sie es immer. Erst sind da die schönsten Pläne u. nachher geschieht gar nichts.
Umso höher rechne ichs Ihnen an, daß Sie die Haushaltsfrage so durchgreifend u. energisch geregelt haben. - Haben Sie nun auch gleich die Schränke geordnet u. unnötigen Kram beseitigt?
Gestern u. heut waren Ernst Schwalbe u. sein Sohn Bernhard hier. Der Junge ist nett, aber schlecht erzogen. Es ist doch vielfach in unsrer theoretisch so pädagogischen Zeit, daß die Kinder sehr unerzogen aufwachsen. - Ernst selbst hat immer noch diese arge Hautkrankheit, die Folge einer Blutvergiftung war, u. ich glaube, daß die Sache mehr an seinen Kräften zehrt, als er es zugesteht. Denn er sieht gar nicht gut aus u. hat auch im Wesen etwas Müdes gegen früher. - Er ist aber sonst derselbe treue, liebe Mensch wie immer.
Aenne trägt mir Grüße für Sie auf. Sie ist sehr lieb u. rücksichtsvoll. Wenn ich immer meine Heftigkeit so beherrschte, wie sie ihre Anlage zur Inquisition, dann würde es wohl ohne Schwierigkeiten ablaufen.
Morgen kommt Ada Weinel her, zum Frauenkongreß. Einige der Vorträge gedenken wir auch zu hören, z. B. den von Frl. Dr. Bäumer. - Sagen Sie, lieber Freund, sind Sie nicht etwas ungerecht gegen die Gesamtleistungen dieser Frauenbestrebungen um einiger unliebsamen Auswüchse willen? Es hat diese ganze Richtung doch eine große innere Berechtigung, u. was ungesund u. übertrieben darin ist, wird ganz gewiß das Leben schon regulieren. Solche Abnormitäten wie das I. u. teilweise auch Ella Grassi sind doch zum Glück Ausnahmen. - Aber es ist spät, u. ich möchte, daß dieser Brief doch bald zu Ihnen kommt. Er wird wohl gerade am 6. eintreffen - meines Vaters Todestag. Ich schicke Ihnen auch nächster Tage nun ein kleines Paket, an dem ich schon länger laboriere. Wenn Sie doch die Birnen nicht brauchen können, so sollen Sie wenigstens einige von den neuen Abzügen bekommen. - Immer wie in Ilmenau
treu u. dankbar
Ihre Käthe.
[li. Rand] Innige Grüße, lieber Freund, u. grüßen Sie auch Ihren Vater.