Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Oktober 1910 (Heidelberg)


Heidelberg, 6. Okt. 1910
Liebster Bruder.
Ihr unerwarteter, großer Brief erfreute mich heute sehr. Es ist ein freundlicher Zufall, daß mir Ihr lieber Gruß gerade am heutigen Gedenktage kommt. Daß Sie auf Nachricht warteten, bedaure ich herzlich. Die Pakete brauchen immer so lange, wie Sie wissen. Es traf am Montag ein, durch den Schwalbeschen Besuch kam ich nicht sofort zum Schreiben, sondern erst Dienstag. So verzögerte sich meine Antwort mehr als mir lieb war. Denn wie gern ich immer schreibe, das wissen Sie - vielleicht mehr, als Ihnen bequem ist. Wieviel Neuigkeiten haben Sie diesmal zu melden, frohe u. andre. Das Schulfest war gewiß wunderhübsch, u. ich bin wie immer stolz auf meinen Repräsentator dabei. Das einzige, was mich beunruhigt, ist die Autofahrt u. die Kälte. Denn das ist nun doch einmal nicht zu verleugnen, mein lieber Freund, daß Sie sich mehr als andre vor Erkältungen hüten müssen. Und mit der Warmhaltung schein es ja schwach ausgefallen. Von einer vorschriftsmäßigen Anzahl der Knopflöcher eines Mantels hatte ich natürlich keine Ahnung. Ich taxierte nur nach der Größe u. die schien mir reichlich. Wenn jetzt nur was Vernünftiges daraus wird. Vielleicht hätten Sie es unter diesen Umständen lieber damit lassen sollen u. den Mantel verschenken oder verkaufen können. So macht es vielleicht nur Unkosten ohne Erfolg. - Vergessen Sie nur nicht, daß Sie gegenüber Aenne nichts davon erwähnen, denn es weiß doch niemand was davon. Und ebenso wenig von den "Schokoladepuppen", die sie, in Erinnerung an Ilmenauer Sendungen, meinem Paket als Gruß beifügte. Es genügt, wenn Sie Ihnen gut schmecken. - Und auch all meine Kleinigkeiten wollen Ihnen nur gern ein wenig Freude machen; Ihnen zeigen, wie ich bedaure, daß ich nicht mehr sorgen kann, wo es fehlt, und Sie ein bißchen verwöhnen. Denn leider scheint es ja, als wenn die "Aushülfe" im Juni trotz ihrer geringen Leistungskraft doch zuverlässiger u. brauchbarer gewesen ist, als die jetzige. - Was gäbe ich darum, wenn ich Sie jetzt wirklich gut versorgt wüßte. Gerade die Sicherheit für einen guten Charakter schien mir mit dieser Wahl gegeben. Und nun ist die rechte Sicherheit schon hin. - Hatten Sie eigentlich je eine Antwort von der anderen Adresse? Jedenfalls darf die Sache nicht durch die Person scheitern, sondern es muß dann eben jemand anderes gesucht werden. Jetzt sind ja die bewußten Hilfskräfte wieder in Berlin, die ich in Bewegung setzen könnte, also lassen Sie mich nur wissen, wann ich es tun soll. Es ist heute ein so himmlischer Herbsttag, daß es einem viel zu eng im Zimmer ist. - Die Sonne trocknet den Schwamm, den ich gründlich ausgewaschen habe u. Ihnen gern als Ersatz für den schlechten aus Ilmenau schicken möchte. Und dieser Bleistift braucht nicht gespitzt zu werden. Neuen Graphit kann ich Ihnen jederzeit nachschicken, wenn die Reserve verbraucht ist. Die Schloßbiskuits werden leider etwas verquetscht ankommen, denn sie müssen als Holzwolle dienen. - Und sonst? Allerlei Rücksendungen, ein Brief von Hermann, dem heut noch eine Karte mit Hete aus Greifswald nachkam. - Die Blätter aus dem Album meiner Muttter sind merkwürdig, nicht wahr? Wieviel schöner ist Paulinzella jetzt, auch wenn man die unvollkommene Zeichnung ergänzt. Beachten Sie das Datum! Von unseren Aufnahmen gefällt mir doch auch die erste recht gut, die mir so besonders den Eindruck zurückruft, wenn man aus dem Halbdunkel der Vorhalle in die lichte, klare Schönheit der Säulenreihen hinaustritt. Es ist ein weihevoller Raum in seinem vollendeten Ebenmaß u. dieser Ton wird unvergänglich nachklingen in mir, wie so viel andre noch aus unserer Ilmenauer Harmonie. - Wer ist denn eigentlich die flotte Zeichnerin des lustigen Porträts? Wie schade, daß Böhm nun doch nicht die Bestätigung als höhere Schule bekommt. Haben die "akademischen" Kräfte überhaupt noch das frühere Interesse für ihn? Ist dieser , der wohl nicht aufrichtig zu sein scheint, eigentlich einflußreich? Er war es ja wohl auch, der die Vorträge s. Z. durch Intrige vereitelte.
Hier wird nun also lebhaft von den bewegten Frauen getagt. In mir streitet das Pflichtgefühl, das doch eigentlich ein größeres Interesse für all diese Frage verlangt, mit der Abneigung gegen dies ganze Versammlungswesen. Es war mir schon im Münchner Künstlerinnenverein unerträglich u. doch muß ich wohl anerkennen, daß viel geleistet wird. Morgen kommt nun Ella Grassi zum letztenmal, ehe sie wieder nach Rom geht. Das Stückchen Eucken, das wir zusammen lesen, hat mir nicht viel gegeben. Wir haben auch ein wenig Italienisch getrieben, aber ich bin zu dumm. - Jetzt kommt im internationalen Verkehr Ablösung durch Frl. Héliard aus Paris, die ebenfalls studiert. Sie machen sich keinen Begriff von dem Unterschied der Typen. Ella, die schwerfällige, gründliche, unelegante Deutsche, die von italienischer Seite nur den Mangel an Ordnung und Reinlichkeit mitbringt u. dagegen die bewegliche, geistig u. äußerlich elegante Französin. Die zwei mögen sich gar nicht. Ich kann jede in ihrer Art schätzen u. menschlich verstehen, ohne daß sie mich persönlich fesselten. Von Coss kann ich nichts schreiben, da er bis zum 20 Okt. noch in Frankreich ist u. ich ihn nur etwa 10 Minuten sah. Aber dann denke ich, wird er wohl mal wieder kommen. Sie fragen auch nach den Chancen einer "Verständigung" mit Aenne, lieber Bruder. Es ist damit alles geblieben, wie es war. Auf dem Hermesberge setzte ich ihr meine Stellung zur Sache auseinander, die sie auch einsah. In der Praxis beschloß ich den Dingen einfach den gegeben Lauf zu lassen. Großmutter Knaps behauptet das wohl mit Recht - daß sie stets mit ihrem Ansehen für mich eintreten werde. Im übrigen hat sich eine Veranlassung zu einer Aufklärung gegeben. Nur den Schwestern Seitz, die ich schätze u. denen ich vertraue, habe ich die Wahrheit gesagt, u. dasselbe will ich gelegentlich bei Frau Prof. Fürbringer tun. Von Anna Weise hatte ich gute Nachricht. Ende Oktober gehen sie mit Willi nach Meran. Vielleicht kann ich vorher noch einmal zu ihr. Ich habe sie Jahr und Tag nicht gesehen. Lieber, einziger Bruder, haben Sie sich mit der leichtsinnigen Nachtfahrt auch wirklich nicht geschadet? Es ist so ungesund, so durchzufrieren u. hier spukt allenthalben die Influenza. Schreiben Sie mir bald, ob Sie auch gesund sind u. wie sich die häusliche Schwierigkeit löste. Möchte doch Ihr Vater wieder gesund sein u. Ihnen keine Sorge machen.
Mit vielen innigen Grüßen
Ihre treue Schwester.

[li. Rand] Zur Naturwissenschaft: Edelkastanie mit Früchten, reifen jetzt hier in Fülle.